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aus: tz, Interview, 2. August 2011          

 

Teufel spricht vielen in der CDU aus der Seele

Wie sehr trifft die Kritik von Erwin Teufel die Kanzlerin?

Prof. Gerd Langguth, Politologe an der Uni Bonn und Merkel-Biograf: Erwin Teufels Kritik hat Gewicht, weil er damit einer Breite der CDU-Mitglieder aus der Seele spricht. Teufel vertritt ja eine bestimmte Denkschule innerhalb der CDU, die konservativ im Sinne des Christlich-Moralisch-Ethischen ist. Die Tatsache, dass die FAZ das Ganze so gewichtig aufmacht, zeigt aber auch, dass hier über die Presse Politik gemacht wird. Teufel hatte den Text ja zunächst als Rede vor der Senioren-Union in Berlin gehalten – und hatte damit keinerlei Aufmerksamkeit auslösen können. 

Ist Teufels Kritik inhaltlich berechtigt?

Langguth: Ja, in vielen Punkten hat er einfach recht. Die geistig-moralische Auseinandersetzung fehlt in der CDU. Wo steht die Kanzlerin? Wo sind die christlich-demokratischen Grundüberzeugungen? Das treibt die Mitglieder um, und dafür ist Teufel ein Sprachrohr. 

Teufel kritisiert, dass es in der CDU keine Leute mehr „mit Bodenhaftung“ gebe. In der CSU sagt man dazu: Die „Leberkäs-Etage“ wird vernachlässigt …

Langguth: Womit Teufel recht hat, ist, dass es in der CDU kaum noch Leute gibt, die Merkel das Wasser reichen können. Der klassische CDU-Abgeordnete ist heute der smarte junge Politiker mit Rechtsanwalts-Hintergrund. Die guten alten Originale gibt es nicht mehr.

Kann die CDU mit einer profiliertkonservativen Politik verlorene Wählerstimmen zurückgewinnen?

Langguth: Teufel hat ja darauf hingewiesen, dass in der Union kaum noch jemand die wirtschaftspolitische Kompetenz vertritt. Das war der Grund, weshalb bei der letzten Wahl viele einstige CDU-Wähler zur FDP abgewandert sind. Natürlich hofft Teufel, dass diese Leute zurückgewonnen werden können. Aber weit und breit ist kein Wirtschaftspolitiker in der CDU zu sehen, der die Strahlkraft eines Friedrich Merz hat. Dabei war die Wirtschaftskompetenz immer die besondere Stärke der Union. Leute wie Gerhard Stoltenberg hatten dem Wähler einst signalisiert: Wenn wir an der Regierung bleiben, sorgen wir für Arbeitsplätze und dadurch für soziale  Sicherheit. Damit konnte die CDU auch viele Arbeitnehmerstimmen gewinnen.

Gerhard Schröder hat mit seiner Politik die SPD im Kern verändert, wenn nicht zerstört. Schafft Merkel mit der CDU nun dasselbe?

Langguth: Es gibt zumindest insofern Parallelen, als beide Veränderungen angestoßen haben, mit denen sie die Kernkompetenz ihrer jeweiligen Parteien verletzt haben. Bei aller Kritik an Merkels Führungsfähigkeit: Sie hat wie Schröder dramatische Veränderungen in der Parteilinie durchgesetzt! Die Atomwende, die Bundeswehrreform, aber auch gesellschaftliche Veränderungen: Kitas für unter Dreijährige bis hin zur Schwulenehe … 

Stefan Mappus vertritt die konservativere CDU, wie Teufel sie fordert – und trotzdem hat er die Wahl in Baden-Württemberg verloren. Ist das nicht der Haken an Teufels Kritik?

Langguth: Inhaltlich mögen Teufel und Mappus an einem Strang ziehen – aber ihre Methoden sind völlig unterschiedlich. Mappus ist ein Machtpolitiker, der polarisiert. Teufel ist ein katholischer Überzeugungstäter, der von starken eigenen  Moralvorstellungen bestimmt ist. Er war der Landesvater, der segnend übers Land fährt – und diese Rolle konnte der Grüne Winfried Kretschmann viel überzeugender einnehmen als Mappus.

INTERVIEW: KLAUS RIMPEL