Aus: Europäische Rundschau, 26. Jahrgang,
Nummer 1/98, S. 49-68
Rückschau auf die Zukunft
Deutschland im Zeichen der Globalisierung"
Von
Gerd Langguth
Menschen lebten immer schon in
Übergangszeiten. Schon Alexis de Tocqueville hat das gewußt, als er 1840
schrieb: "Die entstehende Gesellschaft ist noch zur Hälfte von den
Trümmern der versinkenden Gesellschaft bedeckt, und keiner vermag - inmitten
der ungeheuren Verwirrung der menschlichen Angelegenheiten - zu entscheiden,
was von den alten Institutionen und Sitten bleiben und was vollends
verschwinden wird." Wie aktuell! Kein Zweifel, wir - die Deutschen, die
Europäer, ja die gesamte Welt - leben am Ende des Ost-West-Konfliktes in einer
epochalen Zeitenwende.
Ausländische Beobachter, und auch die
innenpolitische Diskussion spiegelt das wider, konstatieren gegenwärtig, daß
das wiedervereinigte Deutschland erhebliche Schwierigkeiten hat, den
Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein. Deutschland ist gleichwohl das
einzige Land der Welt, das gegenwärtig mit zwei parallelen
Modernisierungsprozessen konfrontiert ist - nämlich einerseits mit der
Modernisierung der einstigen (westdeutschen) Bundesrepublik Deutschland und mit
der Transformation des Territoriums der einstigen "Deutschen
Demokratischen Republik" von einer kommunistischen Kommandowirtschaft in
eine freiheitliche und Soziale Marktwirtschaft andererseits. Dieser doppelte
Modernisierungsdruck macht die besondere Situation in Deutschland aus.
Veränderungs- und Problemdruck gibt es auch
in allen anderen, vor allem den politisch und wirtschaftlich am weitesten
fortgeschrittenen Staaten, doch lastet auf das wiedervereinigte Deutschland,
einer "Zentralmacht" im Herzen Europas auch aus historischen Gründen
und wegen seiner geopolitischen Lage eine gewaltige politische Verantwortung:
Erstmals in seiner Geschichte ist Deutschland nur von friedlich gesonnenen
Partnern umgeben und ist zugleich selber politisch und militärisch friedlich
gestimmt. Die Aufteilung der Welt in "West" und "Ost" war
innerhalb kurzer Zeit überflüssig - auch die angeblich "blockfreien"
Staaten wie Kuba oder Schweden gehörten ja in Wirklichkeit zu einem der beiden
großen Blöcke. Mit der Überwindung des Ost-West-Konfliktes wurde die Welt aber
auch zugleich unübersichtlicher, regionale Konflikte wurden wieder möglich.
Hier sollen nicht "Utopien" für
die Politik eingefordert werden, die Politik darf nicht Religionsersatz sein.
"Der Wunsch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produzierte stets die
Hölle", schrieb zu Recht Sir Karl Popper. Gleichwohl gibt es ein Bedürfnis
vieler Bürger nach "letzten Wahrheiten" auch in der Politik. Besser
ist es, von "realen Utopien" zu sprechen, denn wir müssen uns auch um
ein Bild der Zukunft unserer Gesellschaft bemühen, nüchtern die heute schon
feststellbaren Entwicklungstendenzen konstatieren und in der Wertgebundenheit
unserer politischen Überzeugung möglichst frühzeitig Konsequenzen ziehen.
Historischer Determinismus, geschichtsmäßige Gesetzmäßigkeiten im engeren Sinne
helfen nicht weiter. Gleichwohl müssen wir bei unseren Überlegungen zur Zukunft
von einem realistischen Menschenbild ausgehen, das uns vor utopistischen oder
gar voluntaristischen Betrachtungen bewahrt.
Dabei ist ein Blick auf die wichtigen
Aufgaben der Zukunft - auch zu Beginn eines sich ankündigenden neuen Milleniums
- ohne ein Blick zurück und ohne eine Analyse der Gegenwart nicht möglich.
Erinnert werden muß daran, daß in den letzten Jahren - mit der Deutschen
Einheit - Veränderungen stattfanden, die globale Bedeutung entwickelten:
Erstens: Mit dem Rücktritt Gorbatschows am 25. Dezember 1991
endete das 1917 begonnene marxistisch-leninistische Experiment der Sowjetunion,
die sich in zwölf Staaten auflöste. Damit endete aber auch die mehr als
dreihundertjährige Geschichte eines russischen Imperiums. Rußland ist im
Gegensatz zur einstigen Sowjetunion keine "Supermacht" mehr. Eine -
gerade für Deutschland - wichtige Frage ist daher, wie Rußland in eine
gesamteuropäische politische und vor allem Sicherheitsarchitektur eingebaut,
wie das im Auflösungsprozeß entstehende Machtvakuum auf dem Territorium der
einstigen Sowjetunion aufgefangen werden kann. Westeuropa darf sich auf Dauer
Rußland nicht zum Feinde machen, die demokratischen Entwicklungschancen der Nachbarländern
Rußlands - inklusive der baltischen Staaten - dürfen dabei ebenfalls nicht
vergessen werden. Zu den besonderen Problemen gehört vagabundierendes Material
und Know-how zur Herstellung von Atombomben, deren Erlangung vor allem
bisherige Atomwaffen-"Habenichtse" erstreben, dessen Besitz aber auch
terroristischen Organisationen ein wichtiges Erpressungsmittel sein kann.
Zweitens: Die einzige verbliebene Supermacht sind die
Vereinigten Staaten von Amerika. Unverkennbar gibt es nicht nur im amerikanischem
Kongreß Stimmen, die die europäischen Staaten auf eine stärkere Verantwortung
für den europäischen Kontinent verpflichten wollen. Die anfängliche
Zurückhaltung der USA im Konflikt um das frühere Jugoslawien bestätigt diese
Aussage. Und tatsächlich ist es auch nicht einsichtig, warum die Europäer
zumindest lokale und regionale Konflikte in Europa, zum Beispiel den Konflikt
zwischen der Türkei und Griechenland um einige Ägäis-Inseln, nicht in eigener
Verantwortung lösen sollen. Andererseits ist es aus Gründen der politischen und
militärischen Stabilität im deutschen wie im Interesse der Europäischen Union,
auch die militärische Präsenz der USA möglichst lange in Europa zu erhalten Es
mehren sich sogar Analysen, die von einem "Kulturbruch" zwischen den
USA und Europa sprechen - Analysen, die davon ausgehen, daß in langfristiger
Perspektive die USA sich wieder auf sich selbst besinnen, zumal kontinuierliche
Trends in der Bevölkerungszusammensetzung den Anteil der aus europäischen
Einwandererfamilien stammenden Amerikaner zusammenschrumpfen lasse.
Andererseits hat sich bis jetzt auf dem "Hill" in Washington die
Erkenntnis durchgesetzt, daß in allen prinzipiellen Fragen der Politik
(Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten, liberaler Welthandel) bei
manchen Divergenzen die grundsätzliche Übereinstimmung mit "den"
Europäern immer größer sein wird als mit den asiatischen oder afrikanischen
Partnern. Die eng mit der amerikanischen Führungsmacht verwobene NATO hat auf
ihrer Gipfelkonferenz im Juli 1997 in Madrid Polen, Ungarn und die Tschechische
Republik eingeladen, Mitglied der NATO zu werden. Die NATO wurde trotz des
Endes des Ost-West-Konfliktes nicht als nunmehr überflüssig erkannt, sondern
die Zahl der Anwärter auf eine Mitgliedschaft wird immer größer. Selbst in den
traditionell "neutralen" Staaten wie Österreich, Finnland und
Schweden wird in internen Diskussionen eine NATO-Mitgliedschaft nicht mehr
ausgeschlossen. Die NATO bleibt damit der Kern einer gesamteuropäischen
Sicherheitsstruktur,. hingegen hat die OSZE (früher KSZE) nur in wenigen Fällen
(z.B. im Zusammenhang mit Wahlbeobachtungen) praktisch-politische Bedeutung
erlangen können.
Drittens: Der Europäische Binnenmarkt, der Vertrag von
Maastricht vor allem mit seiner Entscheidung für die Einführung des
"Euro" als gemeinsamem Zahlungsmittel und der Vertrag von Amsterdam
mit wichtigen Entscheidungen in Sachen gemeinsamer Innen- und Justizpolitik und
für eine besser koordinierte "Gemeinsame Außen- und
Sicherheitspolitik" (GASP) zeigen den erheblichen Beschleunigungsprozeß
der inzwischen auf fünfzehn Mitgliedsstaaten angewachsenen Europäischen Union -
mindestens sechs weitere Staaten sollen kurz nach der Jahrtausendwende in den
bisher auf Westeuropa beschränkten "Club" hinzukommen. Die Gemeinsame
Außen- und Sicherheitspolitik - auch im Rahmen der Westeuropäischen Union
(WEU), wie im Vertrag von Amsterdam vorgesehen - wurde in einigen
EU-Mitgliedsstaaten auch deshalb sehr zurückhaltend betrachtet, weil damit die
Gefahr einer Konkurrenz mit der NATO und insbesondere hinsichtlich die
Engagements der USA in Europa heraufbeschworen wurde.
