The European, 27. August 2010
Die CDU in der Krise
"Wenn man grüner werden will, als die
Grünen, wählt man lieber das Original"
Kanzlerin Merkel droht ein Desaster, wenn sie ihre
Arbeit nicht grundlegend ändert, prophezeit der Politologe Gerd Langguth im
Interview mit The European. Weshalb Umweltminister Röttgen nicht nur Freunde
in den eigenen Reihen hat und warum Seehofer sich zu Unrecht als zweiter
Franz Josef Strauß aufführt, lesen Sie im Gespräch. Das Interview führte
Alexander Görlach.
The European: Die Sommerpause ist vorbei. Hat
die Regierung Merkel noch eine Chance?
Langguth: Ja, das hat sie. Aber je näher die Landtagswahlen des kommenden
Jahres kommen, wo wir 6 Landtagswahlen und eine Reihe von Kommunalwahlen
haben, umso schwieriger wird es die Regierung haben. Wenn sich die Dinge in
Berlin nicht grundlegend ändern, dann kann die Merkel-Ära in einem Desaster
enden.
The European: Was muss sich grundlegend ändern?
Langguth: Erstens muss Merkel deutlicher machen, was eigentlich das
christlich-liberale Projekt ist. In jeder Koalitionen muss es Streit zur Sache
geben, doch die Formen der Auseinandersetzung sind wichtig. Die
Unstimmigkeiten in der Regierung erscheinen weniger als sachlich begründet,
sondern von der Profilierung einzelner Minister her geleitet. Das muss endlich
aufhören. Merkel hat zwar nur begrenzten Einfluss auf FDP-
und CSU-Minister, aber der Streit zwischen der
„Juniorministerin“ Schröder mit ihrer Vorgängerin von der Leyen spielt sich
zwischen zwei CDU-Ministerinnen ab.
Wenigstens bei den CDU-Ministern
müsste sich die Kanzlerin durchsetzen können. Es ist normal, dass es in den
jeweiligen Ressorts der Regierung unterschiedliche Sichtweisen gibt, aber
nicht alles muss auf dem öffentlichen Markt ausgetragen werden. Vielleicht
müsste Frau Merkel einmal auch über personelle Konsequenzen nachdenken.
Außerdem wird sie im Zusammenhang mit der der schwierigen Frage des Euro
darüber nachzudenken müssen, ob die Leitung des Finanzministeriums optimal
besetzt ist. Merkel muss der FDP auch einmal einen
Erfolg gönnen, wenn der Koalitionspartner dafür im Gegenzug rationaler und
kalkulierbarer agiert, besonders in steuerpolitischen Fragen.
The European: Vor zwei Wochen behauptete die
ZEIT in einem Leitkommentar, dass die Union auch im
Bereich der inneren Sicherheit ihr Alleinstellungsmerkmal aufgibt. Sehen Sie
das genauso?
Langguth: Ich sehe zumindest die Gefahr. Es war immer eine Erfolgsgeschichte
der Union, dass sie auch rechts von sich nie eine Partei auf Bundesebene hat
aufkommen lassen. Wenn man in Sachen innerer Sicherheit zu sehr nachgibt, dann
kümmern sich andere um “law and order”.
“Ohne Vertrauen bei der
Wirtschaft wird es die Union schwer haben”
The European: Aber hat die zweite Regierung
Merkel nicht auch Erfolge vorzuweisen? Bei der Bewältigung der Krise, beim
Management der Eurokrise?
Langguth: Ja, das hat sie ganz zweifelsohne. Aber niemand rechnet in der
Öffentlichkeit der Regierung diese Erfolge an. Das ist ja das Problematische.
Die Tatsache, dass es nur noch wenige Leute mit wirtschaftspolitischem Gewicht
innerhalb der Union gibt, ist doch eine dramatische Erkenntnis. Dass sich
jetzt viele Manager in einem offenen Brief – sie stammen nicht nur aus dem
Bereich der Energiewirtschaft, einige haben oder hatten wichtige Aufgaben in
der CDU – kritisch äußern, das hat es in dieser Form
früher nicht gegeben. Wenn es die Union nicht schafft, wieder mehr Vertrauen
bei der Wirtschaft zu erhalten, hat sie einen weiteren und dauerhaften
Unruheherd. Ich meine jetzt nicht, dass die CDU in
jeder Frage eine rein wirtschaftsorientierte Politik machen muss, aber es war
immer ihr Vorteil gegenüber den Sozialdemokraten, dass sie aufgrund ihrer
besseren Beziehungen zur Wirtschaft den Eindruck vermitteln konnte, dass sie
eher Arbeitsplätze und damit soziale Sicherheit schaffen könnte.
