„Berlin
direkt“-Chat vom 21. März 2010, ZDF
„Der Bundespräsident als Schlichter?“
Das
Chat-Protokoll
Willkommen im
Chat.
Berlin
direkt:
Liebe
Chatteilnehmer, wie hatten gerade leider kleine technische Schwierigkeiten.
Bitte schicken Sie Ihre Fragen, die Sie bereits abgegeben haben, noch einmal ab,
damit wir sie gleich an Prof. Langguth weitergeben können.
Es
ist jetzt 19:30 Uhr.
Berlin
direkt:
Herzlich
willkommen zum ‑Berlin direkt-Chat. Wir begrüßen alle Chatteilnehmer, sowie
unseren Experten, den Köhler-Biografen, Prof. Gerd Langguth. Guten Abend, Herr
Langguth.
Gerd
Langguth:
guten abend!
Berlin
direkt:
Warum hielt
sich der ‑unbequeme Bundespräsident Horst Köhler so lange mit Äußerungen bei
den aktuellen Debatten zurück?
Gerd
Langguth:
Horst Köhler ist
ein etwas scheuer Mensch, obwohl er ein so wichtiges Amt hat.
Gerd
Langguth:
Er ihat seine
politischen Erfahrungen in der Verwaltung gemacht, als wichtiger Beamter, aber
er war selber nie Politiker und tut sich mit öffentlichen Äußerungen schwer, er
fühlt sich meines Erachtens unsicher in der politischen Arena.
jochensprenzel:
Wird Köhler im Berliner Politikbetrieb überhaupt respektiert?
Gerd
Langguth:
kaum, egal ob
bei den Regierungs- oder Oppositionsparteien.
Berti11
(Gast):
ich finde die aussage das ein politikier eine Intellektuelle austrahlung hat
und ein hörst köhler nicht sehr fragwürdig, welcher politiker hat den
heutzutage noch eine austrahlung? und dazu noch eine intellektuelle?
Gerd
Langguth:
Der Hinweis auf
andere Politiker greift nicht.
Gerd
Langguth:
Köhler ist ja
immerhin Bundespräsident, der gerade durch die Macht des Wortes wirken soll,
Maßstäbe setzen soll. Ein Präsident hat ein anderes Format als etwa ein
Bundestagsabgeordneter.
Anton15
(Gast):
Hallo ich finde das der Bundespräsident selbstverständlich ein setzten kann.
Aber was macht er der Herr Bundespräsident erhöt lieber die Mineralölpreise. Wie
steht er also zu unserem Außenminister?
Gerd
Langguth:
Natürlich sollte
sich der Bundespräsident einmischen, aber das sollte er in einer Weise machen,
dass er der Autorität des Amtes nicht schadet. Vorgänger von ihm haben das
geleistet. Das Thema Mineralölsteuer wird sicher in den nächsten Tagen sehr
diskutiert werden.
Gerd
Langguth:
Aber er muss
auch wissen, dass seine Forderungen realisierungscharakter haben sollten.
Manuel1985:
Ist es denn überhaupt sinnvoll, als scheuer Mensch ein solches Amt zu bekleiden?
ICh denke nicht!
Gerd
Langguth:
Na ja, er wurde
halt ausgewählt, vielleicht gerade deshalb, weil er kein typischer Politiker
war; gerade das hat ihn so beliebt gemacht.
Anton15
(Gast):
Sehr geehrter Herr Langguth das ist selbstverständlich und das ist auch gut so
aber hier darf und sollte er dem Volk doch mal zeigen das wir ihn zurecht haben
egal welche Meinung der Herr Bundespräsident hat. Oder sehe ich dies falsch
Gerd
Langguth:
Ja, er sollte
seine Alternativen zeigen, es wäre aber auch gut, wenn er bestimmte Forderungen
nicht nur verkündete, sondern auch in zahlreichen Gesprächen mit Regierung und
Opposition umsetzt. Das wird aber schwierig werden in dieser Frage.
Berti35
(Gast):
Darf der Bundespräsident überhaupt in das Tagespolitische Geschehen eingreifen
und von evtl. Steuererhöhungen sprechen? Muss er als Staatsoberhaupt nicht
neutral bleiben und schweigen bewahren?
Gerd
Langguth:
Nein, völlige
Neutralität kann es sowieso nicht geben. Aber er muss wissen, ob seine
Forderungen plausibel sind, ob sie mehrheitsfähig sind. Und dann muss er dafür
kämpfen. Aber er sollte sich nicht ausschließlich zu tagespolitischen Fragen
äußern.
Det29
(Gast):
Warum gibt es so große Unterschiede zwischen seiner ersten und zweiten Amtszeit?
