aus: Der Tagesspiegel, 6. November 2007
"Brennende Kaufhäuser, brennende Menschen"
Von Gerd Langguth
Wie konnte es kommen, dass nicht nur die Terroristen
selbst, sondern auch viele andere junge Menschen die Bundesrepublik als einen
Staat empfunden haben, den es zu bekämpfen galt – und mit einer
terroristischen Vereinigung sympathisiert haben? Diese Frage stellte Norbert
Lammert in einer beachtlichen Rede zum Terrorismus der Rote Armee Fraktion
(RAF).
Manche lenken jetzt Pfeile auf den Bundestagspräsidenten, der klipp und klar
sagte: „Der bundesdeutsche Terrorismus entstand nicht durch Aktivitäten von
Randfiguren der einstigen Außerparlamentarischen Opposition (Apo), war also
kein spätes Zerfallsprodukt aus den Ausläufern der Apo, sondern der sogenannte
‚bewaffnete Aufstand‘ und das ‚Stadtguerilla-Konzept‘ waren schon sehr früh,
Mitte der sechziger Jahre, im Zentrum des Apo diskutiert worden.“ Recht hat
Lammert. In der Apo gab es sehr unterschiedliche Tendenzen: Einerseits war
kultureller Aufbruch angesagt, andererseits kamen früh aus der Mitte der Apo
Konzepte der Gewalt. Die überwiegende Mehrheit der Protestierer war gegen
Gewalt.
Das „Gründungsdatum“ der Rote Armee Fraktion wird mit der
Baader-Befreiungsaktion 1970 in Verbindung gebracht, doch wurde in der Apo
früh über die Notwendigkeit von Gewalt diskutiert, häufig zumindest Gewalt
gegen Sachen für legitim erklärt. Ein am 24. Mai 1967 verteiltes „Flugblatt
Nr. 8“ der „Kommune I (KI)“ begann mit der Frage: „Wann brennen die Berliner
Kaufhäuser?“ – und dies zwei Tage nach einem Brand in einem Brüsseler
Kaufhaus, bei dem 300 Menschen ums Leben gekommen sind: „Unsere belgischen
Freunde haben endlich den Dreh heraus, die Bevölkerung am lustigen Treiben in
Vietnam zu beteiligen; sie zünden ein Kaufhaus an, 300 saturierte Bürger
beenden ihr aufregendes Leben, und Brüssel wird Hanoi.“ Gudrun Ensslin schrieb
damals in ihr Notizbuch: „Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen
vermittelt zum ersten Mal in einer europäischen Stadt jenes knisternde
Vietnam-Gefühl, das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“
Hans Magnus Enzensberger sagte 1969: „Gegenwärtig veranschaulicht uns eine
Organisation wie die Tupamaros in Uruguay Formen des Kampfes, die direkt auf
Europa angewandt werden können.“ Die lateinamerikanischen Guerilleros wurden
als Vorbild benannt – vor allem Che Guevara in Bolivien, Marighella in
Brasilien und die Tupamaros. Im Februar 1966 erläuterte Dutschke vor Berliner
SDS-Genossen sein Stadtguerilla-Konzept. Er forderte im September 1967 eine
„befreiende Verweigerungs- und Sabotage- Guerilla in den verschiedenen Sphären
der Gesellschaft“. In jener Zeit wollte er sein Revolutionskonzept, gestützt
auf Ideen und Geld des italienischen Verlegers Feltrinelli, vorantreiben,
legale und illegale Möglichkeiten miteinander verbinden, Gegenmilieus
aufbauen. Eine „Propaganda der Tat“ sollte die Mächtigen einschüchtern.
Dutschke lehnte das Konzept einer militärischen Strategie der späteren RAF ab,
plante aber, mit zwei Mitstreitern am 2. März 1968 in Saarbrücken einen
Sendemast des amerikanischen Soldatensenders AFN in die Luft zu sprengen.
Führungskader des Berliner SDS wollten den mit einem Hausordnungsverfahren
gegen neun Studenten befassten Oberstaatsanwalt Blaesing entführen. Es sei
sogar ein Kommando gebildet und ein Versteck im Grunewald ausfindig gemacht
worden. Dutschkes Wegbegleiter Rabehl: „Mehr aus Zufall scheiterte das
Vorhaben.“
Bisher haben wir zu wenig aus Wissenschaft und Publizistik über die Vorstufen
des Terrorismus erfahren. Darauf weist Lammert zu Recht hin. In einem
Führungskern, übrigens auch der späteren kommunistischen Gruppen wie dem
Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), wurde die friedensstiftende
Funktion des Rechtes abgelehnt, illegale Aktionen als angemessen erklärt. Eine
Enttabuisierung von Gewalt war die Folge. Die RAF profitierte davon.