|
|
Rede von Professor Dr. Gerd Langguth aus Anlass der Überreichung des Medienpreises des Vereins der ausländischen Presse am 15. Oktober 2009 in Berlin - Es gilt das gesprochene Wort -
"Liebeserklärung an die ausländische Presse"
Lieber Herr Thibaut! Über den Preis des Vereins der Auslandspresse in Deutschland habe ich mich sehr gefreut. Zugegeben, ich habe in den Monaten vor allem vor der Bundestagswahl sehr viel Zeit in Hintergrundgespräche und Interviews mit ausländischen Pressevertretern investiert – aber mit sehr viel persönlichem Gewinn. Doch will ich auch zugeben, dass manche der scheinbar „einfachen“ Fragen mit am schwierigsten zu beantworten waren. Ausländische Pressevertreter gehen häufig sehr viel direkter auf die eigentliche politische Problemstellung ein, ohne manch „ideologischen“ Vorverständnisse ihrer deutschen Kollegen. Wenn ich an die ausländische Presse in Deutschland denke, fallen mir drei Beispiele ein: 1. Vor ziemlich exakt zwanzig Jahren, am 9. November 1989, war es ein Journalist der italienischen Nachrichtenagentur „ansa“, der bei der berühmten Pressekonferenz des Politbüromitglieds der SED, Günter Schabowski, die erste Frage nach dem neuen Reisegesetz der DDR („Privatreisen nach dem Ausland“) gestellt hatte. Es war dann der „BILD“-Reporter Brinkmann, der durch weitere Fragen bei Herrn Schabowski nachbohrte, was schließlich dazu führte, dass Schabowski um 19.07 Uhr die überraschende Erklärung abgab, das Reisefreiheitsgesetz gelte ab sofort. Das führte zur Öffnung der Mauer. Ein spanischer Journalist hat - gemeinsam mit seinem deutschen Kollegen - Geschichte gemacht. 2. Dass sich Angela Merkel schwer tut, ihre innere Gefühlslage einem breiteren Publikum kundzutun, machten am Ende der Koalitionsverhandlungen vor vier Jahren schonungslos zwei ausländische Journalistinnen überdeutlich: Nachdem Merkel auf einer Pressekonferenz alle technischen Details der Koalitionsbildung ausgiebig erläuterte, stellte eine irische Journalistin die Frage: „Frau Merkel, Sie werden jetzt Bundeskanzlerin: Wie fühlen Sie sich?“. Merkels Antwort war vielsagend und verwirrend zugleich: „Ja, also, äh…erstens, es geht mir gut. Zweitens, ich glaube, dass sehr, sehr viel Arbeit vor uns liegt.“ Da dies nichts über die Gefühle Merkels aussagte, bohrte eine dänische Journalistin weiter: „Sind Sie glücklich? Come on!“ Ausländische Journalistinnen waren es, die deutlich machten, dass die künftige deutsche Kanzlerin kein Vokabular für Emotionen hatte. Nicht einmal von Erschöpfung oder Erleichterung spricht sie, sondern wieder von guter Stimmung und der vielen Arbeit, die vor ihr liegt – um dann sachlich festzustellen, dass es ja ganz schlimm wäre, wenn sie jetzt griesgrämig wäre. 3. Dass wir in Deutschland die deutsche Sprache pflegen, auch auf Pressekonferenzen, diese erstaunliche Erkenntnis verdanken wir nicht nur Guido Westerwelle, einem der rhetorisch versiertesten deutschen Politiker, der einem Journalisten der BBC aufs Glatteis gegangen ist. Die Aussage des designierten Außenministers Westerwelle „Wir sind hier in Deutschland“, da werde nun mal Deutsch gesprochen, nicht Englisch, führte die britische Zeitung „The Independent“ zugleich zu dem Vorwurf eines „neuen teutonischen Selbstbewusstseins“. Zugleich wurde deutlich, wie notwendig die Sprachfortbildung auch für aufstrebende Politiker ist, wenn auch die Arbeitssprache des Vereins der ausländischen Presse in Deutschland die deutsche Sprache ist. Ich fasse zusammen: 1. Fragen ausländischer Pressevertreter können es in sich haben, sie sind häufig das Salz in der Suppe. 2. Ausländische Pressevertreter haben einen anderen Blick für die deutsche Realität, weil sie in keinerlei gedanklicher oder tatsächlicher Abhängigkeit von deutscher Politik stehen. 3. Ich habe viele ausländische Journalisten kennengelernt, die einen hohen Standard an journalistischer Qualität vermitteln. Vielleicht ist das Wort "Liebeserklärung" etwas pathetisch, aber aus diesen Gründen habe ich gerne Ihren Medienpreis entgegengenommen. | |||||||||||||||||||||||||||