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aus: wdr online, 3. April 2010

Der "Kanzler der Einheit" wird 80 Jahre alt (Teil 1 und Teil 2):

 

"Kohl ist der perfekte Machtmensch"

Mit seinem Namen sind die Deutsche Einheit und die CDU-Spendenaffäre verbunden: Helmut Kohl wird am Samstag (03.04.10) 80 Jahre alt. 16 Jahre lang war er an der Macht. Gerd Langguth, Politik-Professor und CDU-Insider, würdigt die Verdienste des Altkanzlers.

"Als ich Helmut Kohl kennengelernt habe, war er der junge, liberale CDU-Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz - mit dem besten und jüngsten Landeskabinett", erinnert sich Gerd Langguth. Er war in den 1970er Jahren Bundesvorsitzender des RCDS, anschließend für die CDU im Bundestag und zeitweilig Mitglied im CDU-Bundesvorstand. Weitere Stationen folgten: Staatssekretär im Land Berlin, Geschäftsführender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Zu Beginn war Langguth von Kohl beeindruckt und wurde von ihm gefördert: "Ich habe ihn häufig erlebt, auch in Vier-Augen-Gesprächen." Später kühlte das Verhältnis ab: "Er hat nach der Deutschen Einheit einen Führungsstil entwickelt, der mit meinen Vorstellung nicht vereinbar ist." Mittlerweile unterrichtet Langguth Politikwissenschaften an der Universität Bonn. Er hat unter anderem Biografien über Angela Merkel und Horst Köhler geschrieben. Zuletzt erschien sein Buch "Machtmenschen - Kohl, Schröder, Merkel".

WDR.de: Niemand wird zufällig Bundeskanzler. Was hat Helmut Kohl 1982 für diesen Posten qualifiziert?

Gerd Langguth: Qualifiziert hat ihn die Tatsache, dass er schon immer an sich geglaubt hat. Er hat schon früh das Selbstvertrauen, Kanzler werden zu können - auch als noch niemand ihn mit diesem Amt in Verbindung brachte. Sein Ziel hat er damals seinen engsten Mitarbeitern mitgeteilt. Kohl ist der perfekte Machtmensch. Seine ichbezogene Persönlichkeit ist - wie auch bei anderen Machtmenschen - auf den möglichst dauerhaften Erwerb von Macht fixiert. Schon als kleiner Junge hat er mit Klassenkameraden Kardinal gespielt: Er hat sich einen Kaffeewärmer als Mitra aufgesetzt und sich ein Betttuch als Schleppe tragen lassen. Kohl hatte eine natürliche Führerautorität, obwohl er ein äußerst schlechter Redner war.

WDR.de: Kohl war 16 Jahre lang an der Macht. Wodurch zeichnete sich das sogenannte System Kohl aus?

Langguth: Kohl hatte eine Fähigkeit, die viele zunächst nicht erkannt haben. Er hat allen, mit denen er positiv zusammengearbeitet hat, die Botschaft vermittelt: Wenn wir zusammen bleiben, werden wir gemeinsam stark sein und dieses Land regieren. Er hat bei anderen Erwartungen geweckt, dass sie von seinem Aufstieg profitieren. Er hatte eine starke Fähigkeit zum persönlichen Zugang zu anderen Mitstreitern. Das ist das Wichtigste seines Systems: Er war in der Lage, wichtige Leute um sich zu scharen - wie zum Beispiel Richard von Weizsäcker und Heiner Geißler, mit denen er sich später verfeindet hat.

Das System Kohl war auch dadurch gekennzeichnet, dass er häufig keine konkrete politische Position bezogen hat. Stattdessen hat er stark integrativ gewirkt, viel mit dem Telefon gearbeitet und schon frühzeitig das praktiziert, was man heute "Netzwerken" nennt. Er kannte die CDU in und auswendig. Für ihn war die Partei letztlich so etwas wie ein Familienersatz.

WDR.de: Wie hat Kohl seinen Einfluss stabilisiert?

Langguth: Kohl hat sich in seiner Amtszeit als Kanzler auf drei Säulen stützen können. Die erste Säule war die CDU, die er 25 Jahre geführt hat. Kohl wusste, dass er nur Kanzler bleibt, wenn er auch Parteivorsitzender bleibt. Das hat ihn von Gerhard Schröder unterschieden, der durch die vorzeitige Aufgabe des Parteivorsitzes ungewollt seinen eigenen Sturz eingeleitet hat.

