aus: WELT, 18. August 2009
Regierung Merkel
1000 Tage Koalition und Lust am
Selbstbetrug
Am Montag ist die große Koalition seit 1000 Tagen im
Amt. Während die Sozialdemokraten zunehmend orientierungslos scheinen und
auf die Rückkehr von Franz Müntefering hoffen, traut sich die Union kaum
noch an harte Themen heran. Der Bonner Politikwissenschaftler Gerd
Langguth bewertet die Arbeit der Merkel-Truppe.
WELT ONLINE: Die Regierung Merkel ist 1000
Tage im Amt, welches Projekt kommt Ihnen zuerst in den Sinn, wenn
Sie an die große Koalition denken?
Langguth: Die Konsolidierung der Staatsfinanzen,
weit günstigere Arbeitsmarktzahlen, die Familienpolitik von Frau von der
Leyen mit dem Elterngeld, aber auch Unternehmenssteuerreform und Senkung
der Arbeitslosenversicherung. Das sind die Pluspunkte der Koalition. Mit
Schaudern denke ich an das Monstrum von Gesundheitsreform. Die hat kein
Bürger verstanden. Nur teilweise ist Ziel von Kosteneinsparungen erreicht,
die eigentlichen Probleme sind verschoben.
WELT ONLINE: 1000 Tage große Koalition werden jetzt
als „Stillstand" oder „Regieren auf Sparflamme" kritisiert. Ist das auch Ihr
Urteil?
Langguth: Ein so negatives Pauschalurteil wäre
falsch. Die Koalition hat in den ersten zwei Jahren mehr zuwege gebracht als
viele erwartet hatten. Viele im Koalitionsvertrag benannte Projekte wurden
relativ rasch abgearbeitet. Jetzt tritt die Koalition auf der Stelle. Die
Bundestagswahl in einem Jahr lässt grüßen, die alten politischen Gegensätze
zwischen den großen Parteien brechen wieder auf. Richtig ist aber, dass mit
Ausnahme der Rente mit 67 und der Pendlerpauschale die Koalition keine
wirklich unpopulären Entscheidungen getroffen hat.
WELT ONLINE: Was ist das Problem dieser
Koalition?
Langguth: Beide Partner haben keinen klaren Kurs. Die SPD weiß nicht,
ob sie Opposition in der Regierung sein will. Ihre Identitätskrise
oszilliert zwischen zwei ehemaligen Ministerpräsidenten: Oskar Lafontaine,
der nach linksaußen lockt und Wolfgang Clement, der als Gralshüter einer
pragmatischen Reform-SPD auftritt. Und dazwischen ein Kurt Beck, der täglich
an Autorität verliert. Die Erklärung Becks und seiner Stellvertreter zu den
Vorgängen um Frau Ypsilanti sind ein Dokument der Hilflosigkeit. Und die
Union? Die ist ordnungspolitisch am Schlingern, wenn man etwa an die Debatte
um den Mindestlohn denkt.
WELT ONLINE: Haben frühere Bundesregierungen mehr oder kraftvoller
regiert?
Langguth: Nein, nicht wirklich. In Zeiten von Vollbeschäftigung war
aber Politik viel einfacher. Verschuldenspolitik zu Lasten künftiger
Generationen führte zur Verschiebung notwendiger Reformpolitik. Frühere
Regierungen hatten genauso mit dem Problem zu kämpfen, dass Deutschland
institutionell eine Konsensdemokratie ist. Entscheidungen können nur auf dem
kleinsten gemeinsamen Nenner umgesetzt werden. Das liegt an den starken
Mitwirkungsrechten des Bundesrates. Die Kraftlosigkeit, die wir jetzt
erleben, gab es etwa auch in der zweiten Hälfte der Ära Kohl.
WELT ONLINE: Gab es jemals eine Bundesregierung, mit der die Bürger
zufrieden waren?
Langguth: Das gab es nur in Ausnahmesituationen, etwa bei der
Entfaltung des „Wirtschaftswunders" Mitte der fünfziger Jahre oder
unmittelbar nach der deutschen Einheit.
WELT ONLINE: Die Deutschen sind also ein Volk von Nörglern?