The European: Es gibt doch neue Themenfelder.
Zum Beispiel die Energiewirtschaft, die Energiepolitik, die Frage nach dem
richtigen Energiemix, da kann sich die Union klassischerweise weiterhin
profilieren. Aber es sind auch neue Fragen, die neue Antworten zulassen.
Meinen Sie, man muss ganz klar fokussiert bleiben, auf dem, was man immer
getan hat?
Langguth: Wenn man grüner werden will, als die Grünen, wählt man lieber das
Original. Das Alleinstellungsmerkmal der CDU war
immer, dass sie Fragen der Wirtschaftlichkeit und der Konkurrenzfähigkeit
deutscher Unternehmen mit der Notwendigkeit der Bewahrung der Schöpfung
verknüpfen konnte. Hier geht es um ein gesundes Mittelmaß. Die Ergebnisse des
Energieberichts der Bundesregierung bleiben abzuwarten. Die deutsche
Wirtschaft muss, obwohl sie so starken Umweltauflagen unterliegt,
konkurrenzfähig bleiben. Sonst leiden am Ende nicht nur die Wirtschaft, die
Sicherheit der Arbeitsplätze und der Wohlstand, sondern auch die Ökologie in
Europa.
The European: Der Umweltminister hat von Haus
aus eigentlich ein eher konservatives Profil. Warum geht Herr Röttgen jetzt in
der Frage von Laufzeitverlängerungen einen so eigenwilligen Weg?
Langguth: Er will die Unterstützung der Ökoszene haben. Wenn er gegen die
Front der Ökologen agierte, müsste er den Vorwurf befürchten, nicht die
Interessen seines Ressorts zu vertreten.
“Röttgen braucht sich nicht
zu wundern”
The European: Ist das nicht ein Spiel mit dem
Feuer?
Langguth: In einem Interview vor einigen Monaten ist er weit über den
Koalitionsvertrag hinausgegangen. Röttgen hat damit Fakten gesetzt und sich
teilweise außerhalb des Koalitionsvertrages bewegt. Jetzt braucht er sich
nicht zu wundern, dass er innerhalb und auch außerhalb der eigenen Partei
entsprechende Reaktionen bekommt.
The European: Wie geht der Kampf in
Nordrhein-Westfalen zwischen Herrn Röttgen und Herrn Laschet aus?
Langguth: Da ist jede Vorhersage sehr schwierig. Röttgen hat einerseits den
höheren Bekanntheitsgrad und bei einer Basisbefragung dementsprechend
Vorteile. Wenn es andererseits nur um die Funktionsträger ginge, um die
Delegierten und Vorstandsmitglieder, dann läge Laschet ganz klar vorn, weil
Röttgen nicht überall nur Freunde hat.
“Es gibt keine ordnende
Hand in der NRW-CDU”
The European: Schauen wir einmal auf Laschet als
integrationspolitisches Gesicht; auf Röttgen als neues umweltpolitisches
Gesicht. Verheizt die CDU da nicht gerade eh schon
knappe personelle Ressourcen?
Langguth: Das ist wahr. Für mich ist es auch unverständlich, warum es nicht im
Vorfeld zu einer Einigung kam. Es hätte ja auch sein können, dass der eine
Landesvorsitzende und der andere stellvertretender Bundesminister wird. Aber
in dieser Phase des Übergangs gibt es einfach keine ordnende Hand in der
NRW-CDU.
The European: Die Regierungskoalition in Berlin
steht ja momentan bei 34-35 Prozent. Wie erleben Sie das innerhalb der
Parteien jetzt? Gibt es da Panikstimmung?
Langguth: Egal, mit welchen Unions- oder FDP-Leuten
man spricht, man ist verzweifelt, weil der Eindruck vorherrscht, die
Steuerungsanlage des Regierungsbootes sei auf absehbare Zeit defekt.
The European: Wenn von Schuld die Rede ist, wird
in Berlin häufig der Name Seehofer genannt. Kann Frau Merkel wirklich allen
Ernstes Herrn Seehofer, der auf eigene Rechnung arbeitet, an die Kandare
nehmen?
Langguth: Nein. Aber Seehofer überschätzt sich zudem noch. Er glaubt, er sei
der neue Franz Josef Strauss. Mit ihm und seiner Sprunghaftigkeit auf einer
gemeinsamen Basis zu agieren, wird wohl immer schwierig sein. Merkel hat es
wirklich nicht leicht.