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Die Tagespost, 26. September 2009
Nur nicht auffallen, ja nichts preisgeben
Vom „roten Pfarrhaus“ ins Berliner Kanzleramt – Ohne Wissen um ihrer Kindheit und Jugend kann man Angela Merkel nicht verstehen, meint ihr Biograf Langguth VON GERD LANGGUTH
Wer Angela Merkel noch zu DDR-Zeiten kennengelernt hat, hätte nie vermuten können, dass sie eines Tages zu einer politischen Führungskraft Gesamtdeutschlands, noch mehr: ein Machtmensch, würde. Zu unscheinbar wirkte sie. Heute ist sie laut „Forbes“ die „mächtigste Frau der Welt“. So schnell wie Merkel machte noch niemand politische Karriere. Als 35-Jährige gelangte sie auf dem Umweg über die DDR-Bürgerrechtsbewegung „Demokratischer Aufbruch“ in die politische Arena. Sie war in dieser Partei zeitweise für Pressearbeit zuständig, schließlich unter dem letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière Stellvertretende Regierungssprecherin. Ein Jahr nach ihrem ersten Engagement im Demokratischen Aufbruch, der damals CDU und SPD noch neutral gegenüberstand und sich erst später mehrheitlich für die CDU entschied, wurde sie Bundestagsabgeordnete im nord-östlichsten Wahlkreis Deutschlands und schließlich als Bundesministerin für Frauen und Jugend jüngstes Mitglied im Kabinett Kohl. Vater Kasner entwickelte sich politisch immer mehr nach links Warum suchte sie Helmut Kohl, stets auf der Suche nach Nachwuchstalenten, aus? Sie war relativ jung, unbelastet, evangelisch, stammte aus einem Pfarrershaushalt und damit aus einer „bürgerlichen“ Familie. Sie ist promoviert, zudem weiblich. Kohl hatte sie entdeckt, weil sie wenige Wochen vor der ersten gesamtdeutschen Wahl die Chuzpe hatte, auf dem Hamburger Vereinigungsparteitag der CDU Helmut Kohl um ein Gespräch zu bitten – und er gewährte es, war fasziniert von dieser jungen Frau, die sogar charmant sein konnte. Sicher wusste damals Helmut Kohl nicht, dass Merkels Vater, Horst Kasner, gemeinhin in Pfarrerskreisen als „roter Kasner“ bekannt war. Er stammte selbst aus Berlin-Pankow, studierte evangelische Theologie im Westen Deutschlands, weshalb Angela Merkel 1954 in Hamburg geboren wurde. Auf Bitten seiner Kirche ging Kasner, der anfänglich von der Staatssicherheit als „Gegner des Arbeiter- und Bauernstaates“ bezeichnet wurde, in die DDR zurück. Dort herrschte Pfarrermangel, zumal gerade die evangelische Kirche, insbesondere die Junge Gemeinde, erhebliche Repressionen zu erdulden hatte. Vater Kasner entwickelte sich politisch immer mehr nach links, er arrangierte sich insoweit mit der DDR-Autorität, als er beispielsweise leidenschaftlich gegen den Widerstand zahlreicher Pfarrerkollegen für eine Loslösung der evangelischen Kirche in der damaligen DDR von der „Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)“ plädierte. Angela Merkel stammt also aus einem eher „roten“ Elternhaus, zumal ihre Mutter sich nach der Wende in der SPD von Templin, ihr Bruder zeitweilig bei der grünen Bewegung engagierte. Der Vater trat mehrfach als Kritiker der CDU-Politik auf. Hieraus jedoch zu schließen, dass Angela Merkel eine „verkappte Rote“ sei, trifft nicht zu. Vielmehr ist ihr Engagement in der CDU – neben der Einsicht, dass ihr die Politik eine neue Existenz ermöglichte – auch so etwas wie eine politische Emanzipation von ihrem Elternhaus. Der Vater tat sich mit dem Engagement seiner Tochter in der CDU so schwer, dass er sich nicht einmal an den CDU-Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag seiner Tochter, als sie bereits CDU-Vorsitzende war, teilnahm. Unzweifelhaft war der Freundeskreis Angela Merkels eher systemkritisch. Sie trug zwar die blaue Bluse der FDJ sogar noch zu der Zeit, als sie bereits an der Akademie der Wissenschaften arbeitete, doch trat sie selber nie in die SED ein. In der Akademie der Wissenschaften forschten viele Wissenschaftler vor sich hin, die als gesellschaftlich unzuverlässig galten und deshalb nicht an der Universität tätig sein durften. Als Angela Merkel zuvor eine Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität in Ilmenau antreten wollte, wollten sie zwei Stasi-Offiziere für eine Mitarbeit gewinnen, was sie spontan abgelehnt hatte. Angela Merkel hat sich aber gleichwohl nie als Widerstandskämpferin in der ehemaligen DDR hochstilisiert. Nach eigenen