Die zweite Säule von Kohls Macht war die Bundestagsfraktion, als er 1976 nach Bonn kam. Er hatte den sicheren Ministerpräsidenten-Sessel in Rheinland-Pfalz gegen den unbequemen Sitz des Oppositionsführers getauscht - zusammen mit der Unsicherheit seiner persönlichen Zukunft. Denn er wurde damals innerparteilich noch in Frage gestellt, insbesondere von CSU-Chef Franz Josef Strauß. In der Fraktion hat Kohl dann systematisch die Leitungsstellen mit loyalen Leuten, unter anderem mit Alfred Dregger, besetzt und so dafür gesorgt, dass die Fraktion nicht aus dem Ruder laufen konnte, als er Bundeskanzler war. Die dritte Säule war schließlich das Kanzleramt. Von hier aus spann Kohl die Fäden in die Partei und die Fraktion hinein. Das Kanzleramt, wo er ebenfalls einige Getreue um sich versammelt hat, war sein nationales Machtzentrum und zugleich Bühne der Weltpolitik.

WDR.de: In seinen frühen Kanzlerjahren hat Kohl immer wieder eine "geistig-moralische Wende" propagiert, dann wurde in den 1980er Jahren die Flick-Affäre bekannt und 1999 die CDU-Spendenaffäre. Welche Rolle spielt Geld in Kohls Moral?

Langguth: Das CDU-Parteispendensystem ist Kohl ja teilweise in den Schoß gefallen. Er hat es selber nicht gegründet, aber er wollte es auch nicht abschaffen und hat es weiter systematisch genutzt - allerdings nie für private Zwecke. Er hat sich nicht persönlich bereichert. Aber er konnte mit dem Geld Einfluss nehmen.

Kohl dachte immer in historischen Dimensionen und verglich sich gerne mit Reichskanzler Otto von Bismarck, der den sogenannten Reptilienfonds zur Verfügung hatte - Geld, das er für Freunde und gegen Feinde einsetzen konnte. Kohl hat sich auch gerne mit seinem Freund François Mitterrand, dem französischen Staatspräsidenten, verglichen. In Frankreich hat ein Staatspräsident relativ viel Geld zur Lösung bestimmter politischer Probleme zur Verfügung. Das hat wohl dazu beigetragen, dass Kohl sein eigenes Rechtsbewusstsein stark relativiert hat. Er wusste durchaus um die Gefahr, dass bestimmte Dinge an die Öffentlichkeit gelangen könnten. Und trotzdem hat er es gemacht. Das ist für mich unbegreiflich. Vor allem hätte er aus der Flick-Affäre lernen sollen. Er hat mit der Spendenaffäre zum Teil sein Lebenswerk selber in Frage gestellt.

Der "Kanzler der Einheit" wird 80 Jahre alt (Teil 2)

"Kohl hat sich an der CDU versündigt"

Helmut Kohl feiert am Samstag (03.04.10) seinen 80. Geburtstag. Die Bilanz seiner 16 Amtsjahre ist durchwachsen - sagt Politik-Professor und CDU-Kenner Gerd Langguth: Außenpolitisch habe sich der Altkanzler profiliert, an der eigenen Partei jedoch versündigt.

WDR.de: Stichworte "Kanzler der Einheit" und "Vordenker Europas": Welche außenpolitischen Erfolge kann sich Kohl anrechnen lassen?

Gerd Langguth: Kohl war zunächst ziemlich tapsig, als er ins Amt kam. Er hat zum Beispiel Gorbatschow in einem "Newsweek"-Interview mit Goebbels verglichen. Dann aber kam Kohl seine Fähigkeit zu Hilfe, starke persönliche Beziehungen entwickeln zu können. Er konnte immer wieder sogenannte Männerfreundschaften zu anderen Staatsmännern aufbauen. Kohl hat zum Beispiel Ronald Reagan empfangen, als dieser noch gar nicht US-Präsident war, und ihn mit seinem pfälzischen Charme erdrückt. Das hat gewirkt.

So war das auch mit Bush senior, Mitterrand, dem spanischen Sozialisten Felipe Gonzales - und schließlich mit Gorbatschow: Als es zur Deutschen Einheit kam, war das Vertrauen von Gorbatschow zu Kohl so ausgeprägt, dass Gorbatschow sich auf Kohl verlassen hat. Kohls außenpolitische Verdienste kamen deshalb zustande, weil er fähig war, persönliche Bindungen zu anderen Staatsführern herzustellen.

WDR.de: Welche Verdienste waren das?