Viertens: Als der Hamburger Politikwissenschaftler Christian
Hacke 1993 in einem Buch von der Bundesrepublik Deutschland als einer
"Weltmacht wider Willen" schrieb, wurde er von den Angehörigen seiner
Zunft heftig dafür gescholten. Später kam ihm sein Bonner Kollege Hans-Peter
Schwarz zur Hilfe, als er von Deutschland als einer "Zentralmacht"
Europas sprach. Kein Zweifel, die Bundesrepublik Deutschland hat schneller, als
viele es vorhergesagt hatten, begriffen, daß es mehr politische und sogar
militärische Verantwortung übernehmen muß - die integrierte Mitwirkung der
deutschen Bundeswehr bei den SFOR-Truppen in Bosnien sind ein deutlicher Beleg
für diese These. Dennoch wird man bezüglich Deutschland weiterhin von einer
Kultur der Zurückhaltung ausgehen müssen, wenn es um internationale Einsätze
geht, zumal Deutschland aufgrund der enormen finanziellen Vereinigungslasten
sehr auf sich selbst konzentriert ist - und deshalb auch im Rahmen der
europäischen Integration nicht mehr im gleichen Ausmaße die finanziellen
"incentives" zur Verfügung hat wie in der Vergangenheit. Auch
bezüglich der europäischen Integration wird Deutschland "normaler":
War in der Vergangenheit in der alten Bundesrepublik faktisch die prinzipielle
Diskussion um die europäische Integration tabuisiert, so mehren sich jetzt die
Stimmen grundsätzlicher Kritik an der europäischen Integration, und zwar nicht
nur wegen der bevorstehenden Diffundierung der geliebten "Deutschen
Mark" in eine von manchen als unsicher empfundene Zukunft des
"Euro". Und: Das Zusammenwachsen der Deutschen zu einer Nation
erfordert nach über vierzig Jahren Trennung noch einige Zeit, wird aber trotz
mancher selbstquälerischen Diskussion gelingen. Die Deutschen ringen mit vielen
Identitäten - einer familiären, einer lokalen, einer regionalen, einer
nationalen und einer europäischen. Aber auch Umfragen zeigen trotz zunehmender
Skepsis zu den Institutionen der europäischen Integration, daß deutsche und
europäische Identität keinen Gegensatz darstellen, sondern sich ergänzen.
Fünftens: Gleichzeitig haben wir auf wichtigen Feldern der
Politik schon seit Jahren eine Globalisierung zu verzeichnen. Dies gilt
insbesondere für alle Fragen der Umwelt. Zu fragen ist, was die Beschlüsse von
Rio tatsächlich weltweit bewirkt haben. Und die gegenwärtigen
Umweltkatastrophen in Asien geben zu der Befürchtung Anlaß, daß gerade in
Entwicklungs- und Schwellenländern die Umweltpolitik sträflich vernachlässigt
wird. Doch haben auch die entwickelten Staaten, die in ganz erheblichem Ausmaß
für den CO- 2-Ausstoß verantwortlich sind, keinen Grund zur
Selbstzufriedenheit.
Vier
Thesen zur deutschen Politik und die Zukunft Europas
Das in die Europäische Union voll integrierte
Deutschland ist mit einer Fülle komplexer Fragen konfrontiert, auf die keine
einfachen und vor allem keine schnellen und zumeist nicht nur von Deutschland
allein abhängigen Antworten gegeben werden können. Dabei seien die aus meiner
Sicht wichtigen politischen Fragen - die in vielfältiger Weise mit Aspekten der
Ökonomie und der Kultur verwoben sind - in Thesenform zusammengefaßt. In diesem
Zusammenhang wird klar, daß viele der in Deutschland zu lösenden Probleme auch
andere Staaten betreffen und insoweit eine weltweite Problemvernetzung zu
konstatieren ist. Diese Erkenntnis führt zur These 1:
Begrenzte
Problemlösung durch Nationalstaaten
These 1: Der Nationalstaat klassischen
Typus ist schon längst an die Grenze seiner politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten
angekommen. Die gravierenden Menschheitsprobleme sind nicht mehr isoliert im
Rahmen nationalstaatlicher Souveränität lösbar, sondern nur durch einen Verbund
von Staaten oder Staatengruppen. Gleichwohl bleibt der Nationalstaat für den
einzelnen Bürger noch für längere Zeit die Ebene seiner politischen
Orientierung.
Alle sprechen heute von
Globalisierung", schon Karl Marx wußte davon. Mehr als 35.000
transnationale Unternehmen überziehen die Welt mit einem enggeknüpften Handels-
und Transportnetz. In Sekunden können Milliardenvermögen verschoben werden, da
alle Finanzmetropolen durch Datenleitungen verbunden sind. Es wird geschätzt,
daß bei Währungsgeschäften die Makler täglich mit etwa 1,2 Billionen Dollar,
arbeiten. Im Vergleich hierzu: der Haushalt der deutschen Bundesregierung
umfaßt 460 Milliarden DM. Derivatgeschäfte, die Ende 1985 ein Volumen von
nominal nur erst 16 Milliarden Dollar erreicht hatten, sind bis Ende 1995 auf
die Summe von 58 Billionen Dollar hochgeschnellt. Hingegen haben Ende 1995 die
Währungsreserven aller Notenbanken, die für Stabilisierungszwecke eingesetzt
werden könnten, zusammen nur 1,4 Billionen Dollar betragen. Die Möglichkeit des
Nationalstaates, eine makroökonomische Globalsteuerung zu betreiben ist vor
allem wegen der erhöhten Kapitalmobilität der internationalen Finanzmärkte
begrenzt.
Generell ist die Abhängigkeit der deutschen
Politik von Entscheidungen außerhalb Deutschlands (z.B. Gefährdungen durch
ökologische Katastrophen wie Tschernobyl) offensichtlich. Aber auch
diktatorische Staaten, die über manche Möglichkeiten der Abschottung verfügen,
können sich der Informationsdistribution - zum Beispiel über
Menschenrechtsverletzungen - auf dem Wege des Internet nicht entziehen, zumal
große Informationsmengen durch digitale Verschlüsselungstechnologien verschoben
werden können, ohne daß der Staat dies verhindern könnte.
Doch je größer die politischen Einheiten
(z.B. Europäische Union) und je globaler und damit immer unübersichtlicher die
politischen Probleme werden, um so mehr kann es eine Rückbesinnung auf die
nationale Ebene als identitätsstiftendem Momentum geben. Deutschland muß in
diesem Zusammenhang europäisch eingebunden" bleiben und seine europäische
Verantwortung leben. Interessanterweise gibt es aber auch jetzt in Deutschland
eine Diskussion um die nationalen" Interessen im Rahmen der europäischen
Integration. Waren zur Zeit der deutschen und europäischen Teilung die
nationalen (west-)deutschen Interessen mit den Zielsetzungen der europäischen
Integration identisch - gespeist unter anderem aus der Erkenntnis, daß die bis
1990 nicht vollständig souveräne Bundesrepublik Deutschland nur durch eine
aktive Europapolitik einen Beitrag zur Überwindung der Teilung Deutschland und
Europas leisten kann - , so sind jetzt im Rahmen der europäischen Integration
manche deutschen Interessen (zum Beispiel der Osterweiterung der EU) sehr viel
markanter.
Es ist kein Gegensatz zur europäischen
Politik, darauf hinzuweisen, daß die deutsche Politik gefordert ist, einen
Beitrag zur Bildung einer gesamtdeutschen Identität zu leisten, denn eine
größer werdende Europäische Union macht die Identitätsstiftung einer
Nation" nicht überflüssig. Ohne gemeinsame Identität bleibt die
staatliche Einheit etwas Künstliches. Der frühere SPD-Fraktionsvorsitzende in
der einzig freigewählten DDR-Volkskammer meinte hierzu: "Deutscher"
zu sein, heiße "nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes." Dabei muß
es um mehr gehen als um ein rein rationales, gemeinsames Bekenntnis zu einer
verbindenden und verbindlichen Verfassungsordnung. Notwendig ist auch ein
emotionales Moment, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das aus dem Bewußtsein
stammt, durch eine gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte zu einer
Erfahrungsgemeinschaft geworden zu sein, die sich auch der Zukunft gemeinsam
stellen will. Gerade aus dem Wissen heraus - und dies steht nicht im Gegensatz
zu einer europäischen Überzeugtheit -, daß ein derartiges Gefühl mißbraucht
werden kann, folgt die Erkenntnis, daß das Nachdenken über die Nation nicht den
Nationalisten überlassen werden darf. Das Nationale bedarf der Bindung an die
Ideen der Demokratie und der Menschenrechte. Angesichts der gemeinsamen
Traditionen und der nur gemeinsam zu bestehenden künftigen Herausforderungen
muß deutsches Nationalbewußtsein mit dem Bekenntnis zur europäischen
Integration einhergehen.
