|
aus:
zdf.de, 4. September 2005 Im
Zweifel für die Freiheit |
|
|
|
Wer
ist Angela Merkel und was will sie? |
|
|
|
Über kaum
einen deutschen Spitzenpolitiker wissen die Wähler so wenig wie über Angela Merkel.
Die aktuellste Biografie stammt von dem Politologen und früheren
Staatssekretär Gerd Langguth. Er kennt Angela Merkel seit 1989 und hat die
Person und das "System Merkel" untersucht. Im ZDFonline-Interview
erläutert er beide. |
|
|
|
Sebastian
Voß |
ZDFonline: Sie haben Frau Merkel mehrfach
persönlich gegenüber gesessen. Hat sie im direkten Umgang so etwas wie
Charisma, stellt sie sich besser dar, als es ihr Bild in der Öffentlichkeit
vermittelt?
Gerd Langguth: Es ist ein generelles Phänomen, dass
Politiker im persönlichen Gespräch sympathischer wirken als durch den Filter
der Medien. In meinem Interview mit ihr hat sie sogar einen Witz erzählt und
andere Personen sprachlich imitiert. Das sind Dinge, die wir in der
Öffentlichkeit von ihr nicht sehen oder hören.
ZDFonline: Hat Angela Merkel Leute um sich,
die ganz gezielt mit ihr an ihrem Image, an ihrer Präsentation arbeiten?
Veränderungen bei Make-up, Frisur und Kleidung sind ja aufgefallen - wie aber
steht es um ihr Sprachproblem?
Schon während Merkels
Ministerzeit hat es immer wieder Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gegeben, die
ihr beispielsweise eine Änderung ihrer Frisur nahe legten. Sie bissen aber in
der Regel auf Granit. Die Wichtigkeit des Äußeren in der Medienwelt der
Gegenwart ist Frau Merkel wohl erst mit der Zeit klar geworden.
Inzwischen hat sie rational
erkannt, dass sie ihr Auftreten, ihre Kleidung modernisieren muss, aber nicht
von heute auf morgen, denn das würde künstlich wirken. Also hat sie sukzessive
die Frisur geändert, andere Kleidung gekauft. Seitdem wird sie auch von der
weiblichen Wählerschaft stärker akzeptiert. Warum sie aber so wenig ihre
weibliche Seite ausspielt, ist schwer deutbar.
Was ihre Sprache, ihre
Rhetorik angeht, auch da habe ich nachgeforscht. Ich glaube nicht, dass sie
Rhetorikschulung erhält oder ähnliches - das wäre mit Sicherheit bekannt
geworden. Einen speziellen Coach gibt es nicht - auch wenn ich das für richtig
hielte. Sie müsste selbst - wie eigentlich alle Spitzenpolitiker - ein
Interesse daran haben, beispielsweise das "Ankommen" ihrer Reden zu
analysieren.
Ihre engste Beraterin in
diesen Fragen dürfte ihre Büroleiterin Baumann sein, auch die Pressesprecherin
Christiansen - und ihr Mann. Sie hat es auch nicht gemocht, dass der
"Star-Friseur" Walz hinsichtlich ihrer Frisur wichtigtuerisch
herumplapperte.
ZDFonline: Aus ihrer Kenntnis auch des Inneren
der CDU: Gibt es relevante Kreise, Netzwerke, mit denen Frau Merkel wirklich
Schwierigkeiten hat?
Langguth: Das ist vor allem die Gruppe der
tief katholisch Geprägten. Da hat die protestantisch Geprägte nach wie vor
Probleme. Sie erreicht das katholische Milieu viel schwerer. Es gibt aber keine
organisierten Gruppen, die ihr Probleme machen. Auch der so genannte Anden-Pakt
(ein informeller Club, dem unter anderem die Ministerpräsidenten Roland
Koch, Christian Wulff, Peter Müller und Günther Oettinger angehören - Anmerkung
der Redaktion) sollte nicht überschätzt werden.
Die Interessen eines Roland Koch sind andere als die eines Christian Wulff. Die
Mitglieder sind einerseits durch gemeinsame (vor allem Reise-) Erlebnisse
verbunden, andererseits stehen sie untereinander aber auch in intensiver
Konkurrenz.
Vor der Wahl ist Angela
Merkel in der stärksten Position überhaupt: Sie steht kurz vor dem vermuteten
Wahlsieg und hat somit fast alle Entscheidungen über Posten und Positionen in
der Hand, das Leben und das politische Fortkommen Vieler ist von ihr abhängig.
ZDFonline: Wie geht sie mit Gegnern um -
versucht sie, sie kalt zu stellen, zu neutralisieren oder bindet sie sie ein?
Langguth: Im Moment versucht sie es mehr mit
Einbindung, in der Vergangenheit hat sie aber wenig zur Integration von
Menschen getan, die ihr nicht mehr wichtig erscheinen. Ich habe mal formuliert:
"Die Zahl ihrer Skalps ist enorm." Sie hat sich immer an die Stelle
ihrer bisherigen Gönner gesetzt: Lothar de Mazière war einer ihrer
Hauptförderer - sie beerbte ihn dann als stellvertretenden Parteivorsitzenden.
Ein weiterer Gönner war der
frühere Verkehrsminister Krause - sie profitierte von seinem politischen
Niedergang und beerbte ihren einstigen Förderer als Landesvorsitzende der CDU
Mecklenburg-Vorpommern, wodurch sie erstmals eine richtige Hausmacht hinter
sich scharen konnte.
