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 Handelsblatt, 4. Februar 2011

 

Buch von Walter Kohl: Die kalte Seite der Macht

Gerd Langguth

Bonn

 

Walter Kohl – Sohn des Alt-Kanzlers – hat ein Buch über seinen Vater geschrieben. Merkel-Biograph Gerd Langguth hat die Aufarbeitung für das Handelsblatt gelesen und kommt zum Schluss, dass Kohls zweite Frau Maike Richter der Grund für das Zerwürfnis zwischen Vater und Söhnen ist.

BONN. Das Buch von Walter Kohl zeigt dem Leser die kalte Seite der Macht. Sie trieb seine Mutter am 5. Juli 2001 in Dunkelheit und Tod und führte zur totalen Entfremdung des Vaters zu seinen Söhnen. Der familiäre Kälteschock traf Sohn Walter am schärfsten, als sein Vater ihm den Suizid seiner Mutter per Sekretärin mitteilen ließ. Der Tiefpunkt der Vater-Sohn-Beziehung wurde erreicht, als Helmut Kohl seine Hochzeit mit Maike Richter per Telegramm mitteilte und die Söhne von der Feier ausschloss und damit endgültig aus dem Familienkreis verstieß. Noch nie hat ein Politikersohn derart schonungslos offengelegt, wie die Gier nach Macht einen Politiker menschlich deformieren kann.

Natürlich war Helmut Kohl nicht jemand, der Laubsägearbeiten mit den Söhnen im Keller verrichtete. Aber viele der ehemaligen leidgeplagten Mitarbeiter erinnern sich noch heute daran, wie sich der damalige Bundeskanzler täglich nach seinen Söhnen erkundigte und ihnen auch Hilfe angedeihen ließ – etwa mit Akten oder politischen Analysen für den Gemeinschaftskundeunterricht. Helmut Kohl wird sich gerade dieser Tage erinnern, dass er und seine Frau das teure Amerika-Studium von Walter finanzierten. Das war ein beträchtlicher Anteil des privaten Finanzhaushaltes.

Der Vater unterstützte den Sohn auch auf dem Weg ins Berufsleben massiv, etwa als dieser sicherlich mit der Vermittlung des Vaters eine Stelle beim „Kaufhof“ erhielt und später für anderthalb Jahre bei der Deutschen Vermögensberatung. Dann gründete Walter am 15. Februar 1999 die Beratungsfirma „Politik & Beratung (P & B)“. Die angegebene Adresse ist die private Anschrift des Altbundeskanzlers. Helmut Kohl wollte auf diese Weise seinem Sohn eine berufliche Perspektive geben. Er wird also im Rückblick auf seine Unterstützung für seine Söhne ziemlich selbstgerecht wenig Verständnis für die publizistischen Aktivitäten von Walter haben.

Doch warum kommt das Buch erst jetzt? Wenn man unter einem Machtmenschen, der sein Machtmenschentum auch in der Familie durchzusetzen wusste, litt und heute noch leidet, wird die Erinnerung an die eigene Leidenstiefe durch das Schreiben und die innere Aufarbeitung eher geringer. Söhne (und Töchter) von berühmten Eltern haben es immer besonders schwer – das musste auch Lars Brandt erfahren, der in seinem Buch „Andenken“ deutlich wird. Walter Kohl behauptet zwar, das „Sohn-von-Kohl-Sein“ schmerze ihn heute nicht mehr, aber man merkt doch, wie stark sein Vater immer noch in ihm wirkt.

So musste er als Schuljunge seinen Vater quasi aus Familiensolidarität verteidigen. Er und sein Bruder Peter gingen zu einer Zeit bedeutender innen- und außenpolitischer Entscheidungen zur Schule. Es war die Zeit der Roten-Armee-Fraktion, des Nato-Doppelbeschlusses und der Demonstrationen der Friedensbewegung. Es gab Entführungs- und Morddrohungen gegen die Familie.

