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Tagespost, Interview, 14. Dezember 2011

 

 

"Ein präsidialer Sturm im Wasserglas“

 

 

Der Politologe und Horst Köhler-Biograf Gerd Langguth über den Bundespräsidenten und die Darlehensaffäre  

 

Von Oliver Maksan

 

 

Herr Professor, gibt es eine Causa Wulff?

 

Nein. Das entwickelt sich zu einem präsidialer Sturm im Wasserglas. Es ist eigentlich kein Skandal, wenn sich ein Mann von einem anderen Mann oder einer Frau einen Kredit besorgt und den auch wieder ordentlich zurückbezahlt. Vor allem hat es ja keine Vorteilsnahme für den Kreditgeber gegeben. Wahr aber ist: Hätte Wulff seinerzeit im Niedersächsischen Landtag den vollen Sachverhalt erklärt, hätte er sich jetzt diesen Sturm erspart.

 

Warum hat er es nicht getan? Was jetzt als Haarspalterei bezeichnet wird, hätte ihn ja auch als Ministerpräsident einholen können.

 

Die Erklärung liegt meines Erachtens darin, dass man in der Regel nur die Dinge zugibt, die man zugeben muss.

 

Das klingt sehr nach Trickserei. Der Bundespräsident wirkt aber vor allem qua persönlicher Autorität und Integrität. Sind die jetzt beschädigt?

 

Ein Stück weit sicher. Ihm fehlte damals offenbar das Bewusstsein, dass er da einen Fehler machen könnte. Aber Politiker dürfen eben nicht alles tun, was Privatleuten erlaubt ist. Politiker müssen da sehr viel sensibler sein, insbesondere wenn es das Verhältnis zu Unternehmern berührt. Schon aus Eigeninteresse müssen sie möglichen Verdächtigungen vorbeugen. Aber da

fehlte es Wulff an Verständnis.

 

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten ist der Bundespräsident jetzt durchaus beliebt. Glauben Sie, dass sich die Opposition einen Gefallen täte, wenn sie in der Sache nicht locker ließe?

 

Ich denke, dass man bei einem Staatsoberhaupt, was die Kritik angeht, sowieso vorsichtiger zu sein hätte. Die Opposition hat den Bogen bisher aber auch nicht überspannt. Wulff hat durch sein Verhalten doch einige irritiert, weil er nicht den vollen Sachverhalt sofort und freiwillig genannt hat. Aber er hat auch nichts formal Inkorrektes getan. Und deswegen werden mögliche Angriffe der Opposition im Sande verlaufen.

 

Das heißt, Sie würden Ihm raten, dass er sich am besten gar nicht mehr dazu äußert?

 

Das Bundespräsidialamt hat ja dazu bereits eine Erklärung abgegeben und es bringt nichts, wenn jetzt zu einer Erklärung noch viele neue abgegeben werden. Der Sachverhalt als solcher ist meines Erachtens eigentlich geklärt.

 

Der Bundespräsident steht immer wieder in der Kritik, weil ihm trotz Europa- und Finanzkrise das Thema seiner Präsidentschaft fehle. Sehen Sie das auch so?

 

Na ja, mit dem Thema Integration und Islam hat er ja gleich zu Beginn seiner Amtszeit Akzente gesetzt. Das verbindet man schon mit ihm. Denken Sie daran, was er zur Rolle der Muslime in Deutschland gesagt hat – „der Islam gehört zu Deutschland“. Gleichzeitig hat er aber auch die Rechte der Minderheiten in der Türkei angemahnt. Natürlich hat er noch nicht die große, bewegende Rede gehalten, aber das haben andere Bundespräsidenten vor ihm in der ersten Amtszeit in der Regel auch nicht getan. Zudem wird er, weil er vorher Parteipolitiker war, mit kritischeren Augen betrachtet als etwa Horst Köhler, der ja nicht aus der Parteipolitik kam.

 

Akzente hat er ja auch beim Stil gesetzt. Kürzlich beim Bundespresseball war ein eng umschlungen tanzendes, Küsse austauschendes Präsidentenpaar zu sehen. So viel Privates gab es bei den Vorgängern doch nicht zu sehen, oder?

 

Man muss sehen, dass wir einen relativ jungen Präsidenten mit einer noch jüngeren Frau haben. Und das schlägt sich natürlich im Stil nieder, der sicher anders ist als bei seinen Vorgängern. All das trägt natürlich zu einer Imageveränderung auch des Amtes des Bundespräsidenten bei.