Mit ihrem berühmten Artikel
in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Dezember 1999 hat sie Kohl und
Schäuble gegeneinander aufgebracht - beide mussten daraufhin ihre Ämter als
Ehrenvorsitzender respektive Vorsitzender der CDU niederlegen. In der
Durchsetzung ihrer Ziele ist sie von einer ausgeprägten Härte. Sie ist
eigentlich keine klassische Einbinderin, auch wenn sie jetzt, kurz vor der
Wahl, darauf achtet, ihre Truppen zusammen zu halten.
Zum Beispiel hätte sie den
enormen außen- und sicherheitspolitischen Sachverstand von Volker Rühe stärker
nutzen sollen. Interessant ist auch der Fall Merz: Neulich hat sie in einem
Interview darauf hingewiesen, dass es für ihn in einer von ihr geführten
Regierung keine Zukunft gibt - es wäre jetzt interessant zu wissen, ob sie das
nicht will, ob Merz es nicht will oder ob sogar beide nicht mehr miteinander
arbeiten wollen.
ZDFonline: Wie steht es um die außenpolitische
Kompetenz der Angela Merkel?
Sie ist schon insbesondere
seit ihrer Umweltministerzeit (Berliner Konferenz, Kyoto-Konferenz und andere)
außenpolitisch trainiert. Ich denke, dass sie auf die Außenpolitik besser
vorbereitet ist, als es der gegenwärtige Bundeskanzler im Jahre 1998 bei seinem
Amtsantritt war. Schröder war vorher niedersächsischer Ministerpräsident und
hatte wesentlich geringere außenpolitische Erfahrung.
Frau Merkel spricht inzwischen ziemlich gut Englisch, Russisch sowieso. Sie
wird mit Putin kaum eine vergleichbare "Männerfreundschaft" aufbauen
können, aber sie kann es wenigstens auf Russisch versuchen.
Außenpolitik ist ja auch in
großen Teilen Europapolitik. Dort wird sie an den alten Kurs der CDU anknüpfen;
auch in diesem Feld wird sie kenntnisreicher sein als Schröder, der 1998 von
Europapolitik zunächst ziemlich wenig verstand. Bei der Außenpolitik sehe ich
die geringsten Probleme für sie als potenzielle Bundeskanzlerin.
ZDFonline: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass
Frau Merkel gleichzeitig einen "Kompass" für Deutschland fordere,
aber ihren eigenen "Kompass" oder eine eigene Vision nicht zu
erkennen gebe. Es entsteht beim Lesen Ihres Buches der Eindruck, dass Angela
Merkels "Kompass" nur aus Gegenentwürfen und Abgrenzungen besteht,
aber keine eigene positive Vision vorhanden ist.
Langguth: Das erinnert mich an Herbert
Marcuse, der gesagt hat, dass in der Negation selbst schon das Positive steckt.
Ich habe in dem Buch ausgeführt, dass sie etwa in der Sozialen Marktwirtschaft
einen Gegenentwurf zu ihren Erfahrungen mit dem Sozialismus in der DDR gesehen
hat, und Gegenbilder sind ja nicht per se etwas Verwerfliches.
Die Naturwissenschaftlerin Merkel ist allerdings keine Visionärin, sie hat
bislang kein Geschichtsbild, wie es etwa der Hobbyhistoriker Helmut Kohl hatte.
Sie hat auch viel weniger christdemokratische Wurzeln und damit allerdings
entspricht sie vom Typ her dem Wechselwähler. Immer mehr Menschen haben immer
weniger Verwurzelung in einer Partei. Das sind
inzwischen über die Hälfte aller Wähler.
Das hat für sie Vor- und
Nachteile. Der Vorteil ist, dass sie nicht ideologisch verkleistert ist: Wenn
sie eine politische Entscheidung nicht mehr für richtig hält, kann sie sich
leichter davon trennen. Man kann sagen, sie handelt pragmatischer als andere,
die jahrzehntelang bestimmte christdemokratische Positionen eintrainiert haben.
ZDFonline: Sie kommen anscheinend zu der
Einschätzung, dass Angela Merkel die Macht um der Macht willen will - muss das
den Wähler nicht bedenklich stimmen, wenn jemand an die Macht will ohne eigene
klar umrissene Vision, ein Ziel, für das er diese Macht einsetzen will?
Langguth: Es ist ja nicht so, dass sie absolut
wurzellos wäre und keine Gesamtvorstellung von der Zukunft der Gesellschaft
hätte. Zweifellos will sie Deutschland in einem Zeitalter der Globalisierung
fit und wettbewerbsfähig machen. Jemand aber, der nicht ein starkes Verhältnis
zur Macht hat, ist ohnehin nicht zur Macht tauglich.
Denken Sie nur an Ludwig Erhard, der ein großer Visionär war, aber nicht in der
Lage war, sich in den Finessen parteipolitischer Verstrickungen
durchzumanövrieren. Ohne das Movens der "Erotik der Macht" können
Spitzenpolitiker die tagtäglichen Kleinkriege nicht durchhalten.
ZDFonline: Aber sollte nicht die Macht immer Mittel zum Zweck bleiben?
Langguth: Natürlich. Angela Merkel hat durchaus eine Wertorientierung
und die lautet "In dubio pro libertate". Im Zweifel hat sie einen
inneren Kompass gegen jede Form von Reglementierung des Einzelnen, durch
Behörden, durch Politik. Von daher fordert sie die Verantwortung des Einzelnen
für die Gesellschaft stärker ein als mancher andere. Sie ist aber merkwürdig
sprachlos auf diesem Gebiet, erstaunlich hilflos, das so zu artikulieren, dass
diesbezüglich die Menschen sie verstehen.