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Aus: Thüringer Allgemeine, 22. Oktober 2005

„Gnadenlos konsequent“

Mit einer in der bundesdeutschen Geschichte bisher einzigartigen politischen Blitzkarriere hat es die ostdeutsche Pfarrerstochter und Physikerin Angela Merkel bis ganz nach oben geschafft. Alles nur Zufall oder worin besteht das Erfolgsgeheimnis der CDU-Frontfrau und angehenden Kanzlerin tatsächlich? Wir sprachen mit dem Merkel-Biografen und Bonner Politikwissenschaftler Prof. Gerd Langguth.

Prof. Langguth, Deutschland wagt erstmals eine Kanzlerin - ist Angela Merkel dafür die Richtige?

Sie hat es in einer besonders schwierigen Situation Zug um Zug bis ins Endrennen geschafft und ist schon daher, auch demokratisch gesehen, die Richtige. Was nicht heißt, dass es nicht andere Persönlichkeiten gäbe, die das Zeug zur Kanzlerin oder zum Kanzler hätten.

Von einem - wie eine Zeitung schrieb - "beängstigend harmlosen" Wahlkampf blieb bei vielen gerade mal der eher schwülstige Satz "Ich will Deutschland dienen" hängen. Wissen Sie, was Frau Merkel neben der Macht wirklich will?

Der Wahlkampf war jedenfalls voller Fehler. Sowieso fällt es Frau Merkel schwer, sich Menschen mit Ihrer Persönlichkeit, ihren Emotionen und wohl auch mit ihren Vorstellungen mitzuteilen. Als "ideologiefreie" Naturwissenschaftlerin geht sie eher rational an die Probleme heran und hat deshalb auch die Ängste der Deutschen unterschätzt. Angela Merkel will sich durch Spitzenleistung verwirklichen. Sie sucht Selbstbestätigung in der von anderen anerkannten Leistung, ohne deshalb gleich auf einer Art Selbstverwirklichungstrip zu sein. Sie will Deutschland für die Globalisierung fit machen, ohne wirklich ein Gefühl dafür zu haben, ob die Menschen nicht überfordert sind.

Außergewöhnlich, einzigartig, unerklärlich - so wird ihr kometenartiger Aufstieg in der CDU gern beschrieben. Hatte sie einfach Glück?

Sie hatte viel Glück in der Politik - aber auch die Fähigkeit, die für sie glückhaften Umstände zu nutzen. Zugute kam ihr zudem, dass sie viele Jahre stets unterschätzt wurde. Und doch sind ihre Wertorientierungen schwer auszumachen. Angela Merkel definiert sich - obwohl Pfarrerstochter - öffentlich kaum durch ein besonders ausgeprägtes christliches Weltbild. Vom Typus könnte sie auch eine Wechselwählerin sein.

Das klingt dann aber doch sehr nach Beliebigkeit oder halt dem berühmten Fähnchen im Winde. . .

Ein Vorwurf, der so ja auch nicht neu ist. Hätte Kohl sie statt zur Umwelt- zur Entwicklungsministerin gemacht, hätte sie sich eben mit der gleichen Empathie - statt für die Castortransporte - für die Hungernden in Somalia eingesetzt. Sie ist da ein Stück weit Generalistin, was sie für das Amt der Kanzlerin prädestiniert. Ich bin ferner davon überzeugt, dass sie darauf durch ihre Erfahrung als - auch international aktive - Bundesministerin in Bonn und Berlin besser vorbereitet ist als es der Landespolitiker Gerhard Schröder 1998 war.

Also doch immer auch eine gehörige Portion Zufall?

Ja, aber das allein würde es nicht erklären. Sie ist schon beim Demokratischen Aufbruch als eine Aktivistin aufgefallen, die ihre Arbeit gut macht. Sie kann zupacken, ihre Informationen als Pressesprecherin sind vielen Journalisten als sehr präzise und hilfreich in Erinnerung. Als stellvertretende DDR-Regierungssprecherin gewann sie nebem dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar de Maizière auch noch Günter Krause als Gönner, der ihr half, einen Bundestagswahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern zu erobern.