Und was hat das mit den angeblichen Quelrelen unter seinen Mitarbeitern zu tun -
ist dies Ursache oder Wirkung?
Gerd
Langguth:
Jeder Präsident,
der eine zweie Amtszeit hatte, tat sich mit der zweiten schwer. Er ist der
vierte der neun Bundespräsidenten mit zweiter Amtszeit. Mir schien er bereits in
seiner ersten Amtszeit sein Pulver verschossen zu haben.
Fritzchen48 (Gast):
Haben sie Informationen über die internen Querelen im Bundespräsidialamt und
wissen sie inwiefern diese die letzten Monate bestimmten?
Gerd
Langguth:
Na ja, alle
Interna kenne ich nicht. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass jemals über
Fühungsqualitäten eines Bundespräsidenten so in der Öffentlichkeit berichtet
wurde. Jetzt ist Köhler in seinem sechsten Amtsjahr, hat schon den dritten
Staatssekretär. Gerade in einem solchen Amt ist Kontonuität und Diskretion
wichtig.
Pelle1963:
Ich frage mich, ob man einer Bundespräsidentin Gesine Schwan mehr Mitsprache bei
tagespolitischen Fragen zugebilligt hätte.
Gerd
Langguth:
Auch das ist
eine gute Frage. Ich denke schon, dass Gesine Schwan auch als
Politikwissenschaftlerin sich sehr viel mehr in die politische Agenda inhaltlich
eingemischt hätte. Sie ist eine äußerst beredthe Frau und hätte gerne Reden über
viele Themen gehalten. Sie hat auch was zu sagen.
Anton39
(Gast):
Herr Langguth, wie denken Sie interpretiert Herr Köhler seine Rolle im Staat?
eher repräsentativ oder administrativ?
Gerd
Langguth:
Von der Rolle
her eher repräsentativ, er hat ja nicht so viele administrativen Aufgaben,
obwohl dazu zum Beispiel die Gegenzeichnung von Gesetzen gehören, die
Urkundenunterzeichnung für hochrangige Beamte und manche sogenannte
Reservefunktionen, wenn es Probleme gibt, etwa, wenn die Mehrheit im Bundestag
wackelt oder wenn ein unklares Bundestagsergebnis vorliegt.
Gerd
Langguth:
Dann muss Köhler
aus eigener Entscheidung heraus agieren, wie er es etwa bei den vorgezogenen
Wahlen getan hat. Da konnte nur er allein entscheiden; auch mit dieser
Entscheidung hatte er sich sichtbar schwer getan.
Anton27
(Gast):
Warum ist der Bundespräsident (gefühlt) lieber in Afrika, als in Deutschland
unterwegs ? Hier gibt es doch auch eine Reihe von Problemen.
Gerd
Langguth:
Er ist weit mehr
in Deutschland als in Afrika. Er hat aber eine große Sympathie mit Afrika, will
dafür in Deutschland werben. Er kommt selber aus ziemlich ärmlichen
Verhältnissen und er weiss, dass Prosperität, Reichtum keine
Selbstverständlichkeit ist.
Anton37
(Gast):
Kann man dieses Amt nicht auch abschaffen?? Letzendlich nimmt der
Bundespräsident ja nur einen fiktiven Einfluss und ist an sich dadurch
eigentlich streng genommen überflüßig?
Gerd
Langguth:
Theoretisch ja,
es gibt in der Wissenschaft sogar eine entsprechende Diskussion. So könnte die
Rolle eines Staatsoberhauptes etwa auch vom Präsidenten der Bundesrates mit
wahrgenommen werden, der ja jeweils für ein Jahr an der Spitze der Länderkammer
steht.
Gerd
Langguth:
Aber jeder Staat
hat ein Staatsoberhaupt; in den USA ist der Präsident zugleich in einer
repräsentativen wie exekutiven Funktion.
Gerd
Langguth:
Manche sehen in
Köhler so etwas wie einen Ersatz-Monarchen.
faila:
Mich wurde interesieren wieviel vedient der Bundespreiedent netto pro Monat????
Gerd
Langguth:
Das weiß ich
nicht auswendig, wohl aber 12-13 Prozent mehr als die Bundeskanzlerin; und auch
nach dem Ausscheiden aus dem Amt erhält der Präsident dieses Gehalt weiter, ohne
dass es gekürzt würde. Ausserdem hat er bis zum Lebensende Anspruch auf Büro,
Dienstwagen und Fahrer.
Anton15
(Gast):
Der Herr bundespräsident ist doch nicht da um nur schöne Ämter zu absolvieren ,
damit verbunden ist es auch das der Herr Bundespräsident gern mal den etwas
härteren Aufgaben an nehmen darf, odersehe ich dies Falsch?
