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Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), Essen, 24. Juni 2007

Mächtige Musterschülerin

Angela Merkel will besser sein als alle anderen. Sie taktiert zwar auch, man traut ihr aber eher zu, eine Drohung später wahr zu machen. Ein Gespräch mit Merkel-Biograf Gerd Langguth

DER EU-GIPFEL IN BRÜSSELBerlin. Der Merkel-Biograf und Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth sieht die Kanzlerin auf dem Höhepunkt ihrer Macht angelangt. Ulf Meinke sprach mit ihm.

Kanzlerin Merkel hat auf dem EU-Gipfel ihren Ruf als geschickte Verhandlerin bestärkt. Gibt es eine Methode Merkel?

Langguth: Ja, die gibt es. Die Kanzlerin verhandelt als Frau anders als ihre männlichen Kollegen. Sie nimmt sich als Person sehr stark zurück und setzt stattdessen auf die Kraft des Arguments. Hinzu kommt ihre direkte Art. Merkel geht mit offenem Visier auf ihre Kollegen zu.

Was unterscheidet Merkel von ihrem Vorgänger Schröder?

Langguth: Sie argumentiert nicht kumpelhaft-taktisch, sondern sehr stark von der Sache her, beinahe mit einem wissenschaftlichen Ansatz. Sie liebt die Details. Schon als Kind war sie eine Musterschülerin, auch heute will sie besser sein als alle anderen. Merkel kennt oft viel genauer als andere Staats- und Regierungschefs die Vertragsentwürfe. Dieser Hang zum Perfektionismus gibt ihr eine große Autorität. Merkel taktiert zwar auch, man traut ihr aber eher zu, eine Drohung später wahr zu machen.

Hat die Kanzlerin als Politikerin den Gipfel ihrer Geltung erreicht?

Langguth: Merkel ist auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Macht angelangt - und das schon sehr früh, nämlich im zweiten Jahr ihrer Kanzlerschaft. Merkel ist als EU-Rats-präsidentin und Koordinatorin der G8 derzeit die mächtigste Frau der Welt. Auf diesem Gipfel wird sich die Kanzlerin allerdings nicht sehr lange halten können, weil sie sich jetzt stärker wieder mit den Niederungen der Innenpolitik beschäftigen muss.

Könnten die hohen Erwartungen zu ihrem größten Problem werden?

Langguth: Es besteht in der Tat die Gefahr, dass die Messlatte so hoch angesetzt wird, dass Merkel nur enttäuschen kann. Die Aufforderung der SPD, die Kanzlerin solle stärker führen, ist natürlich ein vergifteter Pfeil. Denn bei jeder Initiative ist die Gefahr groß, dass Merkel ausgebremst und in ihrer Autorität geschwächt würde. Deshalb wird sie erst einmal abwarten, was ihre Minister und der Koalitionspartner vorschlagen.

Hat die Kanzlerin ein besonderes Moderationstalent?

Langguth: Ja. Ich glaube, die Stimmung im Kabinett ist besser, als es den Anschein hat. Es wird am Kabinettstisch viel intensiver diskutiert als zu Zeiten der Kanzler Kohl und Schröder.

Werden wir eine andere Kanzlerin erleben, wenn die EU-Ratspräsidentschaft beendet ist?

Langguth: Merkel wird angesichts der zentralen geografischen und politischen Stellung Deutschlands immer die Außenpolitik nutzen können, um sich selber in Szene zu setzen. Aber die Kanzlerin muss sich jetzt dem Vorwurf entziehen, sie kümmere sich zu wenig um die Innenpolitik.

Ist durch Merkels außenpolitische Erfolge ein Ungleichgewicht im Kräfteverhältnis Union und SPD entstanden?

Langguth: Die Umfragen stärken die Position der Kanzlerin - und schwächen die Stabilität der Koalition. SPD-Chef Kurt Beck wirkt angesichts der außenpolitischen Triumphe Angela Merkels wie ein Provinzfürst. Aber ich müsste mich schwer täuschen, wenn das Regierungsbündnis vor Ende der Legislaturperiode 2009 zerbrechen würde. Denn der erste Partner, der die Koalition verließe, würde bei einer Wahl als Störenfried abgestraft.