Wann wusste sie selbst, dass mehr drin ist?

Das kam erst nach und nach. Während der Verhandlungen zum Einigungsvertrag, die sie pressemäßig betreute, muss ihr bewusst geworden sein, dass die Akademie der Wissenschaften abgewickelt wird und sie als Physikerin keine Zukunft haben würde. Blieb nur das Berufspolitikertum. Das ging sie dann sehr zielstrebig an, auch indem sie alles daran setzte, dass Helmut Kohl sie möglichst früh kennenlernte und "entdecken" konnte.

Vom letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière weiß man, dass er seine Chancen im Einheitspoker mit dem politischen Schwergewicht Kohl sehr realistisch einschätzte. War der Aufstieg Merkels vielleicht auch eine Folge einer gewissen Form von Selbstüberschätzung?

Ich spreche lieber von gesundem Selbstbewusstsein oder Selbstvertrauen. Man darf sich von der gelegentlichen Scheuheit Merkels nicht täuschen lassen: Sie wollte und will beweisen, dass sie es kann, sich selbst, den Bekannten aus der untergegangenen DDR und nicht zuletzt ihrem politisch eher links gestrickten Vater. Dass sie bei der CDU landete, interpretiere ich auch als eine politische Emanzipation von ihrem als "roter Kasner" bekannten Vater, der - obwohl aus dem Westen zugereister Kirchenmann - als "kooperativ" galt.

Wie erklärt sich die Rigorosität, mit der sie so manchen alten Herrn ihrer Partei ausgebotet hat?

Sie gelangte halt an die Stelle ihrer einstigen Förderer: Sie beerbte Lothar de Maizière als damaligen einzigen CDU-Stellvertreter Helmut Kohls, sie wurde Nachfolgerin von Günter Krause in Mecklenburg-Vorpommern. Durch einen Zeitungsartikel im Dezember 1999 brachte sie die einstigen "Männerfreunde" Kohl und Schäuble so gegeneinander auf, dass in der Folge Kohl seinen Ehrenvorsitz und Schäuble seinen Parteivorsitz niederlegen mussten. Schließlich fegte sie auch noch Merz hinweg. Sie hat den unbedingten Willen zur Macht, das hat sie aber mit Kohl oder Schröder gemein.

Manche sprechen geradezu von einer Merkel´schen Blutspur auf dem Weg dorthin.

Ein Begriff, den ich so nie gebraucht habe. Ich spreche lieber von der Zahl ihrer Skalps, die schon enorm ist. Dabei kommt ihr ihre Unbefangenheit zugute: Sie muss wenig Rücksicht nehmen auf alte Seilschaften oder Strukturen. Es geht ihr dabei um Macht, aber nicht nur. Als sie als Generalsekretärin auf den CDU-Spendenskandal reagieren musste, darf man Angela Merkel schon echte Verzweiflung darüber zugestehen, wie es angesichts der tiefsten Krisensituation in der Geschichte der CDU mit der Partei weitergehen sollte. So wie man ihr vorwerfen kann, dass sie gegenüber Schäuble illoyal war, so nimmt sie für sich in Anspruch, der Partei gegenüber immer loyal gewesen zu sein.

Ursprünglich wollten Sie eine Biografie über Joschka Fischer schreiben, haben sich dann aber auf Bitten des Verlages umorientiert - wie nah hat Frau Merkel Sie an sich herangelassen?

Als Leiter der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland hatte ich sie in ihrer damaligen Funktion als stellvertretende Regierungssprecherin unter Lothar de Maizière besucht. Ich wusste natürlich, dass sie sich eher abschottet und wenigstens in der Öffentlichkeit nicht zu besonderer zwischenmenschlicher Wärme neigt. Im Interview für die Biografie war sie allerdings durchaus charmant und sogar witzig . . .

