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Aus: Vanity Fair, 36/ 28. August 2009
Kanzler in eigener Mission
Er reist zu den Olympischen Spielen und konterkariert die deutsche Außenpolitik, die russische Invasion in Georgien verteidigt er gegen alle Kritik: Gerhard Schröder macht Lobbyarbeit auf eigene Rechnung. Darf sich ein ehemaliger Regierungschef so benehmen?
Von Gerd Langguth Von seinem Berliner Büro, Unter den Linden 50, hat Gerhard Schröder einen direkten Blick auf die russische Botschaft. Eine symbolträchtige Perspektive. Schröder ist ein Freund der Russen – und ein Freund Wladimir Putins, den er einst als „lupenreinen Demokraten“ adelte. Der russische Premier und Expräsident revanchierte sich, als Schröder im April 2004 in Hannover seinen 60. Geburtstag nachfeierte: „Wladimir“, der mit seiner Frau Liudmila angereist war, lobte „Gerd“ als „glänzenden Profi, feinen Politiker“ und brachte ein Balalaika-Orchester sowie einen Kosakenchor mit, die mit dem auf Deutsch vorgetragenen Niedersachsenlied „Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen“ die etwa 400 Gäste rührten. Auf Schröder können sich Putin und sein Präsidenten-Nachfolger Dmitrij Medejew auch heute noch verlassen: In einem Interview mit dem „Spiegel“ warf Deutschlands Exkanzler dem Westen in dessen Rußlandpolitik gerade „schwere Fehler“ vor. Den georgischen Präsidenten Saakaschwili, in dessen Land Russland jüngst einmarschierte, bezeichnete er als einen „offenkundigen Hasardeur“. Ob es eine „Mitschuld Moskaus oder eine „Unverhältnismäßigkeit im Vorgehen des russischen Militärs“ in Georgien gibt, will Schröder hingegen nicht beurteilen können. Kritikwürdiges an Russland oder dessen Führern weiß er nicht vorzutragen. Nun wäre es ein leichtes, Schröder die platte Vermengung privater Geschäftsinteressen mit seiner Altkanzler-Rolle vorzuwerfen - schließlich ist er Aufsichtsratschef des Pipelinebauers „Nord Stream“, offiziell ein ganz normales Unternehmen, in Wahrheit jedoch in höchstem Maß vom Wohl und Wehe des Kremls abhängig. Aber ist die Sache so einfach? Ist Gerhard Schröder tatsächlich gleichsam mit Amtsende korrumpierbar geworden? Und regt sich die Republik überhaupt zu Recht auf? Oder ist es nicht das gute Recht eines Exkanzlers, sich nach Ende eines Arbeitsverhältnisses einen neuen Broterwerb zu suchen? Geht uns der Russen-Schröder überhaupt etwas an? Um die Antwort auf die letzte Frage schon einmal vorwegzunehmen: ja, durchaus. Egal, was man von ihm hält: Gerhard Schröders Leben nach der Kanzlerschaft sieht zumindest wirtschaftlich betrachtet beeindruckend aus. Er hat sich ein ganzes Portfolio von Aufgaben an Land gezogen: Schon wenige Wochen nach der Stabübergabe an Angela Merkel wurde bekannt, dass Schröder Vorsitzender des Aktionärsausschusses der heutigen Nord Stream AG werden sollte, die eine Pipeline durch die Ostsee von Russland nach Norddeutschland baut. Neben der russischen Gasprom, die 51 Prozent hält, und den beiden deutschen Firmen EON und BASF-Wintershall ist auch die niederländische Gasunie daran beteiligt. Ein jährliches Einkommen von 250000 Euro ist dem Gasmann Schröder damit sicher. Außerdem sitzt Schröder im Beirat des französischen Bankhauses Rothschild. Auch das dürfte, wie Helmut Kohl sagen würde, ordentlich „Bimbes“ geben. Ebenfalls sehr bald nach seiner Kanzlerschaft hat Schröder einen Beratervertrag mit dem Schweizer Verleger Michael Ringier abgeschlossen. Dessen