Die Europäische Integration ist ein -
historisch betrachtet - bis jetzt einmalig, ja fest revolutionäres Beispiel,
weil sich größere wie kleinere Staaten zu einem "Staatenverbund" (so
das Verfassungsgericht der Bundesrepublik Deutschland) zusammengeschlossen
haben - eine politische Einheit, die mehr ist als eine Freihandelszone oder
eine durch einige Regeln zusammengefügte Addition von Einzelstaaten, weniger
aber als ein staatliches Gebilde. Die EU ist einmalig deshalb, weil auf
freiwilliger Basis die einzelnen Mitgliedsstaaten partiell Rechte auf eine
transnationale, ja supranationale Ebene übertragen und damit einen Teil ihrer
Souveränität mit anderen zusammen, und einem Staatenverbund als solchem,
teilen. Auf die zwei mit einander in Wettbewerb stehenden strukturellen
Elemente der Europäischen Integration - intergouvernementale Regelungen versus
supranationale Entscheidungen - sei hier nicht eingegangen. Die EU als einstige
Europäische Wirtschaftsgemeinschaft" (EWG) und spätere Europäische
Gemeinschaft" (EG) hat schon frühzeitig die Herausforderung der
Globalisierung aufgegriffen, gleichwohl diese Globalisierung durch einen
"immer engeren Zusammenschluß" weiter vorangetrieben: Ohne das
Beispiel der EU gäbe es keine Freihandelszonen wie die NAFTA zwischen Kanada,
Mexiko und den USA, den lateinamerikanischen MERCOSUR oder ASEAN in
Südostasien.
These 2: Nach dem Ende des
Ost-West-Konfliktes zeichnen sich neue Konfliktlinien ab. Ein Absterben des
Nationalstaates wird nicht stattfinden, noch ist das wünschbar, zumal die
Frage, was an die Stelle des Nationalstaates treten könne - eine
"Weltregierung" der UN etwa? - noch keine überzeugenden Antworten
hervorgebracht hat. Es kommt immer mehr zu einer Veränderung bisheriger
"klassischer" Staatlichkeit: Mehr und mehr teilt häufig schon jetzt
der klassische Nationalstaat seine Souveränität faktisch mit transnationalen
und supranationalen Organisationen (Vereinte Nationen, Welthandelsorganisation
WTO, Europäische Union u.ä.) . International einflußreiche Lobbyorganisationen
(wie Amnesty International, Greenpeace), unterstützt durch weltweit vernetzte
Massenmedien, weisen dabei Nationalstaaten häufig in politische Schranken.
Nationalstaaten können die Entscheidungen multinational tätiger Konzerne kaum
beeinflussen. Damit stellt sich aber auch die Frage nach der demokratischen
Legitimität solcher transnationalen Prozesse, da die nationalen Parlamente
immer weniger einflußreiche nationale Regierung kontrollieren.
Ganze Heerscharen von Wissenschaftlern und
Politikern stellten zu Recht die Frage, wie nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges ein politische Weltordnung entstehen kann, die Kriege vor allem
zwischen Staaten oder Staatengruppen unmöglich machen. Immerhin bedeuteten die
beiden Weltkriege den Tod für insgesamt siebzig Millionen Menschen, die
Napoleonischen Kriege für viereinhalb Millionen Menschen und die beiden Kriege
in Ostasien, in Korea und in Vietnam jeweils für etwa drei Millionen Menschen.
Stimmt die These von Fukuyama (1992), daß das "Ende der Geschichte"
erreicht sei - so ist zu fragen - , nachdem sich mit dem Zusammenbruch des
Sozialismus alle Alternativen zur liberal-demokratischen politischen Ordnung
verbraucht hätten? Mit der These vom "Zusammenprall der Kulturen"
("Clash of Civilizations") von Samuel P. Huntington wird die
Befürchtung geäußert, daß sich neue - einen globalen Kulturkonflikt einläutende
- Konfliktlinien abzeichnen könnten.
Nach einer Zählung des "Freedom
House" in Washington Ende 1995 waren von damals 191 Staaten 76 "freie
Länder", 62 "teilweise freie Länder" und 53 "nicht freie
Länder" - oder auf die Bevölkerungen aufgeteilt: Auf die globale Bevölkerung
von geschätzten 5,7 Milliarden Menschen bezogen, leben nunmehr 1,1 Milliarden
(fast 20 Prozent) in freien Gesellschaften, 2,4 Milliarden (rund vierzig
Prozent) in teilweise freien und 2,2 Milliarden (knapp vierzig Prozent) in
nicht freien Ländern. Insgesamt kann aber davon ausgegangen werden, daß sich
das (westliche) freiheitlich-rechtsstaatliche Demokratiemodell weltweit auf dem
Siegeszug befindet - auch und gerade wegen der sich zunehmend vernetzenden
Informationsmöglichkeiten (Internet, Tourismus).
Die Globalisierung führt aber auch für die westlich-freiheitlichen
Nationalstaaten zu einer Fülle funktionaler/institutioneller Probleme. Der
Territorialstaat, wie er sich seit dem 17. Jahrhundert herausgebildet hat,
konnte im Inneren seines Territoriums sein "Gewaltmonopol" ausbauen.
Seine wesentliche Aufgabe bestand - neben allgemeiner Daseinsvorsorge - in der
Sicherheitsfunktion, die wiederum in drei Bereiche ausdifferenziert werden
kann: a) die Verteidigungsfunktion gegen äußere Bedrohung, b) die Herrschaftsfunktion,
d.h. die Sicherung des Staates gegenüber Umsturz und terroristischen
Bedrohungen und ferner c) die Schutzfunktion.
Zur Verteidigungsfunktion: Diese
Aufgabe wird durch die gegenwärtigen Nationalitäten effektiver wahrgenommen als
jemals zuvor. Die Anzahl zwischenstaatlicher Kriege ist stark rückläufig. 1993
und 1994 war ausweislich der Kriegsstatistiken kein einziger der 43 Kriege ein
zwischenstaatlicher Krieg. Als einziger neuerer zwischenstaatlicher Krieg wären
die im Januar 1995 ausgebrochenen und relativ rasch beigelegten Grenzscharmützel
zwischen Peru und Ecuador zu nennen. Insbesondere für die entwickelten Staaten
kann ein noch nie dagewesenes Maß an Sicherheit vor militärischer Bedrohung
durch andere Staaten konstatiert werden kann.
Hinsichtlich der Herrschaftsfunktion
des Staates ergibt sich ein anderes Bild, weil wir eine Zunahme politisch
motivierter Gewalttaten zum Beispiel durch regionale Autonomiebewegungen (
siehe ETA im Baskenland, Separatistenbewegung in Korsika) zu verzeichnen haben.
Auch in der Bundesrepublik Deutschland ist eine Zunahme von politisch
motivierter Gewalt feststellbar. Wir erinnern uns noch an die Bedrohungen durch
linksextremen Terrorismus, aber auch an den ebenfalls international vernetzten
rechtsextremen Terrorismus. Zu nennen sind ferner sicherheitsgefährdende und
extremistische Bestrebungen von in Deutschland lebenden Ausländern und
Anschläge ausländischer Organisationen mit terroristischem Charakter. 1995 gab
es laut Verfassungsschutzbericht insgesamt 939 "Gewalttaten und sonstige
Gesetzesverletzungen mit erwiesenem oder zu vermutendem linksextremistischem
Hintergrund" (davon 565 Gewalttaten), sowie 7896 "Straftaten mit
erwiesenem oder zu vermutendem rechtsextremistischen Hintergrund" (davon
837 Gewalttaten). Wenn man die Verfassungsschutzberichte analysiert, kann man
von einem erheblichen Anstieg politisch motivierter Gewalttaten zwischen 1986
und 1993 ausgehen.
Die Wirksamkeit der Schutzfunktion
des Staates wird in zunehmendem Maße durch den Bürger in Frage gestellt. Die
Furcht vor Kriminalität nimmt zu. Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik in
Deutschland bestätigt einen Prozeß, der in allen westlichen
Industriegesellschaften anzutreffen ist. Gab es in den alten Ländern der
Bundesrepublik Deutschland 1975 4.722 Straftaten auf 100. 000 Einwohner, waren
es 1990 bereits 7.108 auf 100.000 Einwohner. In der ersten gesamtdeutschen
Statistik betrug die Zahl der Fälle auf je 100.000 Einwohner sogar 8.337 !
Viele stellen die Frage, ob der Staat seine grundlegenden Aufgaben in der
inneren Sicherheit erfüllen kann. 53 Prozent aller Bürger sind (nach einer
Umfrage von 1993) "sehr" besorgt darüber, daß die Bürger nicht mehr
wirksam vor Verbrechen geschützt werden können, weitere 39 Prozent äußerten
sich "etwas" besorgt. Ein Teil des Anwachsens der Kriminalität ist auch
auf die Globalisierung und generell die Öffnung der Grenzen zurückzuführen, zum
Beispiel die Banden- und Mafiakriminalität aus Zentral- und Osteuropa. Zu dem
Gefühl der Unsicherheit aufgrund krimineller Gefährdungen kommen allgemeine
Gefühle der Unsicherheit (Furcht vor umweltbedingte Krankheiten, Allergien,
Gentechnik, Atomkraftwerke etc.). Gerade in Zeiten dramatischer Umbrüche haben
Bürger einen verstärkten Sicherheitsanspruch.