Die Brüder durften aus Sicherheitsgründen jahrelang nur auf dem Nachbargrundstück und unter Polizeiaufsicht spielen. Sie hatten kaum Spielkameraden, da manche Eltern der Meinung waren, sie seien als Umgang ihrer Kinder zu gefährlich: Sie waren ja potenzielle Entführungsopfer. Walter Kohl berichtet, dass er von Mitschülern mehrfach zusammengeschlagen wurde, weil er für die eine oder andere politische Entscheidung seines Vaters „zur Rechenschaft“ gezogen wurde. Ein Lehrer habe sogar seinen Vater wegen des Nato-Doppelbeschlusses im Unterricht als „Massenmörder“ bezeichnet. Kohl junior erinnert sich allerdings nicht nur an die Lasten eines Kanzlersohnes, sondern auch an schöne und spannende Momente, etwa an so manches Gespräch mit Staatsmännern wie US-Präsident George Bush senior.

Verletzend war, dass die erste Mitteilung über den Tod der Mutter nicht vom Vater kam, sondern in seinem Auftrag von seiner damaligen Sekretärin Juliane Weber. Politiker dieser Spitzengarnitur lassen unangenehme Dinge durch andere erledigen, das sind sie gewohnt.

Der eigentliche Grund für das Zerwürfnis dürfte jedoch die neue Frau des Vaters sein. Mit 78 stürzte Helmut Kohl, er soll ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben. Ein halbes Jahr später, im August 2008, wird überraschend bekanntgegeben: Kohl hat in der Kapelle einer Heidelberger Rehaklinik seine 34 Jahre jüngere Lebensgefährtin Maike Richter geheiratet, die als Regierungsdirektorin im Bundeswirtschaftsministerium arbeitete. Durch ein Drei-Zeilen-Telegramm wurden die Söhne von der Hochzeit unterrichtet.

Der offizielle Eintritt von Maike Richter in das Leben von Helmut Kohl war die eigentliche Bruchstelle zwischen Vater und Söhnen. Inoffiziell spielte sie allerdings für den „Alten“ immer schon eine besondere Rolle. Zwar wurde in der „Bild“-Zeitung behauptet, die promovierte Volkswirtin habe für Kohl 1998 „Versatzstücke für Reden“ geschrieben.

Tatsächlich kannte Kohl Maike Richter seit langem. Noch während seiner Amtszeit als Kanzler arbeitete sie in der wirtschaftspolitischen Abteilung des Kanzleramtes. Gegen den massiven fachlichen Rat aller Beteiligten versuchte er, sie in seinen Redenschreiberstab zu bugsieren. Offensichtlich wollte er sie in seiner Nähe haben. Da Kohl aber in Privatangelegenheiten eher ein vorsichtiger Mensch ist, wollte er kein Machtwort sprechen und ließ von seinem Plan ab. Offensichtlich hatte er also schon früher als später dargestellt Gefallen an der jungen Beamtin gefunden.

Nach der Wahlniederlage der Union 1998 wechselte Maike Richter zunächst in das Bundestagsbüro von Friedrich Merz, dann ging sie als Redakteurin zur „Wirtschaftswoche“, schließlich wurde sie Referatsleiterin im Bundeswirtschaftsministerium. Bevor die Liaison bekannt wurde, überlebte Kohl gemeinsam mit mehreren Begleitern 2004 die Tsunami-Katastrophe in Sri Lanka. Er war dort zur Ayurveda-Kur. Was damals noch niemand wusste: Auch Maike Richter war dabei.

Ist das Buch von Walter Kohl über Helmut Kohl nun eine Abrechnung, gar Rache? Kohl junior arbeitet heute in der Automobilbranche. Insgesamt blieben seine beruflichen Bemühungen weitgehend Bemühungen. Seine erste Ehe ging in die Brüche. Walter Kohl machte es sich im Leben nicht leicht. Und nicht für alles ist sein Vater verantwortlich. Und doch spielt dieser heute noch eine zentrale Rolle.

Helmut Kohl antwortete seinem Sohn auf seine direkte Frage „Willst du die Trennung?“ mit einem knappen „Ja!“. Auf die Frage, was es bedeuten würde, wenn von seinem Vater ein Kontaktangebot käme, antwortete Walter Kohl: „Dann würde es allen in der Familie helfen. Wichtig ist, dass man wirklich miteinander spricht und einander zuhört.“ Rache ist das Buch sicher nicht, eher eine indirekte Anfrage, dass es endlich zu einer Verständigung kommt.