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aus: Wiesbadener Kurier,  27. August 2008

Den meisten deutschen Politikern fehlt Charisma

Professor Gerd Langguth, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, erklärt die Faszination des US-Wahlkampfs
 

BONN Parteitagsinszenierungen oder gar Kandidatenwahl - deutsche Politiker schauen gern Richtung Washington, um Ideen zu finden. Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth verweist vor allem darauf, wie transparent in den USA Kandidaten ausgewählt werden.

Herr Langguth, deutsche Politiker pilgern zu den Nominierungsparteitagen der Demokraten und Republikaner in die USA: Heißt von Obama lernen, Wahlkampf lernen?

Langguth: Die charismatische Kraft, die Barack Obama entwickelt, ist schon bemerkenswert. Daran fehlt es den meisten deutschen Politikern. Der amerikanische Wahlkampf ist seit jeher von den deutschen Parteien genau beobachtet worden. Die Wahlkampfmanager hierzulande schauen sich da gerne etwas ab. Man denke nur an den Wahlparteitag der SPD 1998 mit Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine. Das war eine Inszenierung wie aus Amerika. Der Straßenwahlkampf, die Fernsehduelle, der Internetwahlkampf - all das kommt aus den USA. Dennoch: Der Wahlkampf- und Parteitagsstil aus Amerika lässt sich nicht auf Deutschland übertragen. Show und Symbolik gehörten allerdings schon immer auch zur deutschen Politik. Das ist bei Angela Merkel nicht anders als bei Konrad Adenauer.

Setzen deutsche Wählerinnen und Wähler mehr auf Inhalte?

Langguth: Natürlich sind die Kandidaten wichtig. Generell legt man in Deutschland bei Parteitagen und Wahlen doch mehr Wert auf programmatische Aussagen. Das amerikanische Wahlsystem mit seinen Wahllisten und Wahlmännern funktioniert allerdings völlig anders als bei uns in Deutschland.

Brauchen wir eine grundlegende Reform des Wahlsystems und der Kandidatenkür?

Langguth: Bundespräsident Horst Köhler hat das System der amerikanischen Vorwahlen als bedenkenswert für die deutsche Demokratie bezeichnet. Darüber sollte man nachdenken. Die Aufstellung von Kandidaten für Bundestag und Landtage sollte nicht in Hinterzimmern geschehen. Wir müssen in Deutschland die Auswahl der politischen Elite verbessern. Hier besteht ein erheblicher Mangel. Auch beim Wahlrecht gibt es Reformbedarf. Das deutsche Wahlrecht hat sich über Jahrzehnte bewährt. Aber der ursprüngliche Gedanke, über Landeslisten anerkannte Fachleute in den Bundestag zu bringen, ist ad absurdum geführt worden. Die Parteien sollten über die Einführung eines gemäßigten Mehrheitswahlrechts nachdenken.

Das Gespräch führte Andreas Herholz.