Zur Rolle des Staates läßt sich also
zusammenfassend sagen, daß die Verteidigungsfunktion in den entwickelten
Staaten so erfolgreich ist, daß sich die Stimmen mehren werden, die
Verteidigungspolitik als immer weniger wichtig ansehen werden. Allerdings wird
bei einer solchen Argumentation verkannt, daß die potentiellen Gefährdungen
eher größer werden. Weltweit streben viele Staaten nach wie vor nach
Massenvernichtungsmitteln und entsprechenden Trägersystemen. Mehr als zwanzig
Staaten besitzen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Immer mehr Staaten (Iran,
Irak) wollen sich als Nuklearmächte etablieren. Infolge des Zerfalls von
Autoritätsstrukturen in Rußland, Weißrußland, in der Ukraine und in Kasachstan
besteht ein zunehmendes weltweites Proliferationsrisiko, und zwar hinsichtlich
waffenfähigen Spaltmaterials, nuklearer Technologie und atomaren Know-hows.
Fälle von Atomschmuggel sind bekannt. Zu erwähnen sind ferner die Gefährdungen,
die von Kernkraftwerken aus Mittel- und Osteuropa ausgehen. Die Herrschafts-
und Schutzfunktion des Staates hingegen wird immer schwerer in einem vom
Bürger gewünschtem Maße zu erbringen sein - auch wegen des Phänomens, daß die
Erwartungshaltung an die Politik zur Erfüllung von "Sicherheit"
besonders hoch ist.
Alles in allem sind viele der zu lösenden
Konflikte nicht mehr allein im nationalstaatlichen Rahmen lösbar, sondern nur
im Verbund mit anderen Staaten oder Staatengruppen. Trotz aller weltweiter
Informationsüberflutung dürfte allerdings der Nationalstaat die entscheidende
Orientierungsebene für den einzelnen Bürger bleiben, der gleichwohl - und häufig
mit Unbehagen - spürt, daß zumindest ein Teil der nationalen Kompetenzen auf
transnationale Ebenen auswandern, die sich allerdings auch wegen der
Komplexheit der Entscheidungsprozesse immer mehr der Transparenz entziehen. Die
wachsende Bedeutung internationaler Organisationen zur Koordination
nationalstaatlich verfaßter Politiken wird immer sichtbarer, weil die
traditionelle Kompetenz und Effizienz "souveräner" Nationalstaaten
abnimmt, die fundamentalen Staatsaufgaben wahrzunehmen. In diesem Zusammenhang
ist auf die "Europäische Union" hinzuweisen, durch die institutionell
am meisten der Herausforderung der Globalisierung entsprochen wird.
Diese Tendenz dürfte auch Auswirkungen auf
die demokratischen Wohlfahrtsstaaten haben, auch wenn heute noch nicht absehbar
ist, wie eine "neue Weltordnung" aussehen wird, von der so häufig
gesprochen wird. Bereits 1995 wurde ein Report einer "Commission on Global
Governance", der 29 Personen angehörten, veröffentlicht, die ein Konzept
einer globalen Herrschaft ("Concept of global governance")
entwickelt, in dessem Zusammenhang die Vereinten Nationen eine zentrale Rolle
("central role"), aber keine alleinige Rolle spielen sollten. Ich bin
ferner davon überzeugt, daß sich prinzipiell die "Demokratie" als
Regierungsform weltweit immer mehr durchsetzen wird - und es gibt kein Beispiel
in der Weltgeschichte, daß demokratisch verfaßte Staaten kriegerische
Auseinandersetzungen miteinander beginnen. Sicher ist es richtig, bei der
globalen Betrachtung der Weltpolitik die politisch-kulturelle Dimension zu
bedenken, weil Zugehörigkeiten zu einer spezifischen Kultur, ethnischen Gruppe
oder Religion häufig genug politisch instrumentalisiert werden. Dennoch halte
ich beispielsweise die Diskussion um "asiatische Werte", die eine Abgrenzung
zu einem angeblich prinzipiellem "Werteverfall" westlicher Staaten
darstellen sollen, letztlich als ein Rückzugsgefecht mancher asiatischer
Politiker: Je mehr auch asiatische Gesellschaften wirtschaftliche Prosperität
erfahren, dort ein "Mittelstand" entsteht, die Zahl gut gebildeter
und ausgebildeter Menschen zunimmt, durch Reisen neue Kenntnisse und
Erkenntnisse gewonnen werden, werden die demokratiepartizipatorischen Kräfte
gestärkt.
Allerdings wäre es ein Irrglauben, eine
künftige Weltordnung wäre nicht weiterhin durch irrationale und kriegerische
Tendenzen bedroht. Auch wenn durch zunehmende politische und ökonomische
Vernetzung Abhängigkeiten größer werden, so dürfte das Gefährdungspotential
durch irrational agierende politische Führer - beispielsweise solche, die über
atomare Waffen kontrollieren - keineswegs nachlassen. Es wäre ein Fehler, die
Gewaltpotentiale zu unterschätzen, die im Zusammenhang mit weltweiten
Übergangsprozessen freigesetzt werden können.
Die Fähigkeit des Staates dürfte zudem
abnehmen, eine auch nur einigermaßen krisenfreie Wirtschaftsentwicklung zu
gewährleisten. Wirtschaftskrisen bleiben möglich (siehe die Peso-Krise in
Mexiko zur Jahreswende 1994/1995, Währungsturbulenzen in einigen
südostasiatischen Ländern wie Thailand und Malaysia im Sommer/ Herbst 1997).
Natürlich wird es Globalisierungsgewinner und Globalisierungsverlierer geben -
übrigens auch innerhalb der Europäischen Union, wo ebenfalls ein Wettbewerb um
investitionsgünstige Standorte stattfindet. Wirtschaftskrisen können aber auch
Gewaltpotentiale freisetzen. Übrigens können auch Umweltschäden leicht zu
Migrationserscheinungen führen. Darüber hinaus ist nicht auszuschließen, daß in
einer durch zunehmende Komplexität immer verwundbareren Welt terroristische
Gruppen agieren. Konflikte wird es auch künftig geben, auch wenn manche der
Ursachen allein im nationalen Kontext zu sehen sein dürften. Ferner dürfte es
nationalistische Gegenbewegungen zur Globalisierung geben.
Trotz aller Tendenz zur Globalisierung ist
heute indes noch nicht zu erkennen, was denn an die Stelle des Nationalstaates
treten wird, was die Alternative zu ihm ist - auch die Europäische Union beruht
ja weiterhin auf Nationalstaaten, die gleichwohl miteinander in einer Art
föderalistischer Union semi-staatlicher Qualität miteinander verwoben sind.
Aber als Grundfrage schält sich immer mehr heraus, wie sich die Rolle des
Staates in einer sich zunehmend globalisierenden Welt, wie sich gegebenenfalls
auch über die Europäische Union die Transformation von Staatlichkeit auf
transnationale Institutionen entwickeln wird.
Die
Zunahme der Interdependenz
These 3: Alle wesentlichen
Zukunftsaufgaben sind heute nicht mehr alleine im nationalstaatlichem Rahmen,
manche sogar nur noch im globalen Maßstab, lösbar, die Interdependenz von
Staaten und Staatengruppen wird aufgrund der Komplexität der zu lösenden
Probleme zunehmen. Mit der zunehmenden Komplexität der Probleme und Konflikte
stellt sich die Frage nach der Transparenz der Entscheidungsprozesse.
Einige wichtige Gegenwarts- und
Zukunftsthemen seinen genannt, von deren Kontrolle beziehungsweise Lösung es
abhängt, ob eine Bewahrung der Schöpfung möglich ist:
a) Militärische und Sicherheitsdimension:
Auf das Problem vagabundierenden
atomaren, spaltbaren Materials wurde bereits hingewiesen und auf die Tatsache,
daß immer mehr Staaten in den Kreis der Nuklearmächte aufgenommen werden
möchten. Trotz des Endes des Ost-West-Konfliktes wird weiterhin mächtig
aufgerüstet, dies vor allem in Afrika und in besonderer Weise in Asien. In dieser
Region sind in besonderer Weise vielfältige potentielle zwischenstaatliche und
militärische Konflikte vorhanden. Der Einsatz eines breiten Instrumentariums
zur frühzeitigen Konflikterkennung ist notwendiger denn je. Zu überlegen wäre
auch, ob nicht Regionalorganisationen auf der Basis von Kapitel VIII der
Charter der Vereinten Nationen - wie ASEAN, die Organisation Amerikanischer
Staaten (OAS), die Contadora Group in Zentralamerika, die EU, die Organisation
für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die NATO oder die
Westeuropäische Union (WEU) stärker ihr Potential zur Stabilisierung
beziehungsweise Herstellung von Frieden einbringen können. Der Abbau nuklearer
Waffen muß fortgeführt, die Ächtung von Landminen konsequent durchgeführt
werden.
