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aus: www.tagesschau.de 12. September 2005

Politikwissenschatler Langguth im Interview

"Die CDU hat allen Grund, nervös zu sein"

Nach dem Schwinden einer schwarz-gelben Mehrheit in den Meinungsumfragen wird die Kritik am Finanzexperten Paul Kirchhof lauter, der Wunsch nach einem Comeback von Friedrich Merz größer. Politikwissenschaftler Gerd Langguth erwartet von der Union in der Schlussphase des Wahlkampfs nun eine aggressivere Tonlage. tagesschau.de sprach mit Langguth über Wahlkampfstrategien, politische Quereinsteiger und große Koalitionen.

tagesschau.de: Die CDU schwächelt in den Meinungsumfragen kurz vor der Wahl. Welche Konsequenzen erwarten Sie für den Wahlkampf in den kommenden Tagen?

Professor Dr. Gerd Langguth  [Bildunterschrift: Professor Dr. Gerd Langguth]
Gerd Langguth: Die letzte Chance der Union, noch Schwarz-Gelb zu erreichen, ist, wenn sie glaubhaft aufzeigen kann, dass eine rot-rot-grüne Koalition drohen könnte oder eine rot-grüne Minderheitenkoalition. Es wird sicher die Linie der CDU sein, das Szenario einer Art "Chaos über Deutschland" als Gefahr an die Wand zu malen.

tagesschau.de: Ministerpräsident Wulff hat einen aggressiveren Ton im Wahlkampf gefordert. Heute Abend nun treffen Unionskandidatin Merkel und Bundeskanzler Schröder in der so genannten "Elefantenrunde" ein letztes Mal vor der Wahl aufeinander. Wie wird Merkel agieren?

Langguth: Aggressiver bei einer persönlichen Konfrontation ist nicht immer besser. Aber Angela Merkel wird inhaltlich einen Zahn zulegen müssen. Sie muss nochmals klarmachen, warum Schröder die Neuwahlen wollte. Weil er nämlich keine Mehrheit in seiner eigenen Partei hatte. Das kam im ersten Fernsehduell zu kurz.

tagesschau.de: Wie nervös ist man in der Union?

Langguth: Die Union hat allen Grund, nervös zu sein. Die Meinungsumfragen machen eine große Koalition wahrscheinlich. Große Koalitionen entsprechen zwar der Konsenssehnsucht vieler Menschen, nach dem Motto: Ein bisschen Änderung ist notwendig, aber bloß nicht zuviel. Für die Union aber wäre eine große Koalition eine denkbar schlechte Lösung.

 

Energisch gestimmt begibt sich die Kanzlerkandidatin der Union zu ihrem Treffen mit DGB-Chef Sommer und den Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften. (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Geht Merkel aggressiver in den Endspurt?]
Paul Kirchhof (Foto: dpa/dpaweb) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Vom Visionär zum Bumerang: Paul Kirchhof]
 

@ tagesschau.de:Käme es "nur" zu einer großen Koalition, würde man das innerhalb der CDU Angela Merkel anlasten?

Langguth: Es würde eine Koalition werden, die es sehr schwer hätte. Frau Merkel müsste sich immer wieder aufs Neue auch gegen die eigenen Ministerpräsidenten behaupten. Und das Regieren würde umso schwieriger, da von der SPD ein Linksruck zu erwarten ist. Schließlich muss diese der Linkspartei den Zulauf abgraben und verprellte Wähler zurückholen. Das Sperrfeuer der Linken in der SPD würde ein wirkliches Regieren erschweren. Insofern wird eine große Koalition keine starke Regierung sein können. Das würde dann auch auf eine Kanzlerin Merkel zurückfallen.

"Bei Kirchhof Risiko unterschätzt"

tagesschau.de: Als Grund für den jüngsten Meinungsumschwung wird die Ernennung Paul Kirchhofs als Finanzschattenminister ausgemacht. Hat man in der Union die Risiken unterschätzt, einen Quereinsteiger wie Paul Kirchhof ins Boot zu holen?

Langguth: Das Risiko wurde unterschätzt. Seiteneinsteiger sind häufig ein Problem, sobald sie mit der Realität der Politik konfrontiert werden. Andererseits können sie natürlich auch ein Salz in der politischen Suppe sein. Im Grunde ist das Problem, dass die Menschen nicht zwischen dem Akademiker Kirchhof und einem möglichen Politiker Kirchhof unterscheiden können. Das hat man in der Union zu wenig bedacht - auch dass das Unionswahlprogramm das Kirchhof-Modell nicht abdeckt.

tagesschau.de: Vor wenigen Wochen wurde Angela Merkel von vielen Seiten für ihren Kirchhof-Coup bejubelt. Die gleichen Leute teilweise betreiben nun eine Art Demontage Kirchhofs. Schädigt diese Diskussion Angela Merkel? Schließlich hat sie ihn in ihr "Kompetenzteam" berufen.

Langguth: Unionsintern wird kritisiert, dass Frau Merkel die Verwerfungsmöglichkeiten, die eine Kandidatur Kirchhofs mit sich bringt, unterschätzt hat. Entscheidend aber ist: Wenn es doch zu einer knappen schwarz-gelben Koalition reichen sollte, werden alle sagen: Dies ist der Strategie Merkels zu verdanken. Scheitert dies, wird sie dafür die Verantwortung übernehmen müssen.

Großansicht des Bildes Grafik: Friedrich Merz]
tagesschau.de: Nach der zunehmenden Kritik an Kirchhof wird der Wunsch nach einem Comeback von Friedrich Merz lauter. Doch das Verhältnis zwischen Merkel und Merz gilt ja eigentlich als zerrüttet?

Langguth: Friedrich Merz ist mit seinen politischen und rhetorischen Fähigkeiten zweifelsfrei eine Ausnahmeerscheinung. Es würde Frau Merkel gut anstehen, wenn sie jetzt demonstrativ klarmachen würde, dass sie ihn braucht.

Das Interview führte Ulrich Bentele, tagesschau.de

Stand: 12.09.2005 13:19 Uhr