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Thüringer Allgemeine, 21. Juli 2010 Aufstieg blockiert Der Politologe Gerd Langguth über das CDU-Spitzenpersonal und die Merkel-Bremse
Ole von Beust ist der sechste CDU-Regierungschef, der in jüngster Zeit seinen Rücktritt erklärte. Gerd Langguth, Politikwissenschaftler und Merkel-Biograf, spicht über Unions-Politiker, die aufgeben, weil sie an Angela Merkel offenbar nicht vorbeikommen. Es ist ein seltsames Phänomen, dass Politiker jetzt häufig vor Ablauf ihrer Amtszeit aufgeben. Woran liegt das? Die Fälle sind sehr unterschiedlich. Der Rückzug von Dieter Althaus etwa hatte mit seinem Skiunfall zu tun, der Abgang von Günther Oettinger in Baden-Württemberg mit seiner Beförderung nach Brüssel, Jürgen Rüttgers wurde in Nordrhein-Westfalen abgewählt. Das sieht natürlich jetzt so aus, als würde eine wichtige zweite Garde der CDU langsam resignieren. Und? Tut sie es? Das kommt auf die Sichtweise an. Ole von Beust und Roland Koch zum Beispiel dürften ein Rüttgers-Syndrom haben: Wenn man abgewählt wird, muss man sein politisches Dasein unter wenig erfreulichen Umständen abschließen. Jemand, der Wahlen verliert, gilt weniger und ist für künftige Funktionen auch weniger einsetzbar. Also lieber gehen, bevor man politischen Schaden nimmt? So ungefähr. Ist ein Rücktritt in Krisenzeiten denn ein politisches Allheilmittel? Das sollte und darf es nicht sein. Aber man muss auch ein Stück weit respektieren, dass Politiker private Entscheidungen treffen ... ... und vor der Verantwortung fliehen? Das denke ich nicht. Vor allem nicht bei so jemandem wie Roland Koch. Wer ihn kennt, der weiß, wie sehr er auch künftig darauf brennt, Verantwortung zu übernehmen. Einmal Politiker - immer Politiker. Wer so lange und so viel Verantwortung getragen hat, den lässt die Politik nicht mehr so schnell los. Diejenigen, die ihre Ämter nun abgeben, werden sich noch wundern, wie schwierig es ist, sich umzustellen und normale Bürger unseres Landes zu werden. An einer möglichen Politikverdrossenheit der Politiker selbst könnte es nicht liegen? Das glaube ich nicht. Aber Menschen wie Koch oder auch Christian Wulff wussten natürlich auch, dass Frau Merkel die Positionen besetzt, die für sie selbst noch erstrebenswert gewesen wären. Das heißt, wenn das Ende der Karriereleiter erreicht ist, geht man lieber? Das ist mit ein wichtiger Grund. Die CDU-Ministerpräsidenten, die jüngst ihre Ämter abgegeben haben, sind alle jenseits der 50, einige sogar älter. Lässt die Begeisterung für Politik im Alter nach? Sicher. Das ist im Endeffekt so etwas wie eine politische Midlife-Crisis. Viele Politiker beginnen ihre Karriere als Jugendliche, sind dann Jahrzehnte dabei. Irgendwann ist es dann genug. Früher sind viele Politiker erst als 40- oder 50-jährige in die Politik gegangen. Nimmt die Politik so viel vom Privaten, dass man sich dorthin zurücksehnt? Das Private spielt eine Rolle, keine Frage. Wer jahrzehntelang in der Politik ist, 80 Stunden pro Woche gearbeitet hat, fast jedes Wochenende unterwegs ist, der stellt sich mit Mitte 50 natürlich die Frage, ob es nicht eine Perspektive jenseits der Politik gibt. Man muss sich entscheiden? Es gibt viele Beispiele von Politiker-Ehen, die gescheitert sind. Man muss permanent Kompromisse machen, die Ehepartner müssen viel ertragen. Manchmal wünschte ich den Politikern den Zugang zu einem guten Buch, anstatt jedes Wochenende im Wahlkreis auf jeder Hochzeit zu tanzen. Wird der Job härter? Ja, denn er hat sich verändert. Politik kann heute nicht mehr das leisten, was sie früher geleistet hat. Früher, da hatte Politik noch Steuerungsfunktion - heute sind viele Kompetenzen ausgelagert, auf eine europäische oder eine globale Ebene. Der Einfluss der nationalen Politik ist sehr viel geringer geworden ... ... was zu Frust führt. Heute ist es jedenfalls schwerer, politische Ziele umzusetzen als früher. Auch ein möglicher Grund für einen frühzeitigen Rückzug der Politiker? Möglich. Aber das Politiker-Dasein hat ja fast so etwas wie eine erotische Kraft. Ich kenne jedenfalls keinen, der das Amt leichtfertig aufgegeben hätte. Gibt es so etwas wie ein politisches Burnout-Syndrom? Das habe ich auch überlegt - aber ich denke nicht. Ich habe etwa Roland Koch und Ole von Beust in den letzten Monaten beobachtet und nichts dergleichen festgestellt. Bisher haben nur die Unions-Länderchefs aufgegeben, keiner von der SPD. Was alleine schon daran liegt, dass die Union viel mehr Ministerpräsidenten und hohe Positionen in diesem Land stellt. Und auch daran, dass es für viele CDU-Politiker noch schwierig ist, politisch aufzurücken - auch weil Merkel das wichtigste Amt besetzt. | |||||||||||||||||||||||||||||