b) Wirtschaftlicher
Verdrängungswettbewerb und Weltökonomie: Immer mehr wird sich eine Tendenz zur Überwindung nationaler Märkte hin
zu Weltmärkten durchsetzen. Die bisherigen GATT-Verhandlungen, jetzt im Zeichen
des World Trade Organisation (WTO)-Regimes, bestätigen dies. Gegenwärtig
beobachten wir in der Welt die Entwicklung hin zu wirtschaftlicher
Regionalisierung, zur Bildung großer Handelsblöcke - auch als Antwort auf die
EU-Integration. Wenngleich manche Regionalisierungen die Tendenz zu einer Abschottung
gegenüber anderen regionalisierten Märkten haben, dürfte die Liberalisierung
hin zu einem Welthandel und zu einer Weltökonomie kaum aufzuhalten sein. Auf
die dramatische Verschmelzung der Finanzmärkte wurde bereits hingewiesen. In
Deutschland firmiert dieses Kapitel unter dem Begriff
"Standortdiskussion". Zunehmend wird erkannt, daß das gegenwärtige
ökonomische Hauptproblem, die Bewältigung der Arbeitslosigkeit, nur möglich
ist, wenn die Investitionsbedingungen wieder attraktiver werden. Insgesamt ist ein
weltweiter wirtschaftlicher Verdrängungswettbewerb im Gange, da viele Staaten
sehr viel günstigere Löhne und sehr viel geringere Auflagen - zum Beispiel
bezüglich des Umweltschutzes - bieten. Nach wie vor sind beispielsweise die
Löhne in Transformationsländern Zentral- und Osteuropas ein Zehntel bis ein
Zwanzigstel der Löhne in der Bundesrepublik Deutschland.
Konkret bedeutet der Prozeß der
Globalisierung der Wirtschaft, daß der Einfluß demokratisch kontrollierter
Regierungen der Nationalstaaten drastisch abnimmt. Meine These ist jedoch, daß
der globale Standortwettbewerb nicht generell die Handlungsmöglichkeiten der
Regierungen einschränkt, gleichwohl aber eine schlechte Wirtschaftspolitik
erschwert. Wer politische Rahmenbedingungen schafft, die ein effizientes
Wirtschaften ermöglichen, dürfte am ehesten den Herausforderungen der
Globalisierung gewachsen sein. Die Globalisierung hat insoweit eine
disziplinierende Wirkung, als jedes Anheben der Steuerschraube unmittelbare
Auswirkung auf die Investitionsneigungen hat. Manche sehen in der
Globalisierung einen Nachteil: soziale Demontage wird an die Wand gemalt, auch
gravierende Auswirkungen auf die Gesundheits-, Umwelt- und Bildungspolitik. Ein
Wohlstandsverlust wird befürchtet. Muß das wirklich und generell so sein? Es
wird sich gerade in Staaten mit einer hohen Staatsquote - diese beträgt in
Deutschland gegenwärtig über fünfzig Prozent, d.h., daß mehr als jede zweite
Deutsche Mark von der öffentlichen Hand (Kommunen und kommunale
Gebietskörperschaften, Bundesländer, Bundesregierung) ausgegeben wird - einiges
ändern müssen: es wird nämlich der Druck auf die Regierungen wachsen, die
jeweiligen Kosten nicht mehr generell dem Steuerzahler, sondern dem jeweiligen
Nutzer anzulasten (siehe die Diskussion um Studiengelder auch an öffentlichen
Hochschulen in Großbritannien und in Deutschland). Die Globalisierung zwingt zu
mehr Eigenverantwortung, zu neuen Anreizsystemen und insgesamt zu mehr
Innovation. Diejenigen Staaten, die sich der Globalisierung widersetzen, werden
wirtschaftlich zurückfallen.
Ganz zwangsläufig führt dieser Prozeß der
ökonomischen Globalisierung dazu, daß Deutschland sich in einer ganzen Reihe
wichtiger Fragen politische Konsequenzen ziehen wird und muß. Dazu gehören:
- Der Staat muß schlanker werden:
Die Anspruchshaltung an den Staat muß abgebaut werden, der allumfassende
Anspruch der Regelung aller Lebensverhältnisse durch die Politik muß auf ein
vernünftiges Maß reduziert werden. Das heißt nicht, das grundlegende Konzept
einer Sozialen Marktwirtschaft in Frage zu stellen. Über die grundlegenden
Staatsaufgaben hinaus - der Sicherung des inneren und äußeren Friedens, der
Gewährleistung der existentiellen Notwendigkeiten, von Sicherheit - hat der
Staat in Deutschland im ökonomischen und im sozialen Feld eine Fülle von
Aufgaben übernommen und entwickelte sich zunehmend zu einem Fürsorgestaat.
Führte dies schon zu Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs zu einem Anwachsen der
Abgabenbelastung, einem immer dichteren Netz von Reglementierungen und einem überzogenen
Anspruchsdenken, so zeigen sich in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten die
Grenzen einer zugewiesenen oder angemaßten Allzuständigkeit noch deutlicher.
Bisher ist es auf Grund dieser Entwicklung kaum möglich, soziale Besitzstände
in Frage zu stellen. "Der Glaube an die Allmacht des Staates, an die
Allzuständigkeit für die Lösung von Problemen durch den Staat, führt zu
Passivität und zur Verlagerung von Verantwortung. Wer aber keine Erfahrung mit
Verantwortung hat, kann auch keine optimistische Lebensauffassung entwickeln.
Der Staat versorgt zwar die Menschen, aber er bevormundet sie damit auch. Zwar
sichert er die Menschen gegenüber Risiken der Existenz ab, er nimmt aber auch
vielen - gerade jungen Menschen - den Mut zur Selbständigkeit und zu individuellen
Anstrengungen." Diese Ansicht ist auch heute noch richtig.
- Revitalisierung der Sozialen
Marktwirtschaft: Die wirtschaftliche
und soziale Situation im sich einigenden Deutschland wird nicht nur durch einen
sich deutlich verschärfenden Wettbewerb auf dem Weltmarkt bestimmt, sondern
auch in erheblichem Maße durch die enormen Belastungen aufgrund der Übernahme
einer maroden DDR-Staatswirtschaft. Ein Ruf nach mehr staatlichen Eingriffen in
die Wirtschaft wäre kontraproduktiv. Vielmehr muß sich Deutschland auf das
Erfolgsrezept beim wirtschaftlichen Aufbau Westdeutschlands, auf das Prinzip
der Sozialen Marktwirtschaft zurückbesinnen. Mit der heutigen Gesetzes- und
Regulierungsdichte wäre es sich auch der Bundesrepublik der fünfziger Jahre
trotz Marshall-Plan und Währungsreform schwergefallen, ein
"Wirtschaftswunder" hervorzubringen. Notwendig ist deshalb die
Erleichterung von Investitionen durch eine entschiedene Deregulierung und
Reduzierung der Abgabenlast. Auch in einer Sozialen Marktwirtschaft ist es nicht
Aufgabe des Staates, unternehmerisch tätig zu werden, wenn ein privater
Unternehmer diese Leistungen ebenso gut oder gar besser erbringen kann.
Subventionen, die allein auf den Erhalt nicht wettbewerbsfähiger Strukturen
zielen, verhindern dringend notwendige Modernisierungsschritte.
Flexibilisierung und Deregulierunmg sind auch auf dem Arbeitsmarkt notwendig.
Wenn durch zahlreiche gutgemeinte Maßnahmen Marktmechanismen de facto
ausgeschaltet werden, darf es nicht verwundern, daß die Märkte ihre eigentliche
Funktion nicht mehr erfüllen können. Nur wenn diese Revitalisierung der
Marktwirtschaft - das heißt auch Rückbesinnung auf eine von Müller-Armack und
Ludwig Erhard formulierte Ordnungspolitik der Sozialen Marktwirtschaft -
gelingt, wird das gegenwärtige Hauptproblem der Arbeitslosigkeit (in
Gesamtdeutschland nunmehr elf Prozent!) wirksam bekämpft werden können. Geht
der Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus? Die Konjunktur zieht zwar an, es
herrscht ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht, Zinsen und Inflation sind
niedrig und die Firmen schreiben Bilanzen mit wachsenden Gewinnen und
wachsenden Gewinnerwartungen - doch die Zahl der Arbeitsplätze nimmt weiter ab.
Und eine weiterer Hinweis ist ebenfalls alarmierend: Der Standort Deutschland
ist im weltweiten Wettbewerb um Investitionen und Arbeitsplätze insgesamt
zurückgefallen: Die ausländischen Direktinvestitionen in Unternehmen in
Deutschland sanken von 18 Milliarden DM im Jahre 1995 auf 1,1 Milliarden DM im
Jahre 1996. Nach Analysen des Bundeswirtschaftsministeriums zogen Unternehmen
aus Asien und Amerika sogar mehr Kapital aus Deutschland ab, als sie hier neu
investierten.
