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"Kohl, Schröder und Merkel sind Machtmenschen"

heute.de-Interview: Wie sich Kanzler ihre Macht sichern

Jeder Mensch braucht Anerkennung. Auch Politiker. Deswegen streben gerade sie nach Macht, sagt Professor Gerd Langguth in seinem neuen Buch über Machtmenschen. Im Gespräch mit heute.de erklärt er Kohls Netzwerk-Taktik, Merkels verstecktes Machtbewusstesein. Und warum Schröders "Basta" nichts brachte.

 
heute.de: Professor Langguth, warum wollen Menschen Macht?
Gerd Langguth: Alle Menschen, auch außerhalb der Politik, wollen und brauchen Selbstbestätigung. Im öffentlichen Raum findet das aber vor den Augen aller statt. Der besondere Reiz der politischen Macht liegt in ihrer öffentlichen Wirkung, die zu Ruhm, zu Bedeutung führt. Wer Macht hat, will an ihr so lange wie möglich festhalten. Der Verlust von Macht wird von ihren Inhabern als gleichbedeutend mit sozialem Abstieg angesehen, das Ende der öffentlichen Bedeutung wird als politischer Tod empfunden.

heute.de: 16 Jahre lang hatte Helmut Kohl Macht. Warum war er so lang Kanzler? Weil er ein guter Politiker war oder weil er Konkurrenten konsequent weggebissen hat?
Langguth: Er war der erste Bundeskanzler aus dem Kreis der CDU, der die Bedeutung von Partei und Parteireform erkannt hat, auch für seinen eigenen Machterhalt. Dazu bildete er frühzeitig Netzwerke in seiner Partei. Er hat konsequent jede wirkungsvolle Opposition in seiner eigenen Partei verhindert. Er hat frühzeitig festgestellt, dass in Deutschland der Parteivorsitz die Quelle der Macht ist.

 

Langguth: Es gehört zum Image von Machtmenschen als "Tatmenschen", dass sie gelegentlich auf den Tisch hauen. Was ist aber, wenn das alles nichts bewirkt? "Basta"-Worte sind nur sinnvoll, wenn ihnen gefolgt wird. Wir leben in einer Konsensdemokratie. Selbst in einer kleinen Koalition mit den Grünen bewirkte das "Basta" des Regierungschefs so gut wie nichts. Wenn man ein Basta nicht durchsetzten kann, macht man sich eher lächerlich.

 

heute.de: Wie wichtig war Schröders Selbstdarstellung - das Bild, das er von sich in den Medien verkauft hat - für seine Machtstellung?
Langguth: Schröders Tingelei in eine Talkshow oder die Mitwirkung in einem Film hat ihm keine Macht gebracht. Da wurde eher das negative Bild von Politikern als Schauspieler verstärkt. Die schönste Selbstdarstellung nutzt nichts, wenn die Unterstützung in den eigenen Reihen bröckelt. In der Außendarstellung schien Schröder meist sehr kämpferisch, manchmal wie ein Haudrauf, aber er konnte auch eigene Parteimitglieder sehr verletzen. Das zahlte sich für ihn nicht aus. Als Schröder seinen Parteivorsitz an den loyalen Müntefering übergab, war das der erste Schritt zur Beendigung seiner Macht.
 

heute.de: Seit 2005 wird Deutschland von einer Frau geführt. Führen Frauen anders?

Langguth: Wahrscheinlich ja. Wissenschaftlich ist das allerdings schwer nachweisbar. Es gibt zu wenige Frauen in wirklichen politischen Führungspositionen. Frauen werden aber in ihrem Auftreten ganz anders wahrgenommen, auch in der Kleidung. Sie können nicht so ohne weiteres mit der Faust auf den Tisch hauen, das würde als "unweiblich" wahrgenommen. Frauen führen nicht kumpelig, vielleicht aber konsequenter.
 

heute.de: Wie sichert sich Angela Merkel ihren Machtanspruch innerhalb der CDU?
Langguth: Merkel würde nie freiwillig den Parteivorsitz aufgeben, wie das Schröder unter Druck der Verhältnisse getan hat. Sie weiß, wie wichtig der Parteivorsitz zum Machterhalt ist. Merkel hat sich allerdings - obwohl Parteivorsitzende - nicht wirklich zur Seele der eigenen Partei entwickelt, wie das lange Jahre bei Kohl der Fall war. Das ist ihre Achillesverse.

heute.de: In Ihrer Biografie über Merkel schreiben Sie, dass diese oft unterschätzt wurde. Ist Merkel überhaupt ein Machtmensch?
Langguth: Merkel hat sich zunächst in der DDR Bürgerrechtsbewegung "Demokratischer Aufbruch" politisch engagiert. Damals war ihre heutige Machtposition in der CDU noch nicht vorstellbar. Und doch schlummerte in ihr schon zu DDR-Zeiten die Fähigkeit zum Machtmenschen. Für Merkel gilt: Erst Gelegenheiten schaffen Machtmenschen. Im Gegensatz zu Kohl und Schröder inszeniert sie ihr Machtmenschentum allerdings weniger. Ihre Nicht-Inszenierung ist aber ihre Inszenierung.

 

heute.de: Wenn Sie Kohl, Schröder und Merkel miteinander vergleichen? Was haben diese Machtmenschen gemeinsam?

Langguth: Kohl war mehr der Geschichtsdeuter und Ideologe - inhaltlich nicht immer klar. Schröder war politisch-inhaltlich eher beliebig. Er zelebrierte seinen sozialen Aufstieg und wurde im Verlauf seiner Kanzlerschaft immer unideologischer und pragmatisch. Merkel war nie eine Ideologin, mit dem späten Kanzler Schröder hat sie aber den Pragmatismus gemein. Wenn es um den Erhalt ihrer Macht ging, konnten alle drei mit ziemlicher Härte und Wucht agieren. Alle drei sind Machtmenschen par excellence.