Konzern hat insbesondere in Osteuropa und Asien große ökonomische Interessen. Schröder spielt dort für seinen schweizerischen Freund eine Art Türöffner, so etwa auf einer zehntägigen gemeinsamen Reise nach Vietnam und China. Was er dafür bekommt, ist nicht bekannt. Schließlich kann man Gerhard Schröder als Vortragsredner buchen. Von der New Yorker Agentur „Harry Walker Agency“ wird er in einem Lebenslauf als ein „vigorous modernizer“ und „self-made man“ beschrieben und steht auf einer illustren Liste mit den beiden ehemaligen UN-Generalsekretären Kofi Anan und Boutros Boutros Ghali, den früheren amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton, Ex-Vizepräsident Al Gore, dem früheren Außenminister Henry Kissinger – und mit Helmut Schmidt. In einer Anpreisung dieser Agentur zu einem Auftritt in der Wiener Hofburg, an der 900 Gäste teilgenommen haben sollen, heißt es: „Chancellor Schröder‘s lecture was really excellent.“ Ein anwesender Investor namens Fred Bleakley verkündet stolz: „He was with us for about two hours. Nice guy to boot” – was etwa soviel heißt wie: Nicht nur, dass er etwa zwei Stunden mit uns zusammen war, er ist obendrein sogar noch ein netter Kerl. Schröder hat sich schnell in seinem neuen Leben eingerichtet - und das ist auch nicht überraschend. Wenn man gestrickt ist wie er, dürfte die Vorstellung, die Zeit nur noch mit Ehefrau Doris und den Kindern im „Zooviertel“ von Hannover zu verbringen, schlicht ein Gräuel sein. Schröder kann nicht einfach zu Hause sitzen. Vor allem unter rein ökonomischen Gesichtspunkten ist das gut verständlich: Schröder kann Geld gebrauchen, er ist zum vierten Mal verheiratet war. So kann man auch die Veröffentlichung seiner Memoiren verstehen, die nur etwa zwölf Monate nach Ende seiner Kanzlerschaft auf den Markt kamen. Beim Lesen hat man indes nicht den Eindruck, dass viel aus eigener Feder stammt oder von besonderer Hingabe getragen ist. Mehr als 216000 Exemplare von „Entscheidungen - Mein Leben in der Politik“ wurden verkauft, ein schöner, gerade auch finanzieller Erfolg. Aber dieser schnelle Rückblick auf das Leben in der Politik zeugt auch von etwas anderem: Schröders Vorliebe für den Schnitt. Mit seinen Memoiren wollte er rasch seine Sicht auf sich selbst unter die Leute bringen, um dann weiterzuziehen. So wie er die Lebensabschnitte mit seinen drei Exfrauen radikal beendete, die zweite und dritte Ehe jeweils nach mehr als zwölf Jahren, so machte er Schluss mit der Politik. Er saß nicht, wie sein Vorgänger Kohl, noch vier Jahre auf der Hinterbank des Parlaments. Schon zu Beginn der Kanzlerschaft hatte er erklärt, er wolle dieses Amt nicht 16 Jahre lang wie ausfüllen. Was er nun tut, steht in dieser Kontinuität: Schröder nutzt sein Netzwerk nicht mehr für die Politik, sondern für seinen neuen Beruf. Darin unterscheidet er sich von allen seinen Vorgängern, insbesondere von Willy Brandt. Auch so muss man Schröders Eintreten für die Interessen seines neuen (indirekten) Arbeitgebers verstehen: Er fühlt sich frei von dem, was war. Seines ist ein neues Leben, mit neuen Loyalitäten. Ein weiterer wichtiger Faktor, um den neuen Schröder zu verstehen, ist sein Verhältnis zur Macht. Wer den Kanzler während seiner Amtszeit mit Managern und anderen Entscheidern sah, meinte eine fast merkwürdige Bewunderung der Bosse wahrzunehmen - nicht nur wegen ihres Reichtums, sondern auch, weil sie eben entscheiden konnten. In einer Konsensdemokratie wie der Bundesrepublik dauerte zu Schröders Leidwesen alles zu lange. Er wollte sein wie die Manager: „Basta!