- Förderung neuer Technologien: Das Verhältnis vieler Deutscher zu modernen
Technologien ist zwiespältig. Einerseits werden Großtechnologien abgelehnt,
andererseits benutzen sie aber High-Tech in allen Bereichen des täglichen
Lebens: Die anti-haft-beschichtete Pfanne, die audiovisuellen Geräte, die
mittlerweile fast in jedem Haushalt zu finden sind, die Elektronik moderner
Autos und der gentechnisch hergestellte Impfstoff, mit dem man sich auf
Urlaubsreisen in den Tropen und Subtropen vor Krankheiten schützt, sind
Beispiele, die dies belegen. Wieso sind im Bereich der Informations- und
Kommunikationstechnologie Japan oder die USA führend, obwohl Konrad Zuse vor
sechzig Jahren in Deutschland den ersten Computer konstruierte? Von weltweit
schätzungsweise fast 2.000 durchgeführten gentechnischen Freilandversuchen gab
es in Deutschland 1993 lediglich sechs. Einst galt Deutschland als die "Apotheke
der Welt", weil hier früher die modernste Heilmittel- und medizinische
Forschung bestand. Heute dagegen findet ein Auswandern von
Forschungskapazitäten in andere Länder statt. Es soll hier nicht einem
unkontrollierten und Grundsatzfragen menschlichen Lebens außer acht lassendem
Experimentieren das Wort geredet werden, doch gibt es in Deutschland eine
gesellschaftlichen Fortschritt hindernde Modernitäts-, Fortschritts- und
Technikkritik, die hier einflußreicher ist als anderswo. In der modernen Bio- und
Gentechnik befinden sich praktisch alle Schlüsselpatente im Besitz
amerikanischer Unternehmen. In der Computer-, Kommunikations- und
Büromaschinenbranche sieht die Situation ähnlich aus. In Deutschland besitzt
wohl schon jeder zehnte einen eigenen Computer; diese kommen jedoch meistens
aus den USA und Japan. Es muß schon alarmierend sein, wenn der Prozentanteil am
Bruttoinlandsprodukt, den wir für Forschung und Entwicklung aufbringen, in
wenigen Jahren um ein volles Siebtel, von 2,9 Prozent auf unter 2,5 Prozent
gefallen ist.
- Problem der Überalterung der
Gesellschaft: Hier handelt es sich
um ein Problem aller moderner Industriegesellschaften. Heute liegt der Anteil
der über sechzig Jahre alten Menschen an der deutschen Gesamtbevölkerung bei
etwa zwanzig Prozent, im Jahre 2030 wird er über ein Drittel betragen. Während
1990 noch 58 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter waren, wird es im
Jahre 2030 nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung sein. Während 1989 hundert
Personen im erwerbsfähigen Alter 73 Personen in den Altersgruppen unter zwanzig
und über sechzig Jahren gegenüberstanden, wird für 2030 vorhergesagt, daß auf
hundert erwerbsfähige Personen 109 Personen in abhängigen Altersgruppen
entfallen. Welche Auswirkungen dies allein auf die komplexen Fragen der
Altersvorsorge und den sogenannten "Generationenvertrag" hat, liegt
auf der Hand.
- Verbesserung des Bildungssystems: Als rohstoffarmes Land ist Deutschlands Wohlstand in
ganz besonderer Weise auf ein funktionierendes Bildungswesen angewiesen. Das
deutsche Bildungssystem, das früher zu den besten der Welt gehörte, weist eine
Reihe von Schwachstellen auf. Dazu gehören die Erosion des gegliederten
Schulsystems, die weitere Abwertung der Hauptschule, immer längere
Ausbildungszeiten, Überlastung und mangelnde Effizienz der Hochschulen.
"Zusammengefasst, krankt unser Bildungssystem", nach Auffassung des
Wissenschaftsmanagers Professor Hubert Markl, "an Aufblähungserscheinungen
in den höheren Stufen, an zu geringer begabungs- und leistungsabhängiger Differenzierung,
an zu enger Ankopplung von Bildungsabschlüssen an Karriere-, Eintrittschancen,
an Überschätzung akademischer und Unterschätzung (und damit Unterbewertung)
berufspraktischer Qualifikation und an einer teils ideologisch-zeitgeistig,
teils politisch-ökonomisch bedingten Unwilligkeit bzw. Unfähigkeit zur
Leistungsförderung durch differenzierte Leistungsauslese." Ein sehr hartes
Urteil. Der deutsche Kulturföderalismus steht auf dem Prüfstand. Insbesondere
die Hochschulen müssen von Grund auf erneuert werden, zumal deutsche
Hochschulen für das Studium ausländischer Studenten nicht mehr erste Wahl sind.
c) Umwelt: Mit dem Bericht an den Club of Rome über "Die
Grenzen des Wachstums" von Dennis L. Meadows und seinem Team von
Systemanalytikern brach die weltweite Diskussion über die Wachstumsproblematik
nicht mehr ab. Der Bericht "Global 2000" an den US-Präsidenten aus
dem Jahre 1980 ist bis heute Faktengrundlage für alle wichtigen ökologischen
Betrachtungen. Meadows und sein Team hatte nicht nur Zweifel an der
Notwendigkeit kontinuierlichen Wachstums geäußert, sondern mit seiner Studie
dahingehend aufgerüttelt, daß wir unser Wissen und unsere Technik eher zum
Schutz der Natur und anderer Lebewesen als zu deren Überausbeutung verwenden
und uns in sinnvoller Weise im Gebrauch und in der Konservierung unseres Erbes
an Land, Wasser, Kluft und Bodenschätzen üben müssen. Der Raubbau an der Natur
und ihren Rohstoffen, wachsende Müllberge, Waldsterben, Bodenzerstörung,
Wüstenbildung, Zersiedelung, Artensterben, Wassermangel, Treibhausgase in der
Erdatmosphäre sind einige der Stichwörter. Die UN-Konferenz über Umwelt und
Entwicklung in Rio de Janeiro im Juni 1992 machte deutlich: Die Zukunft der
Menschheit ist nur mit und nicht gegen die Natur möglich. Globale Umweltprobleme
erfordern auch globales Handeln. Doch fünf Jahre nach dieser wichtigen
Konferenz mußte leider festgestellt werden, daß die vielbeschworene
"weltumspannende Umweltpartnerschaft" nur am Anfang steht und
praktisch alle Unterzeichnerstaaten ihren Selbstverpflichtungen nicht
nachgekommen sind. Dies ist um so bedauerlicher, als die Zahlen ein
bedrückendes Bild liefern:
Schon heute sind wir in vielen Staaten nahe
an die Grenze ausreichender Nahrungsmittelproduktion angelangt. Vor allem
brauchen Menschen arbeitsfähige Energie. Zur Zeit beträgt der
Primärenergieverbrauch pro Kopf weltweit etwa 2,1 t Steinkohleeinheiten. In
Westeuropa sind es 4,7 t, in Deutschland 6,4 t, in Nordamerika 10,9 t. In
Indien mit fast einer Milliarde Menschen liegt der Verbrauch bei 0,3 t, in
China mit 1,2 Milliarden Menschen bei 0,8 t pro Kopf. Welche Konsequenzen
allein das schnelle Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern hat, kann
hier nicht dargestellt werden. Auch wird der Fossilienverbrauch - und damit der
CO-2-Verbrauch der Menschheit noch weiter drastisch steigen, der jetzt im
Mittel bei 4 t pro Kopf und Jahr liegt - in Deutschland bei 12 t, in den USA
bei 22 t ! In den Entwicklungsländern liegt er bei ein bis 2 Tonnen.
Die gegenwärtige Umweltproblematik sei
ferner am Beispiel des globalen Süßwasserschutzes erläutert: Rund zwei
Milliarden Menschen leben ohne direkten Zugang zu sauberem Trinkwasser und
geeignetem Sanitärwasser. Nur fünf Prozent der Abwässer werden gereinigt. Etwa
die Hälfte der Bevölkerung in den Entwicklungsländern leidet an wasserbedingten
Krankheiten und gar fünf Millionen Menschen sterben jährlich durch
verunreinigtes Trinkwasser. Aber nicht nur Verunreinigungen des Wassers
bedrohen die Menschen, auch Hochwasser gefährdeten zwischen 1992 und 1995 rund
800 Millionen Menschen. Gerade in klimatisch weniger begünstigten Regionen ist
häufig gleichzeitig eine wachsende Verknappung des Ressource Wasser abzusehen.
Dies führt nicht nur zu enormen Benachteiligungen in den Entwicklungschancen,
sondern kann darüber hinaus auch Auslöser für internationale Konflikte werden.
