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Der
Tagesspiegel, Berlin, 5. Januar 2007
„Kein Funktionsträger wagt den
Angriff auf Stoiber“
Politikwissenschaftler Langguth über den angeschlagenen Regierungschef
Bayerns, den Mythos CSU und das Kräftespiel in der Union
Wie groß ist der
Rückhalt für Edmund Stoiber in der CSU tatsächlich noch?
Die Bevölkerung in Bayern will mehrheitlich den Wechsel. Sie findet in
der Rebellin Pauli aus dem Frankenland eine Stimme, doch steht die Mehrheit der
Funktionsträger hinter Stoiber. Niemand wagt den offenen Angriff.
Nun ist die CSU-Spitze in die Offensive gegangen: Stoiber
soll schon Mitte Januar bei der Klausur der Landtagsfraktion in Wildbad Kreuth
als Spitzenkandidat nominiert werden. Ist das der richtige Schachzug?
Zur persönlichen Machtsicherung Stoibers ist dieser Zug zwingend. Stoiber kann
sich das Offenhalten, eine zermürbende Diskussion, nicht leisten. Es ist
allerdings ein Zeichen von Schwäche, dass ein solcher Kraftakt zu seinem Schutz
nötig ist.
Wer spielt jetzt in der CSU die stärkste Rolle, wer bestimmt, wie es
weitergeht?
Die zentrale Rolle spielt die Landtagsfraktion. Sie will einen
Stoiber-Nachfolger aus ihren eigenen Reihen. Die Strategie des sich mehr und
mehr Autorität verschaffenden Fraktionschefs Herrmann dürfte darauf
hinauslaufen, Stoibers Spitzenkandidatur noch einmal zu sichern, damit er selbst
nach der Hälfte der kommenden Legislaturperiode dessen Erbe antreten kann. Von
den Bundespolitikern hätte allein Horst Seehofer mit seinem spezifischen
Charisma eine Chance. Er gilt als Stoiber-unabhängig. Seine Chance läge in der
schon früher in der CSU praktizierten Machtteilung, die für ihn den CSU-Vorsitz
und für Herrmann den Ministerpräsidentenposten vorsähe.
Heißt das, dass mit der vorgezogenen Kür des Spitzenkandidaten Stoiber das
Thema Mitgliederbefragung erledigt ist?
Der Pauli-Antrag wird in den CSU-Gremien scheitern. Eine Stärke der CSU lag
immer in ihrer Fähigkeit zur Disziplin. Eine Mitgliederbefragung mit ihren
Diskussionsverläufen erschütterte das Bild der CSU als „Staatspartei“. Eine
Rebellion könnte nur dann ausbrechen, wenn eine der starken Figuren – Herrmann,
Seehofer, Beckstein oder Huber – offen als Stoiber-Herausforderer anträte. Aber
das tut keiner von ihnen.
Würde ein vorzeitiger Wechsel der CSU bei der Landtagswahl 2008 eher schaden
oder eher nützen?
Das käme auf den Kandidaten an. Die CSU sollte sich auf keinen Fall zu sicher
fühlen. Sie hat bei der Bundestagswahl in Bayern mit 49,2 Prozent nicht die
absolute Mehrheit erreicht. Verlöre die CSU im Freistaat eines Tages die
absolute Mehrheit, wäre ihr besonderer Mythos, ihre Dominanz, auch in
kultureller Hinsicht, beendet.
Stoiber, der Querulant bei der Gesundheitsreform, Stoiber, der angeschlagene
Ministerpräsident – wird der Bayer für die große Schwester CDU zunehmend zur
Belastung?
Von einem angeschlagenen Stoiber geht für Merkel keine echte Gefahr mehr aus.
Die CSU ist andererseits derzeit nicht mehr die große Hilfe für die CDU. In der
Vergangenheit gab es eine interessante Arbeitsteilung, und das war das
Erfolgsgeheimnis der Union: Viele haben außerhalb Bayerns die CDU gewählt, weil
sie in der CSU eine besonders konservative und kompetente politische Kraft
gesehen haben. Dieses Vertrauen in die Kompetenz wurde durch das Hin und Her
Stoibers verunsichert.
Kann sich Angela Merkel als CDU-Chefin denn unter diesen Vorzeichen
weiterhin aus dem CSU-Streit heraushalten?
Merkel ist zu klug, um sich einzuschalten. Dieses Hineinfunken, das ja
auch einmal Helmut Kohl bei einer Nachfolgefrage in Bayern versucht hat, würde
eher zu einer Solidarisierung innerhalb der CSU zugunsten Stoibers führen. Denn
ihre Eigenständigkeit ist der CSU heilig.
Wie schätzen Sie Merkels derzeitiges Verhältnis zu Stoiber ein?
Trotz des von Stoiber angebotenen Du handelt es sich eher um ein kollegiales,
nicht um ein freundschaftliches Verhältnis. Stoiber kämpft um sein politisches
Überleben und muss daher auch sein politisches Profil gegenüber der großen
Koalition schärfen.
Was bedeutet es für die Parteienlandschaft insgesamt, wenn die CSU nicht mehr
der stabile Anker in der Union ist?
Die Unterstützung für die Volksparteien ist insgesamt zurückgegangen. In den
50er und 60er Jahren haben bei starken Wahlbeteiligungen teilweise 90 Prozent
die großen Formationen CDU/CSU und SPD gewählt. Jetzt tun das nur noch 70
Prozent der Bevölkerung – bei geringerer Wahlbeteiligung. Die Volksparteien
müssen sich überlegen, wie sie sich wieder stärker in der Bevölkerung verankern.
Aber die Nachfolgefrage um Stoiber ist nicht von dem Gewicht, dass sie sich auf
das Parteiensystem insgesamt auswirken könnte.
Das Gespräch führte Matthias Schlegel.
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