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Die Welt, 2. Juli 2010

"Die CDU darf nicht immer nur Merkel, Merkel, Merkel sein"

Gerd Langguth, der Biograf der Kanzlerin, über die Zukunft von CDU und Kanzlerin nach dem Wahlkrimi um Christian Wulff

von Günther Lachmann

Die WELT: Herr Langguth, wer hat am Mittwoch in der Bundesversammlung in zwei Wahlgängen verloren, Christian Wulff oder Angela Merkel?

Gerd Langguth: Christian Wulff hat nicht verloren. Er wurde im dritten Wahlgang mit absoluter Mehrheit Präsident. Ihm kann man gratulieren. Die Verliererin ist Kanzlerin Angela Merkel. Zwar wissen wir nicht genau, woher die Pro-Gauck-Stimmen von Schwarz-Gelb und die Enthaltungen kamen. Aber vieles spricht dafür, dass sie zum großen Teil aus dem Unionslager stammen und Proteststimmen gegen Merkel waren. Dieser Umstand zwingt sie zum verschärften Nachdenken über die Ursachen.

Die WELT: Wie stark ist die Kanzlerin beschädigt worden?

Langguth: Nicht unerheblich. Sie muss etwas Tapferes tun, mit dem sie das Schlingern der Regierung stoppt. Dazu braucht sie allerdings die Unterstützung von FDP-Chef Guido Westerwelle und die des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer.

Die WELT: Die Abweichler haben die Koalition, die sich ohnehin in einer schwierigen Phase befindet, bewusst weiter geschwächt. Warum?

Langguth: Diese Leute müssen in einem erheblichen Maße frustriert sein, wenn sie in einer solchen Situation eine weitere Schwächung der Union, aber auch der FDP in Kauf nehmen. Sie fürchten ganz sicher auch einen Absturz der CDU bei den im kommenden Jahr anstehenden sechs Landtagswahlen.

Die WELT: War das Abstimmungsverhalten heimtückisch?

Langguth: Ja und nein. Heimtückisch war es insofern nicht, weil viele ihre persönliche Überzeugung zugunsten des ihnen sehr sympathischen Kandidaten Gauck zum Ausdruck brachten. Außerdem hatten sich die Abweichler sicherlich nicht abgesprochen, denn das wäre sonst bekannt geworden. Es handelt sich um viele individuelle Neinsager, die nicht Wulff treffen wollten, sondern Merkel und Westerwelle.

Die WELT: Aber diese Abweichler in der CDU hätten, wie es bei den Liberalen geschehen ist, ihren Unmut vorher laut äußern können.

Langguth: Das haben die nicht getan, weil sie Klassenkeile befürchteten. Und manche sind nur in geheimer Abstimmung mutig.

Die WELT: Was sagt ein solches Verhalten über den Zustand der CDU aus?

Langguth: Es zeigt, in welch schwierigem Zustand sich die Partei innerlich befindet. Es gibt viele, die mit der Parteivorsitzenden nicht einverstanden sind, mit ihrem Führungsstil in der Regierung und in der Partei.

Die WELT: Ergeht es der Union nun so wie der SPD unter Gerhard Schröder?

Langguth: Die Union nimmt möglicherweise die gleiche Entwicklung wie die SPD, nur geht sie diesen Weg zeitversetzt. Unter Schröder wurde der Erosionsprozess der SPD durch die Hartz-IV-Gesetze beschleunigt. Die Erosion in der Union setzt zu einem Zeitpunkt ein, wo Merkel wegen der Schuldenbremse Entscheidungen treffen muss, die vielen in der Bevölkerung nicht gefallen. So ähnlich war das mit der Agenda 2010 unter Schröder. Das heißt: Frau Merkel muss sich jetzt stärker um die Seele der Partei bemühen. Nur durch routiniertes Weiterregieren wird es ihr nicht gelingen, ihre Machtbasis wieder zu stabilisieren.

Die WELT: Was muss Angela Merkel tun?

Langguth: Erstens muss sie klarer machen, was eigentlich die geistige Dimension, die Mission des christlich-liberalen Projektes ist. Das wird niemandem so richtig deutlich. Zweitens muss sie, gerade in der Frage der internationalen Finanzbeziehungen und des Euro, deutlich machen, dass die Koalition Herr der Lage ist. Drittens sollte sie überlegen, ob sie nicht starke Figuren ins Kabinett holt.

Die WELT: Wer könnte das sein?

Langguth: Es mag illusorisch sein, Friedrich Merz zurückzugewinnen, aber bei Roland Koch wäre ich da nicht so pessimistisch. Er könnte etwa als Finanzminister eine herausragende und stabilisierende Rolle neben Merkel einnehmen. Koch ist ein ausgewiesener Kenner der internationalen Finanzbeziehungen. Wenn die Bedingungen stimmen, gibt es sicher eine Chance, gute Leute zurückzuholen. Also, ich halte das nicht für völlig illusorisch. Außerdem gibt es dazu keine Alternative. Denn wenn die Union immer nur Merkel, Merkel, Merkel ist, dann geht die Breite einer Volkspartei verloren.

Die WELT: Nicht nur Merkel, auch die CDU hat nichts getan, Koch oder Merz zu halten ...

Langguth: ... das stimmt. Dennoch ist die Vorsitzende verantwortlich dafür, ob sich die Breite der Union in der Parteispitze widerspiegelt oder nicht. Gerade wenn man obsiegt im innerparteilichen Kampf, muss man auf die Unterlegenen zugehen und sie integrieren. Das heißt, Angela Merkel hätte Leute wie Merz und Koch einbinden müssen. Das hat sie nicht getan. Nun bekommt sie dafür die Rechnung.

Interview: Günther Lachmann