Der sich abzeichnende weltweite Klimawandel
ist darüber hinaus eng mit Änderungen des Wasserkreislaufes verknüpft. So ist
nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern davon auszugehen, daß es durch den
Klimawandel auch in der Wasserfrage Verlierer und Gewinner geben wird. Auch die
Ernährungsfrage kann nur in Verbindung mit der Wasserfrage gelöst werden. Denn
die Zahl der chronisch unterernährten Menschen (gegenwärtig rund 900 Millionen)
wird noch steigen, wenn nicht die Agrarproduktion bis zum Jahre 2010 um zirka
sechzig Prozent gesteigert wird. Dies kann jedoch nur durch den Ausbau der
Bewässerungslandwirtschaft geschehen. Gleichzeitig wird - auch als Folge
zunehmenden Wohlstandes - in vielen Regionen der Erde die Wassernachfrage
weiter steigen. In Indien beträgt heute der Wasserkonsum zwanzig Liter pro
Einwohner und Tag, in Deutschland 120 Liter, in den Tourismuszentren des Mittelmeeres
liegt dieser sogar bei Tausend Liter pro Tag! Die Wasserfrage wird in den
nächsten Jahrzehnten zu einer der entscheidenden Überlebensfragen werden, schon
heute zeigt sich ihre politische Bedeutung beispielsweise im Nahen Osten.
d) Überbevölkerung und
Wanderungsbewegungen: Im Jahre 1992
gab es insgesamt 29 Konflikte, die mit militärischer Gewalt ausgetragen wurden
- in der Mehrzahl waren Entwicklungsländer betroffen. Dabei kamen rund sechs
Millionen Menschen ums Leben - die höchste Zahl seit 17 Jahren. Die Hoffnung,
daß das Ende des Ost-West-Konfliktes eine Linderung des Flüchtlingselends mit
sich bringen würde, erfüllte sich nicht, vielmehr hat sich die Zahl der
Flüchtlinge seit 1989 von 14,9 Millionen sogar auf 18,2 Millionen zum
Jahresende 1992 erhöht. In den weiteren Jahren - so durch den Bürgerkrieg in
Burundi und in Ruanda - ist diese Zahl weiter drastisch angestiegen. Vor
zwanzig Jahren gab es hingegen "nur" 2,5 Millionen Flüchtlinge. 1992
mußten durchschnittlich 10.000 Menschen am Tag unfreiwillig ihre Heimat
verlassen. Opfer dieser inneren Auseinandersetzungen sind neben den
Auslandsflüchtlingen weitere fast 25 Millionen Menschen, die innerhalb ihrer
Landesgrenzen aus ihren Dörfern und Städten vertrieben worden sind. Jene etwa
zwanzig Millionen Menschen, die in fremde Länder fliehen, genießen immerhin die
Aufmerksamkeit des Völkerrechtes, die meisten der etwa 25 Millionen
Vertriebenen, die im eigenen Land verbleiben, bleiben hingegen weitgehend
unbeachtet.
Bei diesen Zahlen grenzt es fast an ein
Wunder, daß die Migrationsströme aus diesen Ländern in die wirtschaftlich
prosperierende Welt noch nicht viel stärker sind. In Europa, vor allem in
Deutschland, sollte nicht übersehen werden, daß der Migrationsdruck von der
südlichen Erdhalbkugel die Migrationsbewegungen aus Zentral- und Osteuropa bei
weitem übertreffen wird. Schon immer gab es im Falle von Armut und Hungersnöten
Migrationen in reichere Länder.
Hier ein Wort zur Überbevölkerung, die auch
in wirtschaftlich prosperienden Staaten, in denen meist die Zahl der
Bevölkerung mit steigendem Wohlstand drastisch abnimmt, Bedeutung hat. Die
Bevölkerungsentwicklung nimmt dramatische Ausmaße an: Wir nähern uns im
Lebensraum Erde rasch den sechs Milliarden, wir nehmen pro Jahr um annähernd
hundert Millionen Menschen zu, alle drei Jahre als fast in einer Größenordnung
der Europäischen Union, in knapp zehn Jahren eine weitere Milliarde. Soviel
Einwohner gab es Mitte des letzten Jahrhunderts. Für die zweite Milliarde
brauchte die Menschheit achtzig Jahre, für die gleiche Zeit heute ungefähr acht
Jahre. Entwicklungspolitik, die den betreffenden Staaten in sinnvoller Weise
"Hilfe zur Selbsthife" gibt, ist im ureigensten Interesse der
Industriestaaten - und vor allem der künftigen Generationen. Wir müssen unseren
Beitrag zur Wohlstandsmehrung in den Entwicklungsländern leisten, auch wenn es
uns etwas kostet. Denn die Überbevölkerung wird ganz zwangsläufig zu vermehrten
Wanderungsbewegungen führen. Entwicklungspolitik ist gegenwärtig in den meisten
Industriestaaten nicht mehr in".
Während die aus Zentral- und Osteuropa
stammenden Migranten wegen ihres zumeist kulturell-christlich geprägten
Hintergrundes leichter in Deutschland und Europa integriert werden können,
ergibt sich aus dem Bevölkerungszuwachs im islamisch geprägten Norden Afrikas
eine tickende Zeitbombe: 140 Millionen Menschen lebten 1950 im Norden des
Mittelmeeres, rund siebzig im Süden des Mittelmeeres. Dieses Zahlenverhältnis
ist jetzt schon umgekippt: In Nordafrika leben jetzt schon mehr als 150 Millionen
Menschen - und im Jahre 2025 werden es nach Schätzungen rund 300 Millionen
sein. Allein in Algerien wird sich die Einwohnerzahl innerhalb von 25 Jahren
verdoppeln. Das Mittelmeer, das sich bislang noch als eine Barriere zwischen
zwei höchst unterschiedlichen Wohlstandsniveaus entwickelte, wird auf Dauer
nicht mehr die trennende Wirkung entfalten können, wenn Bevölkerungswachstum
und soziale Armut weiterhin so drastisch zunehmen.
Dennoch stellt sich die Frage, ob wir eine
gezielte Einwanderungspolitik brauchen. Welche Fähigkeiten haben die Deutschen
und andere Europäer, Menschen auch aus solchen Kulturkreisen aufzunehmen, die
nicht christlich geprägt sind? Gib es Grenzen des Multi-Kulturellen
Relativierung
der Wertordnungen
These 4: Wir leben in einer sich mehr und
mehr vernetzenden Weltgesellschaft. Die ungeheure Fülle des sich
explosionsartig vermehrenden verfügbaren Wissens und die Relativierung
bisheriger Wertordnungen macht "Orientierung" für den einzelnen,
gerade jungen Menschen, besonders schwierig, zumal das Tempo der Veränderungs-
und Lebensprozesse zunimmt.
Es wurde herausgefunden, daß sich die Anzahl
der in Amerika arbeitenden Naturwissenschaftler alle 13 Jahre verdoppelt.
Hochgerechnet ergibt dies das erstaunliche Faktum, daß neun von zehn
Naturwissenschaftlern, die jemals auf unserer Welt gearbeitet oder geforscht
haben, dies heute tun. Oder mit anderen Worten: In den nächsten zehn Jahren
wird auf der Welt genausoviel geforscht und mehr publiziert werden als in den
fast 2.500 Jahren seit Demokrit und Aristoteles.
Die Computerisierung und neue
Übermittlungstechniken machen es möglich - ob das wünschbar ist, ist eine
andere Frage -, daß wir bald Zugang zu 15.000 Fernsehkanälen auf der ganzen
Welt haben können, ferner Zugang zu mehreren hundert Millionen Büchern im
Volltext und zu Milliarden von Zeitungsseiten allüberall auf der Welt. Schon
heute "chatten" viele Millionen computerbegeisterte junge Menschen
durch das Internet mit Kommunikationspartnern der ganzen Welt, die so immer mehr
zusammenrückt: der 16jährige Schüler aus Vaihingen an der Enz mit einer
15jährigen Schülerin aus Singapur, der 20jährige Hotelangestellte in
Johannesburg mit einer 25jährigen Krankengymnastin aus Sydney.
Die Welt der Computer ist zugleich ein
Fundamentalproblem für unsere Demokratie. Während die industrielle Revolution
mehr Arbeitsplätze schuf als vernichtete, besteht durch immer größeren Einsatz
von Computern gerade auch in Produktionsstätten die Gefahr, daß mehr
Arbeitsplätze vernichtet als geschaffen werden - und diese Entwicklung ist
zugleich ein demokratierelevantes Problem, als neue Klassenschranken errichtet
werden, nämlich einerseits zwischen denen, die mit diesen modernen
technologischen Herausforderungen umgehen können und denen, die sich ihrer
Beherrschung verweigern und die damit zu einem neuen Proletariat zu werden
drohen.
Durch Technikangst und
Wissenschaftsfeindlichkeit kann diesen Herausforderungen nicht begegnet werden.
In Deutschland und in vielen anderen hochentwickelten Industriestaaten gibt es
- jedenfalls in Teilen der Intellektuellen - Technikangst und -feindlichkeit.
Es ist schon bemerkenswert, daß einst so praktische Wörter aus dem deutschen
Sprachschatz wie "Kindergarten" und "Rucksack" Eingang in
die englische Sprache gefunden haben, währenddessen das in der Gegenwart
übernommene Wort "Angst" Hinweise auf die innere Befindlichkeit der
Deutschen gibt. Es ist notwendig, gerade in einer Zeit der Säkularisierung
höchste Anstrengungen zu unternehmen, zum Beispiel durch Diskussion über die
grundlegenden Werte, die eine Gesellschaft zusammenhält, eine Wertediskussion,
über die geistigen Grundlagen moderner Gesellschaften, voranzutreiben und auf
diese Weise "Orientierung" zu vermitteln. In diesem Zusammenhang
verweise ich auch auf die Notwendigkeit politischer, staatsbürgerlicher
Bildung. Aber ein Land, das kaum über Rohstoffe verfügt, muß in besonderer
Weise an der Spitze des technologischen Fortschritts sein oder dorthin
vorrücken, will es auf verantwortungsvolle Weise Wohlstandssicherung für seine Bürger
vornehmen. Es muß alles getan werden, die junge Generation auf die sich
dramatisch verändernden Rahmenbedingungen vorzubereiten, unser Bildungs- und
Ausbildungssytem wird sich viel mehr dem Prinzip des lebenslangen Lernens
verpflichten müssen. Dies bedeutet - auch in Verbindung mit dem Erlernen
mehrerer Fremdsprachen - die Erziehung zu Weltoffenheit und Innovationsfreude -
dies aber auch in einer festen Verwurzelung unserer eigenen abendländischen
Kultur, wozu die Achtung vor dem Individuum und zugleich dessen Verpflichtung
der Gemeinschaft gegenüber genauso gehören wie der Respekt gegenüber Demokratie
und Rechtsordnung und vor allem Respekt gegenüber der Würde des Menschen.