Langguth: Dazu gehört Kohls Festhalten am Nato-Doppelbeschluss, der in der Bevölkerung höchst unpopulär war und über den Helmut Schmidt innerparteilich als Kanzler gestürzt ist. Daneben hat Kohl vor allem zwei Verdienste:

Das eine ist die Deutsche Einheit, die zwar auch Kohl so nicht vorhergesehen hat. Aber mit seinem Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas hat er dann doch den Mantel der Geschichte beherzt ergriffen und dafür gesorgt, dass in kurzer Zeit die Deutsche Einheit möglich wurde. Im Gegensatz zu anderen Politikern, aber auch vielen Intellektuellen in Deutschland, hielt Kohl die Deutsche Frage nie für beendet. Er war ein emotionaler Anhänger der Deutschen Einheit, aber auch er hat sie zu diesem Zeitpunkt nicht erwartet.

Während die Deutsche Einheit durch den Zusammenbruch der DDR und vor allem durch die Bürgerrechtler vermutlich ohnehin gekommen wäre - Kohl hatte darauf aber klug reagiert -, war er bei seiner zweiten außenpolitischen Leistung aktiver: dem Euro. Die europäische Einheitswährung war letztlich eine Folge der Deutschen Einheit, aber erst durch Kohl wurde der Euro möglich. Das war Kohls Zusage: Wenn Ihr, die anderen Europäer, uns im Rahmen der Deutschen Einheit unterstützt, sind wir bereit, unser kostbares Gut, nämlich die stabile Deutsche Mark, zu vergemeinschaften und die Europäische Integration voranzubringen. Wenn Kohl in dieser Zielsetzung geschwankt hätte, wäre es nie zum Euro gekommen. Kohl hat den Euro gewollt, obwohl er wusste, dass er damit seine eigene Wiederwahl 1998 gefährdet. Die große Mehrheit der Deutschen war damals gegen die Einführung des Euro.

WDR.de: Wo sehen Sie Kohls innenpolitische Verdienste?

Langguth: Die sehe ich weniger. Zwar muss man auf Kohls Pluspunkt-Konto verbuchen, dass er zu Beginn seiner Kanzlerschaft Gerhard Stoltenberg zum Bundesfinanzminister ernannt hat. Dadurch hat Kohl dafür gesorgt, dass damals der Staatshaushalt ziemlich konsolidiert wurde. Aber je länger Kohl im Amt war, desto weniger kümmerte er sich um die Innenpolitik. Er hat diese im Wesentlichen seinen Kanzleramtsministern überlassen, insbesondere seinem damaligen Männerfreund Wolfgang Schäuble. Ich sehe nicht, dass Kohl in der Innenpolitik viel bewegt hat.

WDR.de: Ein Jahr bevor Kohl 1998 abgewählt wurde, hat sein langjähriger Parteifreund und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker die Regierungspolitik als Politik der reinen Machterhaltung kritisiert. Hat Kohl den rechtzeitigen Rückzug verpasst?

Langguth: Weizsäcker hat sogar schon 1992 die "Machtversessenheit" und "Machtvergessenheit" der Parteien kritisiert - und vor allem Kohl gemeint. Kohl hat den rechtzeitigen Absprung von der Kanzlerschaft nicht geschafft. Er hat immer suggeriert, dass Schäuble sein Nachfolger wird. Dieser hatte dann das Prinz-Charles-Syndrom des ewigen Kandidaten, aber Kanzler wurde er nie. Kohl hat sich an der CDU versündigt, indem er keinen Generationswechsel zuließ. Er, der so sehr in geschichtlichen Dimensionen dachte und denkt, wollte nicht durch seine eigene Entscheidung und nicht durch die Entscheidung seiner eigenen Partei abgelöst werden. Er wartete lieber auf die bittere, aber zu akzeptierende Abwahl durch das deutsche Volk. Allzu gerne wäre er noch Kanzler der Jahrtausendwende geworden.

WDR.de: Sind sogenannte Machtmenschen wie Kohl gut für die Demokratie?

Langguth: Ohne Machtmenschen gibt es keine Politik. Auch Schröder und Merkel sind Machtmenschen. Das Gegenteil von Macht ist Ohnmacht. Insofern brauchen wir Machtmenschen.

Allerdings: Je näher ich Kohls Machtausübung selber studieren konnte, umso mehr kam ich zu der Überzeugung, dass es bei einem Bundeskanzler eine Amtszeitbegrenzung von maximal zehn Jahren geben sollte. Ein Kanzler, der unbegrenzt im Amt ist, führt zwangsläufig zu Erstarrungen in der eigenen Partei und innerhalb der Bundesregierung, weil er großen Einfluss auf Personalentscheidungen hat. Bei einer Amtszeitbegrenzung würden sich die Parteieliten besser mischen. Wenn man weiß, dass es nach einem gewissen Zeitraum eine neue personelle Konstellation gibt, regt das zugleich die inhaltliche Auseinandersetzung an. Das ist eine meiner Einsichten bei der Betrachtung der Kohl-Jahre.

Das Interview führte Dominik Reinle.