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Welt am Sonntag, 4. September 2011

 

Ein Leben in der Nische

Angela Merkels Vater starb am Freitag im Alter von 85 Jahren. Horst Kasner suchte als Pfarrer einen Weg zwischen den Welten

 

Von Gerd Langguth

 

Welche Gefühle mögen Horst Kasner bewegt haben, als der linksorientierte DDR-Pfarrer auf der Ehrentribüne des Bundestages miterlebte, wie seine Tochter Angela zur Bundeskanzlerin gewählt wurde? Wohl eine Mischung aus Stolz und Zweifel. Das Leben war nicht zuletzt auch durch die Auseinandersetzung mit dem Vater geprägt.

Zu DDR-Zeiten war Horst Kasner einer der einflussreichsten Kirchenoberen, er leitete in Templin den „Waldhof“, der in der Berlin-Brandenburgischen Kirche jedermann ein Begriff war: Viele Theologen kamen zu ihrer Weiterbildung oder während ihrer Ausbildungszeit als Vikare vor dem zweiten theologischen Examen nach Templin. Kasner gehörte zu den umstrittenen evangelischen Pastoren. Wenige Tage nach der Geburt der Tochter Angela  in Hamburg siedelte Familie Kasner mit dem Säugling im Tragekorb in die DDR über. Zunächst wirkte Merkels Vater als Pfarer in dem Dreihundert-Seelen-Dorf Quitzow in der brandenburgischen Prignitz. Kasner stammte aus Berlin-Pankow. 

Manche Kritiker haben Kasner unterstellt, er sei als überzeugter Freund des Sozialismus in die DDR zurückgekehrt. Doch damals herrschte Pfarrermangel im Osten, die Kirche wurde verfolgt und drangsaliert. In den heute noch erhaltenen Papieren der DDR wird Kasner in seiner Frühzeit als „ein Gegner unseres Arbeiter- und Bauernstaates“ bezeichnet. Später jedoch erhielt er den Beinahmen „roter Kasner“. Spätestens nach dem Mauerbau 1961 gehörte er zu den Pfarrern, die für eine selbstständige DDR-Kirche kämpften, ohne organisatorische und inhaltliche Anbindzng an den Westen. Kasner gehörte am am 17. Januar 1958 gegründeten „Weißenseer Arbeitskreis“ an – einer evangelische Bruderschaft, die sich unter anderem die Loslösung von der EKD zur Aufgabe machte. Hier entwickelte sich erstmals eine Nähe von Christentum und Sozialismus. Zeitweise war Kasner sogar im Leiterkreis dieses Arbeitskreises.

Zweifellos hatte er sich in der DDR arrangiert. Es ist keinesfalls auszuschließen, dass er dies auch zum Schutz seiner Kindern zuliebe getan hat. Der Pfarrerstochter Angela wurde früh von ihren Eltern geraten: „Du musst besser sein als alle anderen, nur so kannst Du die Oberschule und die Universität besuchen.“ Angela ging, was als ein Stück Auflehnung des Vaters interpretiert werden konnte, nicht zur DDR- „Jugendweihe“, allerdings ihre jüngeren Geschwister. Kasner habe Autorität ausgestrahlt und Menschenkenntnis besessen, erinnert sich eine Mitschülerin Merkels. „Geistig wollte er nicht den DDR-Mief. Er war ein Nischendenker. Er konnte motivierend wirken. Aber er war nicht ein wirklicher DDR-Kritiker, er hatte seine Nische gefunden, er wusste, wo die Grenzen sind, um nicht mit dem Staat in Konflikt zu kommen.“

Das Verhältnis Angelas zur Mutter war herzlich. Die Tochter war aber auch zweifellos auf den von ihr so häufig vermissten Vater fixiert. In einem Interview berichtete sie: „Er hat immer viel gearbeitet. Arbeit und Freizeit flossen bei ihm zusammen, und manchmal hat er sich mit der Arbeit vielleicht auch von den Familienpflichten ferngehalten." Als Kind sei es nicht einfach gewesen, weil alles immer "ordentlich und perfekt" sein musste. "Was mich als Kind manchmal fuchsig gemacht hat, war seine Art, verständnisvoll gegenüber jedermann zu sein. Aber wenn wir selbst etwas verbockt hatten, reagierte er völlig anders.“ Der Vater konnte auch harsch auf seine Tochter reagieren. Als er sie an ihrem dreißigsten Geburtstag – damals war sie bei der Akademie der Wissenschaften tätig – in einer provisorischen Bleibe in Berlin besuchte, war er vom Zustand der Wohnung wohl eher entsetzt: „Weit hast Du es noch nicht gebracht“, sagte er.

Merkels Vater dominierte die Familie, sein „unnahbares“ Wesen, seine Strenge, sein Absolutheitsanspruch haben die Tochter, die die Liebe das Vaters suchte, geprägt. Dass sie nach der Wende nicht etwa zu den Grünen, swohin sie viele Freunde eher verorteten, sondern zur CDU gegangen ist, war vielleicht so etwas wie eine politische Emanzipation von ihrem Elternhaus. Es fiel auch auf, dass Angela Merkel bei Erzählungen über ihre Jugend und ihre Eltern mehr von ihrer Mutter sprach.

 Der Vater, der sich nach der „Wende“ nirgendwo parteipolitisch engagierte – seine Frau hingegen bei der Templiner SPD –, hatte ein Nicht-Verhältnis zur Partei seiner Tochter. War sie zum Wahlkampf in Templin, gesellte sich ihre Mutter zu den Zuhörern, nicht der Vater.  Ähnlich beim 50. Geburtstag der Tochter. Er fehlte bei der von der CDU ausgerichteten Feier im Juli 2004 – anders seine Frau und die übrigen Kindern.

In der kirchenfeindlichen DDR versuchte Kasner einen Spagat: Er wollte als Mann der Kirche erscheinen, deren Dienst er alles unterordnete – auch seine Familie. Er wollte Mann der Kirche und loyaler Bürger der DDR sein. Auf Synoden vertrat er mit Vehemenz Positionen, die im machtpolitischen Interesse der SED lagen. Wie häufig wird ihm seine Tochter, wenn auch nur unterschwellig, vorgeworfen haben, dass sie kein Leben in der DDR hätte führen müssen, wenn er 1954 nicht freiwillig in die DDR zurückgekehrt wäre?

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Gerd Langguth ist Politikwissenschaftler in Bonn und Verfasser einer Biographie über Merkel.