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In WDR 5, Interview, 2. Februar 2011

 

Abschied von der Macht

Ein Gespräch über Politiker, die nicht loslassen können

Wenn sich Politiker aus ihrem Amt verabschieden, halten Wegbegleiter gewöhnlich Lobreden und Dankesworte. Selbst wenn die Gräben während der gemeinsamen Arbeit tief waren, sprechen die Abschiedsredner gerne vom Verdienst für das Vaterland. Politiker nutzen die letzte Worte aber auch, um noch einmal das loszuwerden, was sie zuvor nicht sagen konnten.

Was der Abschied aus der Politik für die an die Macht gewöhnten Menschen bedeutet, erklärt Professor Gerd Langguth von der Universität Bonn. Der Politikwissenschaftler hat Biografien über Helmut Kohl, Angela Merkel und Horst Köhler verfasst.

WDR 5: Viele Politiker scheinen an ihren Ämtern zu kleben. Warum fällt es vielen Politikern so schwer, sich aus der Politik zu verabschieden?

Professor Gerd Langguth: Jedem Spitzenpolitiker fällt der Abschied ausgesprochen schwer. Wenn man erst einmal Bundestagsabgeordneter ist oder sogar Minister, dann ist man aus dem normalen Leben raus. Das Familienleben und die sonstigen Kontakte treten in den Hintergrund. Dafür werden die Politiker aber in ihrer Arbeit hofiert und haben großen Einfluss. Macht hat etwas erotisch-faszinierendes. Das Abschreiten roter Teppiche, Staatsessen, Reisen in alle Welt machen den Job attraktiv. Zwar sehnen sich die Politiker oft nach Entlastung, wenn es dann aber soweit ist, ist die Situation schwierig, denn sie haben oft nicht viele berufliche Alternativen.

WDR 5: Für wen war das Ende seiner politischen Karriere besonders schlimm?

Langguth: Für Helmut Kohl, denn ansonsten hätte er das Ruder vorzeitig an Wolfgang Schäuble abgegeben. Für ihn war es eine Schicksalsfrage, weil er lieber abgewählt werden wollte anstatt das Amt an jemanden zu übergeben, von dem er vermutete, dass er es sowieso nicht so gut machen könnte wie er. Da war Kohl in seinem Selbstbewusstsein nicht zu übertreffen.

WDR 5: Gerhard Schröder schien der Abschied aus der Politik dagegen leichter zu fallen. Stimmt der Eindruck?

Langguth: Gerhard Schröder hat sich schon frühzeitig Gedanken gemacht, dass er noch einmal ein neues berufliches Leben nach der Politik beginnen möchte. Er hat schon früh gesagt, dass er das Amt nur acht, höchstens zehn Jahre ausüben möchte. Dann hat Schröder das Amt gegen viel Geld eingetauscht. Natürlich spielt auch der Altersunterschied eine Rolle. Je älter Politiker werden, desto länger hängen sie am Amt. Wer mit 68 Jahren aus der Politik ausscheidet, kann sich keine zweite Karriere mehr aufbauen. Das ist bei Roland Koch und Ole von Beust anders. Sie sind jung in die Politik gekommen und suchen nun neue Herausforderungen. Da fällt der Abschied leichter.

WDR 5: Wie ist der Abschied von Horst Köhler zu sehen?

Langguth: Bei Köhler war der Rücktritt eine persönliche Unpässlichkeit, weil er mit der Welt der Politik nie zurecht gekommen ist. Er konnte im Grunde mit der Politik nichts anfangen. Er war früher nie Politiker gewesen, sondern wurde zum Politiker gemacht. Köhler war fehl am Platze, was er irgendwann selbst gespürt hat. Dennoch fiel ihm der Abschied schwer.

WDR 5: Ist es besser, wenn man wie in den USA die Amtszeit begrenzt?

Langguth: Das finde ich schon, wie sich am Beispiel Helmut Kohls zeigt. Weil man dann vorher weiß, dass es ein Amt auf Zeit ist. Außerdem mischt sich dann die Elite in der jeweiligen Partei rechtzeitig neu. Der Amtsinhaber kämpft nach einer ersten gewonnenen Wahl nicht erneut um das Amt, es kommt so automatisch innerparteilich zu einer personellen Auffrischung.

 

Das Gespräch führte Anke Fricke.