|
|
aus: wdr.de, 25. Juni 2010Interview mit dem Politologen Gerd Langguth"Keiner geht freiwillig"Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hat den Rückzug von all seinen politischen Ämtern angekündigt. WDR.de sprach mit dem Bonner Politologen Gerd Langguth über die Hintergründe und darüber, was auf den bald 59-Jährigen nun zukommt. WDR.de: Hat Jürgen Rüttgers freiwillig entschieden, künftig keine politischen Ämter mehr bekleiden zu wollen? Gerd Langguth: Kaum jemand gibt nach mehreren Jahrzehnten Politikerleben seine Funktionen freiwillig auf. Rüttgers hat einsehen müssen, dass es innerhalb der NRW-CDU den Wunsch nach personeller Veränderung gibt. Dem musste er sich beugen, sonst wäre er in einem längeren Entscheidungsprozess gezwungen worden. Ihm wurde klargemacht, dass es auch für sein eigenes Image besser ist, seine geplante politische Abstinenz selbst schnell zu verkünden. Rüttgers hat einfach ganz nüchtern seine Chancen ausgerechnet. WDR.de: Wie muss man sich vorstellen, dass ein solch ranghoher Politiker parteiintern gezwungen wird? Langguth: Das passiert bei der CDU nicht in einer Art Palastrevolte auf einem Parteitag. Bei ihr wird abgewogen, welche Chancen mit welchem Kandidaten in der Bevölkerung bestehen. Bei der SPD beispielsweise ist es anders, da finden die Entscheidungen stärker über ideologische Auseinandersetzungen statt. Im Fall von Rüttgers fanden in den letzten Tagen und Wochen pausenlos Gremiensitzungen statt, Ortsvorsitzende haben den Landtagsabgeordneten Anregungen mit auf den Weg gegeben. Sicher haben manche von ihnen auch Briefe an Rüttgers geschrieben. Und als Politiker hat man auch Informanten, die einen über die Stimmung in der Partei auf dem Laufenden halten. Nach meinen Erkenntnissen musste Rüttgers schließlich feststellen, dass niemand mehr daran glaubte, dass er bei Neuwahlen Chancen gegen Hannelore Kraft gehabt hätte. Und dann muss sich auch ein so erfolgreicher Politiker wie Rüttgers diesem Willen beugen. Rüttgers wäre auch sonst irgendwann mit der Frage konfrontiert worden, inwiefern er persönliche Verantwortung für das Wahlergebnis hat. Da möchte er natürlich auch lieber ein geordnetes Ende. WDR.de: Wie geht es jemandem, der seit 1999 an der Spitze der NRW-CDU stand und nun sehen muss, dass andere aufsteigen? Langguth: Politik ist wie eine Droge. Je höher die Dosis ist, umso schwerer ist es, davon Abstand zu nehmen. Das wird auch Rüttgers so gehen. Er wird als Landtagsabgeordneter künftig quasi täglich sein Ende als Ministerpräsident wieder vor Augen haben, wenn er im Plenarsaal ist. Besonders schwer wird es ihm das alles auch deshalb fallen, weil er vor Monaten sogar noch als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten galt. Er wird mit dem Schmerz des Machtverlustes leben müssen. Möglicherweise hat Rüttgers aber auch so gehandelt, weil er aus dem Niedergang von Helmut Kohl für sich die Schlussfolgerung gezogen hat, dass der Schmerz noch größer ist, wenn man sich zu sehr an seine politischen Ämter bindet. WDR.de: Jürgen Rüttgers soll die NRW-CDU auf ihre Rolle in der Opposition vorbereiten. Warum geht er nicht sofort? Langguth: Es würde einen schlechten Eindruck machen, wenn er einfach hinschmeißen würde. Geordnete Übergänge sind in der CDU erwünscht. Daran hält er sich. Er weiß auch, dass er jetzt einen Schnitt machen muss, weil es sonst einen weiteren Absturz in Raten bedeutete. Rüttgers ist noch zu jung, um mit 59 Jahren von der Politik in den Ruhestand zu gehen. Ich bin sicher, dass er auch nicht Nein sagen wird, wenn sich für ihn neue Möglichkeiten -- auch außerhalb der Politik -- ergeben werden. Er verfügt ja über eine ungeheure Erfahrungsbreite, auch als Deuter der gesellschaftlichen Ereignisse in Deutschland, wie man an seinen Veröffentlichungen feststellen kann. Auf Bundesebene, zumindest unter Angela Merkel, sehe ich für ihn aber keine Möglichkeiten. In NRW wird Rüttgers künftig nur noch eine moderierende Rolle haben, weil andere nun nach vorne drängen. WDR.de: Warum hat Jürgen Rüttgers keinen Nachfolger aufgebaut? Langguth: Das macht niemand in der Politik. Er hatte sich zudem auch gute Chancen auf seine Wiederwahl als Ministerpräsident ausgerechnet. Geordnete Übergänge gibt es in der Politik selten. Das ist bedauerlich. Man muss Rüttgers aber zugute halten, dass er mit seiner Wiederwahl gerechnet hat. Die Frage ist dennoch berechtigt. WDR.de: Wie muss man eigentlich generell beschaffen sein, um in einer Partei nach oben zu kommen und dort auch zu bleiben? Langguth: Politiker sind Machtmenschen. Machtmenschen können natürlich auch Pfarrer, Intendanten oder Lehrer sein. Aber in der Politik sind Auf- und Abstieg öffentlich. Das ist eine andere Dimension. Das Wichtigste: Als Machtmensch muss man von sich selbst überzeugt sein, um die Durststrecken auf dem Weg zur Macht überwinden zu können. Zweitens muss man innerparteilich ein Netzwerk aufbauen und Unterstützer sammeln. Und drittens muss man den richtigen Augenblick erkennen, wann man sich meldet, um aufzusteigen. Das hat Rüttgers beherrscht. Er war in der Partei nicht sehr beliebt, aber wegen seines Fleißes und seiner intellektuellen Stärken respektiert - obwohl er nicht das Kumpelhafte hatte, wie andere Politiker. Die genannten Aufstiegsmechanismen sind in allen Parteien gleich, ob bei der CDU oder den Grünen. Das Interview führte Lars Hering. | |||||||||||||||||||||||||||||