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Westfälischer Anzeiger, Hamm,  3. Juni 2010:


„Frauen werden in der Politik am Anfang eher unterschätzt“"

INTERVIEW Gerd Langguth über den Erfolg von Merkel und von der Leyen

 

Mit Ursula von der Leyen als Nachfolgerin von Horst Köhler und Angela
Merkel als Kanzlerin (beide CDU) wäre Deutschland stark in Frauenhand.
„Dass gerade aus einem konservativen Lager Frauen an die Spitze kommen
können, ist noch vor zehn Jahren nicht absehbar gewesen“, sagt der
Politologe und Merkel-Biograf Gerd Langguth im Gespräch mit Laura Engels.

Wenn Ursula von der Leyen Bundespräsidentin werden würde, stünden in
Deutschland zwei Frauen an der Macht. Hätten Sie vor zehn Jahren damit
gerechnet?
Gerd Langguth: Dass es dann vor allem auch zwei christdemokratische
Frauen wären, dass gerade aus einem eher konservativen Lager überhaupt
Frauen an die Spitze kommen können, das war vielleicht vor zehn Jahren
so nicht absehbar. Die Frage ist, ob es eine Art „Overkill“, ein
Überangebot von Frauen in wichtigen Positionen, gibt. Die Frage ist zu
verneinen. Es würde sogar ein sehr positives deutsches Frauenbild in der
Welt vermitteln, wenn die zwei wichtigsten Positionen mit Frauen besetzt
wären.


Warum schaffen es ausgerechnet die Frauen in der CDU so weit nach oben?
Langguth: Ich denke, dass in der CDU die Frage auch eine Rolle spielt,
mit wem Wahlen am besten gewonnen werden können. Weniger die
ideologischen Komponenten, ob jemand weiter links oder rechts steht,
sondern eher, wer die besseren Chancen hat. Außerdem gibt es keine ganz
klare Gesetzmäßigkeit, weil Merkel sich natürlich in einer
männerdominanten Welt durchgeboxt hat. Sie hat eben viele überrascht und
wurde auch in ihrem Machtwillen unterschätzt. Vielleicht werden Frauen
in der Politik eher am Anfang unterschätzt. Und Merkel ist ein Beispiel
dafür, dass derjenige, der sie unterschätzt, schon meistens verloren hat
Da hat Horst Seehofer sogar mal Recht.

Wie haben Merkel und von der Leyen die CDU verändert?
Langguth: Man kann schon sagen, dass Merkel nicht vom „Gedöns“
gesprochen hat, wie das Gerhard Schröder bei bestimmten weichen Themen
wie Frauen- und Familienpolitik getan hat. Merkel ist keine
Emanzipationspolitikerin herkömmlicher Art. Aber das Bild der CDU ist
weiblicher geworden. Bei den letzten Bundestagswahlen war sogar ein
leichter Zugewinn bei Frauen zu verzeichnen. Die CDU hat auch mit Hilfe
von Ursula von der Leyen die Familienpolitik wieder als ihre Domäne
zurückerobert – auch wenn man Frauenpolitik nicht auf Familienpolitik
reduzieren darf. Dass ja ausgerechnet eine christlich demokratische
Partei das Familenthema in der Vergangenheit nicht auf ihre vorderste
Fahnen geschrieben hatte und dass sich das mit Merkel und von der Leyen
geändert hat, das ist ja das Erstaunliche und Interessante dabei. Weil
Merkel selber zwar verheiratet ist, aber keine Kinder hat, war für sie
natürlich so ein Typ Frau wie von der Leyen besonders wichtig. Eine, die
Familie hat, die Wärme und den Rückhalt einer Familie. Das bringt genau
Frau von der Leyen als eine „Idealmutter der Nation“ mit.

Glauben Sie, es würde sich etwas ändern, wenn wir eine Bundespräsidentin
hätten?
Langguth: Das hängt nicht mit der Frage Mann oder Frau zusammen. Köhler
ist ja als Bundespräsident nicht gescheitert, weil er ein Mann ist,
sondern weil er mit der politischen Realität in unserem Lande, mit der
politischen Klasse nicht zurecht gekommen ist. Das würde bei von der
Leyen anders sein. Sicher würde Ursula von der Leyen andere Töne in die
Debatten bringen.

Werden an eine Frau andere Maßstäbe gesetzt?
Langguth: Ja, auch an Merkel wurden immer andere Maßstäbe gesetzt.
Allein schon bei der Kleidung. Die Männer brauchen nur irgendwelche
dunklen oder grauen Anzüge mit einer mehr oder minder passenden
Krawatte. Wenn aber Merkel ein tief dekolletiertes Kleid trägt, wird
daraus bereits ein Politikum. Die Fragen, ob Merkel eine Stilistin für
ihre Haare hat und wo sie ihren Schmuck kauft, sind weibliche Themen,
denen sich Merkel übrigens nicht mehr verschließt. Sie hat ja in ihrer
Anfangszeit als Ministerin auf all diese Dinge überhaupt keinen Wert
gelegt. Dass es gerade in der Welt der Gegenwart bei Frauen auch auf
Aussehen ankommt, das ist Merkel rational erst sehr viel später klar
geworden.