. . . was so gar nicht zu ihren meist hängenden Mundwinkeln zu passen scheint und übrigens auch nicht zu verschiedenen Äußerungen einstiger Wegbegleiter in Ihrer Merkel-Biografie, die sich häufig an eine eher spröde graue Maus erinnern.

Sie kommt aus einem Pfarrhaus in Ostdeutschland, wo sie zu einer selbstdisziplinierenden Persönlichkeit erzogen wurde, die einerseits besser sein musste als andere, andererseits möglichst nicht auffallen durfte.

Die Schere im Kopf . . .

Möglicherweise funktioniert sie bis heute. Als Westdeutscher bin ich bei der vorschnellen Beurteilung des Lebens in der DDR aber eher zurückhaltend. Ich glaube aber, sie hat früh gelernt, ihre private Welt von der offiziellen Welt zu trennen.

Wieviel DDR steckt in Angela Merkel bzw. ihrer Karriere - oder sollte man besser fragen, wieviel DDR steckte oder steckt eben gerade nicht mehr in ihr?

Das ist wahrscheinlich auch eine Frage der Perspektive. Westdeutsche sehen vor allem den ostdeutschen Newcomer, und Ostdeutsche klagen häufig, dass überhaupt nichts Ostdeutsches mehr in ihr stecke. Ich glaube sogar, dass letzteres stimmt. Sie hat zwar ostdeutsche Erfahrungen, denkt aber westdeutsch. Ihr Frauenbild schien mir lange durch das der DDR geprägt zu sein. Offensichtlich kann sie sich gut von früheren Lebensphasen trennen. Das ist auch eine Folge ihrer starken Orientierung an ihrem langjährigen Idol Helmut Kohl, dem sie sich in den ersten Jahren nach der Einheit stark annäherte.

Vieles über die DDR-Vergangenheit von Angela Merkel war Ihnen nur aus zweiter Hand, etwa aus Interviews mit Wegbegleitern zu zugänglich. Täuscht es, oder klingt da auch eine gewisse Skepsis über Merkels in der Öffentlichkeit dargestelltes Selbstbild mit?

Jeder Politiker und jede Politikerin egal welchen Alters und welcher geografischen oder politischen Herkunft strickt sich gern sein Selbstbild wie er/sie es braucht. Frau Merkel war mit Sicherheit in der DDR keine Widerstandskämpferin, hat sich selbst allerdings auch nie so dargestellt. Vielen reicht allerdings schon ihr Status als Pfarrerstochter und die damit unstrittig verbundenen Nachteile als Hinweis für ihre quasi bürgerliche Herkunft. Das bringt ihr bei vielen entsprechende Sympathien. Als Wissenschaftler ging es mir darum, hinter die Fassade zu sehen.

Wie hat Angela Merkel auf die Darstellungen über ihren Vater, etwa seine Kontakte zu bestimmten Staatsorganen, reagiert?

Mir gegenüber überhaupt nicht. Vermutlich ist sie nicht sonderlich begeistert. Wer hört als prominente Tochter schon gern, dass er sich am Vater abarbeitet. Mir haben nach der Veröffentlichung des Buches mehrere ostdeutsche Pfarrerskinder geschrieben, dass sie im Gegensatz zur Kanzlerin in spe nicht studieren durften, weil ihre Väter weniger kooperativ waren.

Wie hart träfe Sie als CDU-Mann der Vorwurf des Nestbeschmutzers?

Ich wollte eine lesbare und vor allem richtige Biografie schreiben. Mir haben auch Leute geschrieben, die dadurch erkannt hätten, wie fleißig, intelligent und konsequent, vielleicht auch gnadenlos konsequent Merkel sei. Andere sind mir gram, damit kann ich leben. Vielleicht wird sie am Anfang als Kanzlerin unterschätzt. Die meisten starteten mit geringem Kompetenzprofil, wurden aber besser. Das traue ich auch Frau Merkel zu.

Erfragt von Hanno MÜLLER.