Veränderungsprozesse
erhöhen Orientierungsbedarf
Zusammenfassend sei darauf hingewiesen, daß mehr als einige
Entwicklungslinien der künftigen Welt heute noch nicht schraffierbar ist, oder
um es mit den Worten von Niels Bohr zu sagen, der einst scherzend darauf
hinwies, daß es schwierig sei, Vorhersagen zu machen, speziell die Zukunft
betreffend. Aber aus der bisherigen Analyse folgt:.
Erstens: Veränderungsprozesse gab es zu jeder Zeit, das Tempo
der Gegenwart übertrifft alles bisher dagewesene. Es herrscht ein enormer
Bedarf an "Orientierung", der indes in den öffentlichen Debatten zu
wenig befriedigt wird. Es stellt sich die Frage, was "den Westen"
noch zusammenschweißt, nachdem die Gefährdung durch den "Osten"
obsolet wurde. Und es wäre fatal, ein politisches Konzept nur auf
Gefährdungspotentiale durch andere aufzubauen. Zur politischen und normativen
Diskussion gehört auch die Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens, was
trotz und gerade wegen aller Säkularisierungstendenzen eher wichtiger wird.
Jede Gesellschaft, in der die Diskussion darüber verweigert wird, verweigert sich
der Diskussion über die Zukunft unseres Planeten.
Zweitens: Die Demokratie als Regierungsform ist ganz
zweifelsohne auf dem Siegeszug, doch werden nach allen menschlichen und
historischen Erfahrungen Verwerfungen nicht ausbleiben. Dieses Jahrhundert, das
als Zeitalter des Totalitarismus - siehe den "Holocuast" einer
Hitler-Diktatur, den Stalinismus und seine bereitwilligen Schergen in der
einstigen DDR oder den Genozid in Kambodscha - in die Geschichte eingehen wird,
startete allgemein mit größtem Optimismus und den höchsten Erwartungen für eine
friedliche Weltordnung. Wenn die Demokratie als Institution nicht in der Lage
ist, mit Effizienz auf die vielen, sich indes seit Jahrzehnten ankündigenden
neuen Herausforderungen der Menschheit zu reagieren, ist nicht auszuschließen,
daß sich auch eines Tages wieder stärker autoritäre Lösungen herausbilden
werden. Die Demokratie in ihrer modernen Erscheinung (individuelle
Freiheitsrechte der Bürger, parlamentarisch sich verantwortende Regierung,
geheime Wahl, Mehrparteiensystem) ist nicht älter als zweihundert Jahre. Zu
fragen ist auch: Welche Auswirkung wird die Computerisierung auf unsere
Demokratie haben? Wird das parlamentarisch-repräsentative Prinzip eines Tages
im Sinne plebiszitärer, direkter Demokratie in Richtung einer
"Cyberdemocracy" umgestaltet werden? Die Tendenzen in der Bevölkerung
nach "direkter" Demokratie werden zunehmen. Die
parlamentarisch-repräsentative Ordnung der Bundesrepublik Deutschland ist
insoweit grundsätzlich gefordert.
Drittens: Wird sich der Zusammenprall der Kulturen (Clash of
Civilzations) im Sinne Samuel P. Huntingtons fortsetzen und eines Tages die
Hauptlinie der Weltpolitik bestimmen? Manche dieser Positionen Huntingtons
scheinen nachvollziehbar, wenn man manche Stimmen des fundamentalistischen
Islam im arabischen Raum oder die mancher asiatischer Führer, die "dem
Westen" Dekadenz vorwerfen. Wir müssen uns aber vor einer zu
eurozentristischen Einschätzung unserer immer mehr zu einem "global
village" zusammenrückenden Welt bewahren. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges
verfügten die "westlichen" Imperien über 85 Prozent der Landfläche
unserer Welt. Wenn man sich dies vor Augen hält, wird man besser verstehen
können, warum manche Nationen und ethnische Gruppen, die sich seit Jahrhunderten
durch europäische Mächte als ausgebeutet und domestiziert betrachteten, nunmehr
einen eigenen Weg gehen wollen. Bei allem Zusammenwachsen der Welt und dem sich
gegeneinander Beeinflussens der Kulturen gibt es zweifelsohne eine Ethnisierung
der Politik, die auch vor Europa (siehe Konflikt um das frühere Jugoslawien,
Auseinanderfallen der einstigen Tschechoslowakei, gewachsene Bedeutung von
Regionen wie in Norditalien, weiterhin gewaltsame Auseinandersetzungen in
Nordirland, im Baskenland oder auf Korsika) nicht Halt gemacht hat. Und je
schneller sich die Welt integriert, um so mehr werden sich Menschen mit ihrer
Nation, ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer ethnischen Gruppe identifizieren,
weil sie sich sonst vom Rest der Welt erdrückt sehen. Gleichwohl darf nicht
übersehen werden, daß die Ethnisierung häufig auch ihre Ursache in schwierigen
sozialen Verhältnissen hat. So kann der fundamentalistische Islam in einigen
Staaten gerade deshalb auf eine solche Unterstützung stoßen. weil er sich der
ärmsten Bevölkerungsgruppen annimmt. Je mehr sich, so meine These, in diesen
Staaten eine soziale und politische Entwicklung einsetzt, die zu mehr
Prosperität führt, um so weniger kann sich ein sich ethnisch und kulturell
orientierender Fundamentalismus ausbreiten und somit zu einer Gefahr für andere
Staaten oder andere Staatengruppen werden. Zugleich haben wir neben der
Ethnisierung der Politik auch eine Tendenz zur Regionalisierung, wie jetzt auch
durch Volksabstimmungen in Großbritannien in Schottland und Wales dokumentiert
wurde. Wie wird sich langfristig der Nationalstaat behaupten, wenn die
Bedeutung der - ebenfalls identitätsstiftenden - Regionen zunimmt und zugleich
die Auswanderung wichtiger Kompetenzen auf eine transnationale Ebene, vor allem
in Richtung Europäische Union stattfindet?
Viertens: Die nach wie vor unterschätzte, auch langfristig
drohende Gefahr einer Destabilisierung für Europa kommt von den ungelösten
Problemen des Umweltschutzes, insbesondere im Zusammenhang mit der Energie- und
der Wasserfrage. Hungersnöte, rapider Bevölkerungswachstum und innerstaatliche
Kriege können zu weiteren Massenwanderungen führen, die die uns aus den
Geschichtsbüchern bekannte Völkerwanderung zu einem reinen Osterspaziergang
erscheinen läßt. Es ist erstaunlich, wie sehr die Probleme des Umweltschutzes
gegenwärtig in den Hintergrund gedrängt scheinen.
Fünftens: In Deutschland gibt es eine Tendenz, die
Globalisierung für einen Großteil - auch der hausgemachten - Probleme
verantwortlich zu machen. Manch Kulturpessimismus kommt hinzu. Andererseits
können die zweifelsohne mit der Globalisierung zusammenhängenden Probleme nicht
durch kulturpessimistisches Reagieren und dem damit verbundenen Vorwurf des
"entfesselten Kapitalismus" aufgefangen werden, indem man sich derselben
verweigert. Zunächst sollte die Einsicht wachsen, daß eine neue Ära des
Wettbewerbs eingetreten ist, die auch eine positive Betrachtungsweise verdient:
"Als eine der entscheidenden Antriebskräfte technologischer Innovationen
und Produktionssteigerungen hat der Wettbewerb große Errungenschaften
ermöglicht und Zukunftsvisionen stimuliert", heißt es in einem Bericht der
"Gruppe von Lissabon" zur Globalisierungsfrage. Aus der Erkenntnis
heraus, daß die Welt noch lange nicht das Stadium der Kantschen Utopie des
"ewigen Friedens" erreicht hat, ist es notwendig, daß die Staaten
durch ein kooperatives Management die fundamentalen Probleme der Politik und
der Menschheit zu lösen versuchen. Hier werden die USA, die Europäische Union
und Japan eine Vorreiterrolle spielen müssen - aber wenn nicht die anderen
Staaten frühzeitig in ein solches kooperatives Management, dessen
Instrumentarium vor allem im Rahmen der Vereinten Nationen bereits besteht,
einbezogen werden, könnte dies zu einem Auseinanderfallen der Welt führen.
Achtung! Die Fußnoten und zahlreichen Quellenhinweisen, die bei diesem Text entfallen sind, entnehmen Sie bitte dem Originalartikel in der "Europäischen Rundschau"!