Langguth: So weit würde ich nicht gehen. Umfragen zeigen aber, dass
viele Bürger zunehmend unzufrieden sogar mit der Demokratie als solcher,
nicht nur mit der Politik sind. Das ist insofern paradox, als einzelne
Politiker hohes persönliches Ansehen genießen. Langfristig angelegte
Reformpolitik findet in der Bevölkerung kaum Unterstützung.
WELT ONLINE: Dann müssten wir doch jetzt sehr zufrieden sein mit einer
Regierung, die uns in Ruhe lässt und sogar Geschenke verteilt. Vor allem,
nach den turbulenten Reformen von Kanzler Schröder.
Langguth: Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass viele Bürger
eine gewisse Lust am Selbstbetrug haben. Viele wissen, dass wir über unsere
Verhältnisse leben, aber die Regierung darf es uns nicht sagen. Merkel hat
ja 2005 insoweit einen ehrlichen Wahlkampf geführt, weil sie sogar, was es
vorher noch nie gab, Steuererhöhungen ankündigte. Dafür bekam sie durch ein
schlechtes Wahlergebnis die Quittung. Die Reformzurückhaltung, die wir jetzt
erleben, ist die Lehre, die Merkel daraus gezogen hat, aber auch, weil
wichtige Reformen, etwa im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktpolitik mit der
SPD nicht zu machen sind.
WELT ONLINE: Warum zeigen die Bürger so wenig Einsicht?
Langguth: Sie haben Angst, durch die Globalisierung zu verlieren. Die
meisten Menschen wollen im Hier und Jetzt keinen Verzicht zugunsten
künftiger Generationen leisten. Dagegen kommt eine Regierung nur an, wenn
sie sich einig ist und klare Positionen vertritt. Dazu fehlt der großen
Koalition überwiegend der Mut. Den gab es zu Beginn der Koalition noch.
WELT ONLINE: Das liegt vor allem an der SPD?
Langguth: Alle Beteiligten trauen sich nicht, harte Wahrheiten
auszusprechen. Das gilt auch für CDU und CSU. Die SPD wird durch die
Linkspartei zusätzlich außer Tritt gebracht, ist orientierungslos.
Hauptdarsteller im diesjährigen Sommertheater war die SPD.
WELT ONLINE: Welche Bedeutung hatte der Rücktritt von Franz Müntefering?
Langguth: Das war eine echte Zäsur für die Koalition. Er hat den
Zusammenhalt in der Koalition ermöglicht, war aber in der SPD zugleich der
Gegenpol zur Union. Müntefering war auch hier so etwas wie ein
Generalsekretär der Koalition. Er hat umgesetzt, was gemeinsam vereinbart
wurde.
WELT ONLINE: Wo war in den vergangenen 1000 Tagen eigentlich die
Opposition?
Langguth: Die Opposition besteht aus drei Parteien, die so
unterschiedliche Positionen haben, dass sie kein echtes Gegengewicht zur
Koalition bilden können. FDP und Grüne kämpfen ja teilweise um die gleichen
Wähler. Die eigentliche Auseinandersetzung findet auch nicht zwischen der
Koalition und der FDP oder den Grünen statt, sondern zwischen der Linken und
allen anderen Parteien. Lafontaine und Gysi treiben alle vor sich her.
WELT ONLINE: Wo führt das hin?
Langguth: Vielleicht wieder in einer Große Koalition. Heute ist es
sehr fraglich, ob wir nach 2009 eine klassische schwarz-gelbe oder rot-grüne
Koalition erhalten, dafür dürfte auch der Siegeszug von Oskar Lafontaine
sorgen. Zunächst aber wird der Frust über die Regierung zunehmen, weil sie
in den nächsten zwölf Monaten lustlos vor sich hinregieren wird. Große Taten
sind nicht mehr erwarten. Die nächste Bundestagswahl wird auch nicht von
einer Debatte über das bessere Politikkonzept dominiert sein. Entscheidend
wird die Frage sein, ob die SPD auf Bundesebene mit der Linken koalieren
wird.
Gerd Langguth lehrt Politikwissenschaft an der
Universität Bonn. Mit ihm sprach Philipp Neumann.