Der Tagesspiegel, 24. März
2009
Interview
"Auftritt mit geringer Haltbarkeit"
Der Merkel-Biograf Gerd Langguth spricht im Interview mit
dem Tagesspiegel über den Auftritt der Kanzlerin bei Anne Will - und die
Frage, wann jemand "Medienkanzler" ist.
Herr Langguth, hat sich
für die Kanzlerin der Auftritt bei "Anne Will" gelohnt?
Eindeutig ja. Sie ist ihrem persönlichen Stil
treu geblieben, war schlagfertig, hat ihre politische Überzeugungen kund
getan, auch mit Humor, und versucht, Führungsstärke zu demonstrieren. Vor
allem aber hat sie sich als völlig unaufgeregt gezeigt. Zudem ist sie nicht in
die Falle der SPD gelaufen, deren Attacken mit Pauken und Trompeten
zurückzuschlagen.
Trotzdem fühlte sie sich
herausgefordert.
Zweifellos - durch die Fragen von
Anne Will, aber auch von der politischen Situation, von der Kritik, auch der
innerparteilichen, die ihr erstmals ernsthaft zu schaffen macht. Bisher war
sie eine Kanzlerin im Glück.
Was kann diese Politikerin mit dem Fernsehen erreichen?
Erst einmal zu dem, was sie nicht erreichen kann: Angela Merkel kann nicht
mit großem geschichtlichen Impetus die konservativen Seelen in ihrer Partei
wärmen. Sie ist keine Geschichtsdeuterin mit großen Visionen, sondern sie
macht das, was sie schon in ihrer ersten Regierungserklärung angekündigt hat
-- eine Politik der "kleinen Schritte". Sie ist eine ideologiefreie
Problemlöserin. Das hat bisher ihre Beliebtheit ausgemacht; die meisten
Menschen wollen mehrheitlich keinen Ideologien, sondern pragmatische Lösungen,
auch in Krisenzeiten. Diesen Konsens mit der Bevölkerung hat die Kanzlerin am
Sonntagabend wiederherstellen wollen. Sie hat bisher eine große seherische
Fähigkeit gezeigt, das Populäre zu erkennen und dem Volk gegenüber zum
Ausdruck zu bringen.
Wie lange hält die Wirkung eines solchen Auftritts bei "Anne Will" an?
Die Haltbarkeit solcher Auftritte ist in der heutigen Zeit immer kürzer.
Merkel muss es zunächst darauf ankommen, die Abwanderung ihrer Wähler zur FDP
zu stoppen. Daher dieser Fernsehauftritt, der Merkel in der Offensive und als
Bewahrerin der Großen Koalition gezeigt hat, die quasi bis zur letzten Sekunde
der Koalition arbeitet. Zudem hat sich ihre Fähigkeit, Kritik an sich
abprallen zu lassen, bei "Anne Will" erneut bestätigt.
Müssen wir uns jetzt auf die Fernsehkanzlerin Angela Merkel einstellen?
Sie ist schon jetzt mehr Medienkanzlerin als ihr Vorgänger, weil sie die
Medien in ihrer ganzen Breite und Vielfalt einsetzt und weil ihre
Nicht-Inszenierung ihre Inszenierung ist. Anders als Gerhard Schröder würde
Angela Merkel ihr mediales Auftrittsfeld nie allein auf "Bild, BamS und
Glotze" verengen. Die Frage, ob jemand "Medienkanzler" ist, hängt auch sehr
stark damit zusammen, ob sich "die" Medien gegen einen wenden. Das war bei
Kanzler Schröder vor allem in der Schlussphase so. Angela Merkel kann immer
noch konstatieren, dass ihr ein Großteil der Medien mit Respekt begegnet.
Das Interview führte Joachim
Huber.
Gerd Langguth ist Merkel-Biograf
und lehre politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Den Auftritt der
Kanzlerin bei "Anne Will" verfolgten 4,17 Millionen Zuschauer.