“. Das kann er jetzt zu einem gewissen Grad tun, und das muss ihm gefallen. Trotzdem kann er auf die Nähe zur politischen Elite nicht verzichten, und sei es die eines autoritären Staates. 2007 traf er in Syrien nicht nur den umstrittenen Präsidenten Bashar el-Assad, sondern bekam auch die Ehrendoktorwürde der Universität Damaskus „in Anerkennung seiner positiven Haltung gegenüber der arabischen Welt“. Er reiste zu den Olympischen Spielen nach Peking und konterkarierte so die wegen der Tibet-Frage geringe deutsche Politiker-Präsenz. Zum Dank empfing ihn Ministerpräsident Wen Jiabao sprach. „Die Spitze der deutschen Politik hat nicht begriffen, dass man präsent sein muss“, kritisierte er seine Nachfolger. 2007 bekrittelte er auch die Kanzlerin: Sie habe mit dem Empfang des Dalai Lama in Berlin „die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt“. Er schaffte es auf Seite eins der „China Daily“. Genau hier verläuft aber die Linie zwischen dem, was ein Altkanzler darf und was nicht. Politiker, die aus höchsten Ämtern ausscheiden, tun sich im bürgerlichen Leben oft schwer. Ob Bismarck oder Adenauer – alle klagten über ihr Los der Einflusslosigkeit. Der britische Expremier Winston Churchill soll über seine Befindlichkeit nach dem Ausscheiden gesagt haben: „No information, no transportation“. Einen ehemaligen deutschen Kanzler hingegen trifft der Abschied nicht sehr hart: Schröder hat weiter ein Büro, das Flugtickets bestellt und Termine macht. Und im Gegensatz zu Churchill verfügt er weiterhin über einen Fahrer – auf Kosten des Steuerzahlers. Dahinter steht die bislang berechtigte Annahme, dass er eine längerfristige Verantwortung für die demokratische Kultur unseres Landes wahrnimmt. Schröder stellt diese Annahme in Frage. Helmut Schmidt wurde nach seiner Kanzlerschaft noch Publizist bei der „Zeit“, aber er sagt nichts zur Tagespolitik. Kohl gründete eine einträgliche Beratungsfirma, auch er hält sich aus der Außenpolitik heraus. Nur Schröder nimmt die Annehmlichkeiten in Anspruch, benimmt sich aber weitgehend wie ein Privatmann. Damit wirft er die Frage auf: Ist alles erlaubt, was nicht verboten ist? Natürlich müssen ehemalige Politiker die Möglichkeit haben, ein neues Leben anzufangen. Aber Schröder überschreitet die Grenzen. Als Staatsmann müsste er alles unterlassen, was seiner Nachfolgerin international Schwierigkeiten machen könnte. Im Georgien-Konflikt ergriff er aber in einer Weise Partei, die als Freundschaftsdienst an seine russischen Arbeitgeber aufgefasst werden kann. Er hat die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Schröder wird immer noch als Sozialdemokrat und im Ausland als deutscher Spitzenpolitiker wahrgenommen. Auch das müsste ihm Zurückhaltung auferlegen. Vor 22 Jahren, noch als Landespolitiker, brachte Schröder seinen Ehrgeiz auf den Punkt: „Ich will natürlich all das, was ich tue, auch für mich. Keiner tut was, ohne selbst was davon zu haben.“ Ein Ex-Kanzler als Lobbyist? Ist es das, wofür die Bundesrepublik ihm ein Büro bezahlt?
Der Autor lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Bonn und ist Biograf Angela Merkels und Horst Köhlers. Im Frühjahr 2009 erscheint bei dtv sein neues Buch über das Innenleben der Macht bei den Kanzlern Kohl, Schröder und Merkel. | |||||||||||||||||||||||||||||