Gerd
Langguth:
Er sollte nicht
nur der sanfte Repräsentant sein, gelegentlich muss er auch sagen, was ihn
beschwert - aber ich empfehle, das dann nicht nur in Richtung Politik, sondern
auch in Richtung Bevölkerung.
uszww:
Ursache für das von Köhler beklagte Politik-Defizit ist offensichtlich der
interpretierbare (schlampige) schwarz-gelbe Koalitionsvertrag. Hätte er die
Möglichkeit gehabt, zu diesem rechtzeitig kritisch Stellung zu nehmen?
Gerd
Langguth:
Köhler hätte
rechtzeitig Einfluss nehmen können, er kann jederzeit die Kanzlerin
einbestellen. Vielleicht hat er das sogar gemacht.
Edi52
(Gast):
Mich überrascht, dass das ZDF und der SPIEGEL in der gleichen Woche dieses Thema
aufgreifen. Warum gerade jetzt? Ist das Schweigen plötzlich zu laut geworden?
Gerd
Langguth:
Das ist sicher
keine Absprache. Auch BIÖD und andere hatten darüber berichtet.
Gerd
Langguth:
BILD muss es
heißen!
Taugenichts:
Horst Köhler war zwar Professor, könnte es trotzdem sein, dass er mit seinem Amt
intellektuell überfordert ist?
Gerd
Langguth:
Er ist im späten
Berufsleben Professor geworden, aber mehr neben seinem Beruf. Er hat sich Zeit
seines Lebens ziemlich intensiv mit Fragen der Wirtschaftspolitik befasst
Gerd
Langguth:
Interllektuell
wirkt er auf mich eher unterkühlt.
Berti45
(Gast):
Herr Langguth, ich habe eine Frage zur Biographie von Herrn Köhler: Stimmt es,
dass er Mitglied im Council on Foreign Relations ist? Wissen Sie etwas über
diesen Kontakt?
Gerd
Langguth:
Ich glaube das
nicht. Es gibt in den USA solche Councils; ich vermute, dass er dort mal einen
Vortrag gehalten hat. Eine private Mitgliedschaft verbietet schon seine von mir
vermutete Sparsamkeit, weil so etwas viel Geld kostet. Solche Councils sind
seriöse Einrichtungen in den USA. Er hat ja mal für einige Jahre in Washington
gelebt.
Hajo
2715:
Herr Langguth, ich finde den Umgang von Medien und eiigen Politikern mit dem
Bundespräsidenten völlig daneben. Einerseits wird er für sein langes
Schweigen gescholten, andererseits,sobald er sich kritisch zu Wort meldet
zurechtgewiesen er solle sich aus dem politischen Tagesgeschehen heraushalten.
Erklären Sie mir doch bitte mal wo denn seine Kompetenze bzw. deren Grenzen
liegen l
Gerd
Langguth:
Seine
Kompetenzen sind nirgendwo so richtig festgelegt; eine solche Diskussion gab es
immer schon mal, selbst bei Richard von Weizsäcker. Es hängt viel von der
Persönlichkeit des einzelnen präsidenten ab.
Gerd
Langguth:
Sie haben recht,
dass der Bundespräsident gescholten werden kann, wenn er sich zu sehr einmischt,
aber andererseits muss ich sagen: Gerade ein präsident, der eine zweite Amtszeit
hat, ist jemand, der absolut unabhängig ist. Ihm kann politisch nichts mehr
passieren, zumal seine A,tszeit mit Ablauf der zweiten Amtsperiode beendet ist
Meseberger:
Ist Ihnen bekannt, wie weit Herr Köhler mit seinen Plänen gediehen ist, das Volk
über die Wahl des Bundespräsidenten abstimmen zu lassen?
Es
ist jetzt 20:00 Uhr.
Gerd
Langguth:
Er hat diese
Überlegungen mal aufflackern lassen. Diese Auffassung würde dem Präsidenten eine
viel stärkere Stellung geben, wenn er direkt gewählt ist, während der kanzler
dann nur indirekt, durch Wahl im Bundestag gewählt wird. Eine solche Überlegung,
so die kritik, würde das Verfassungsgefüge, das gut austariert ist,
durcheinanderbringen. Ausserdem muss Köhler begründen, warum das bisherige
Wahlverfahren sich nicht bewährt hat.
Berlin
direkt:
Das wars für
diese Woche. Auch wenn leider aus Zeitgründen nicht alle Fragen gestellt werden
konnten, bedanken wir uns bei allen Chatteilnehmern, sowie unserem Experten und
wünschen allen noch einen schöne Rest-Sonntag.
Gerd
Langguth:
Vielen Dank für
die interessanten Fragen!!!!!!!
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