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Welt am Sonntag, 14. November 2010

Warum Spitzenpolitiker ausrasten

Wer sich ständig kontrollieren muss, sucht oft ein Ventil

 

Von Gerd Langguth

Eigentlich müsste der Saarländer Oskar Lafontaine seinem Nachfolger als Finanzminister Wolfgang Schäuble solidarische Grüße übermitteln. Denn der Kurzzeitfinanzminister Lafontaine hatte ebenfalls bei einer Pressekonferenz, es war am 10. Februar 1999, nicht rechtzeitig konkretes Zahlenmaterial zum Steuerentlastungsgesetz vorgelegt, worüber sich die Journalisten heftig beklagten. Als dann Lafontaine die Zuleitung schriftlicher Daten zusagte, wusste er nicht, dass das Mikrofon des Senders Phoenix seine ausfälligen Bemerkungen gegenüber seinem neben ihm sitzenden Sprecher Thorsten Albig, heute Oberbürgermeister von Kiel, mit aufzeichnete: "Das hätte man doch wissen müssen, dass das kommt. Die verreißen mich wegen eurer Blödheit."

Lafontaine ging irrtümlich davon aus, dass seine herrischen Worte nicht an die Öffentlichkeit gelangten, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hätte aber wissen müssen, dass sein Rüffel gegenüber seinem Pressesprecher Michael Offer vor aller Augen und Ohren den Raum der Pressekonferenz verlassen würde. Schäuble missachtete das Gesetz, dass man Mitarbeiter öffentlich in Schutz nimmt und nur intern Kritik äußert. Er ist dafür bekannt - zumal er auch hart gegen sich selbst ist, dass er mehr als nur unduldsam mit Mitarbeitern ist. Schäuble putzt sie gnadenlos herunter. Er neigt nicht nur zum Ironisch-Lustigen, sondern auch dazu, schnell in Sarkasmus abzugleiten.

Altgediente Journalisten erinnern sich aber an keinen Fall, dass während einer Pressekonferenz ein Minister enge Mitarbeiter so abgemeiert hat, wie das Schäuble tat. Erinnerungen gibt es lediglich an den früheren Innenminister Otto Schily , der allerdings bei einer Innenministerkonferenz seinen damaligen beamteten Staatssekretär Klaus-Günter Schaper anpatzte, weil er mit Vorlagen aus seinem Haus unzufrieden war. Aber das war zunächst nur Innenminister-öffentlich. Bekannt war immer schon, dass manche Potentaten der Politik häufig intern ihre engsten Mitarbeiter als Blitzableiter benutzen. Das war etwa beim früheren Bundespräsidenten Horst Köhler der Fall, der Mitarbeiter schon während seiner Zeit als Finanzstaatssekretär hemmungslos anbrüllen konnte. Aber es drang - sieht man von seiner Schlussphase ab - nicht nach außen. Wer, wie Schäuble, öffentlich Spott über einen Mitarbeiter ausgießt, profiliert sich zulasten eines in der konkreten Situation Wehrlosen.

Politiker müssen ständig kontrolliert wirken, weshalb es auch verständlich ist, dass sich manche intern durch Wutausbrüche abreagieren. Nur wer stärkere Nerven hat und über genügend Selbstbewusstsein verfügt, sollte sich in die Nähe eines Mächtigen begeben. Der Preis, im Zentrum der Macht zu arbeiten, ist häufig hoch. Manche Politiker haben im Umgang mit Untergebenen etwas Sadistisches an sich. Sie machen insbesondere Einzelne, die sich nicht genügend wehren, immer wieder zur Zielscheibe ihrer Ausbrüche. Dass sich ein Politiker ständig unter Kontrolle haben muss, führt aber auch dazu, dass er ein Ventil für seine Emotionen sucht. Helmut Kohl übte auch ausfallende Kritik an einzelnen Mitarbeitern nicht unter vier Augen, sondern vor seiner Mannschaft. Er demonstrierte zudem anderen gegenüber gern seine Führungskraft dadurch, dass er etwa lautstarke Telefonate mit seinem damaligen Generalsekretär Heiner Geißler - seine Lieblingsworte waren dabei "absolut unerträglich" - führte. Heiner Geißler hat Angela Merkel , als sie Bundesministerin wurde, geraten, bei Telefonaten mit Helmut Kohl rechtzeitig zu lernen, den Hörer weit genug entfernt vom Kopf zu halten.

Zweifellos ist die Politik insbesondere in der Gegenwart besonders fordernd. Das kann auch dazu führen, dass es zu emotionalen Gewittern in der Öffentlichkeit kommt. Leidenschaftliche Auseinandersetzungen zwischen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß , auch Helmut Kohl , wurden in der Bevölkerung zum Teil sogar als zum Showbusiness der Politik gehörig angesehen. Wenn Franz Josef Strauß etwa von Linksextremen ausgebuht wurde, konnte es wie 1979 passieren, dass er bei seinem ersten Auftritt als gemeinsamer Kanzlerkandidat von CDU und CSU in Essen erklärte: "Ihr wärt die besten Schüler von Dr. Joseph Goebbels gewesen, ihr wärt die besten Anhänger Heinrich Himmlers gewesen, ihr seid die besten Nazis, die es je gegeben hat!" Solche Ausbrüche von Emotionen in der Öffentlichkeit waren profilbildend und wurden meist von den eigenen Anhängern stark bejubelt. Zu einem Eklat kam es im Deutschen Bundestag 1975, als Herbert Wehner der CDU/CSU-Fraktion, insbesondere Franz Josef Strauß , im Bundestag vorwarf: "Wenn Sie das Wort 'Marxist' hören, geht es Ihnen so, wie Goebbels damit operiert hat, nicht anders. Sie sind nämlich in dieser Frage genauso dumm, wie es jener war. Nur war er ganz jesuitisch raffiniert." Als daraufhin die CDU/CSU-Fraktion empört auszog, rief ihnen Wehner den berühmten Satz nach: "Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen."

Emotionen sind in der Politik etwas Normales. Sie werden manchmal gezielt eingesetzt, manchmal kommen sie spontan über die Lippen. Aber sich im Umgang mit Mitarbeitern nicht beherrschen zu können, das ist ein schwerer persönlicher Mangel. Vielleicht kommt auch Schäuble zu der Erkenntnis.