Angaben hatte Angela Merkel – dies wird auch von Mitschülern bestätigt – alles in allem eine glückliche Jugend. Aber sie merkte bereits früh, dass eine Pfarrerstochter in einem atheistischen Staat sowohl von Seiten der Klassenkameraden als auch der Lehrer unter anderer Beobachtung stand, als die von der SED gehätschelten „Arbeiterkinder“. Aus der Retrospektive sollte sich dieser Umstand allerdings keineswegs zu ihrem Nachteil entwickeln. Nicht zuletzt ihr Mutter Herlind gab der jungen Angela immer wieder die Maxime mit auf den Schulweg, dass sie als Pfarrerstochter besser sein müsse als alle anderen, da sie sonst im „Staat der Werktätigen“ nicht studieren dürfe. Sie, eine Lehrerin, hatte selbst Berufsverbot. Dieses Bessersein-wollen als die anderen hat Angela Merkel offensichtlich frühzeitig bewegt – und sie war in der Schule, wie es ein ehemaliger Lehrer sagt, eine „Ausnahmeerscheinung“, eine „Idealschülerin“. Sie erzielte in nahezu allen Fächern (mit Ausnahme von Sport) extrem gute Leistungen, galt jedoch gleichzeitig nicht im negativen Sinne als „Streberin“. Vom Typ her war sie eher unauffällig, was mit einer zweiten Grundregel zusammenhängt, die ihr die Eltern beigebracht hatten: nie zu sehr auffallen, jedenfalls nicht negativ. Und schließlich gab es noch eine dritte, in gewisser Weise damit zusammenhängende Regel, nämlich ihre private Gedankenwelt und die offiziöse Welt der Politik voneinander zu trennen. Das erklärt rauch, warum sie so wenig zu ihrer privaten Deutungswelt, so wenig Einblicke in das eigene Ich zulässt. Dies äußert sich manchmal in einer beredeten Sprachlosigkeit, indem sie viel über sich erzählt und trotzdem wenig mitzuteilen scheint. Der politische Weg der promovierten Physikerin ist bekannt. Sie wurde zunächst unter Kohl politischer Lehrling, indem sie ein wenig bedeutsames Ressort wie das der Frauen und Jugend übernahm; vier Jahre später wurde es „hochkarätiger“, sie wurde Umweltministerin in der Regierung Kohl. Damals lernte sie vor allem die internationale Politik (Prozess von Kyoto!) sehr gut kennen; so war sie besser als ihre Vorgänger auf die internationale Politik vorbereitet. Wolfgang Schäuble hatte sich als Nachfolger Kohls im Parteivorsitz Angela Merkel als CDU-Generalsekretärin nach dem Regierungswechsel des Jahres 1998 geholt. Sie war es, die während des Bekanntwerdens des von Kohl zu verantwortenden Spendenskandals mit ihrem „Scheidebrief“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Dezember 1999 einen Beitrag dazu leistete, dass Kohl den Ehrenvorsitz der CDU und Schäuble den Partei- und Fraktionsvorsitz verlor. Sie hatte den Artikel ohne Abstimmung mit Schäuble geschrieben. Das wiederum konnte Kohl nicht glauben. Weil sich Merkel an die Tete der Aufklärung gestellt hatte, lief 2000 der Parteivorsitz automatisch auf sie zu, obwohl die meisten Parteigranden ihr gegenüber erhebliche Vorbehalte hatten. Sie hatte sich aber durch Mut, allerdings auch durch eine gewisse Illoyalität gegenüber den von ihrem Artikel nicht vorab informierten Schäuble, an die Spitze der Reinigungsbewegung bezüglich der illegalen Spendenpraktiken Kohls gesetzt. Seit der Übernahme des Parteivorsitzes dürfte sie mit dem Gedanken geliebäugelt haben, Kanzlerkandidatin zu werden, sie musste aber 2002 zunächst Edmund Stoiber den Vortritt lassen. Proamerikanisch, proisraelisch, proeuropäisch Schließlich war es Gerhard Schröder, dem Merkel besonders dankbar sein muss, denn der hatte durch die Verkündung vorgezogener Neuwahlen am 22. Mai 2005 – am Abend der von seiner Partei verlorenen nordrhein-westfälischen Landtagswahl – dafür gesorgt, dass innerhalb der Union die Entscheidung zugunsten Merkels als Kanzlerkandidatin innerhalb ganz kurzer Zeit getroffen werden musste. Schließlich wurde Merkel nach einem leidenschaftlichen und kontroversen Wahlkampf Kanzlerin einer Großen Koalition, wobei ihr der moderierende Stil des Ausgleichs zugute kam. Merkel zu unterstellen, sie hätte kein Wertesystem, wäre falsch. In der Außenpolitik ist sie prinzipiell proamerikanisch, auch proeuropäisch und eine Freundin Israels. In der Innenpolitik denkt sie in einigen Fragen liberaler als viele ihrer katholischen Fraktionsangehörigen, etwa in der Stammzellenpolitik (siehe auch die Politik von Forschungsministerin Annette Schavan, immerhin Mitglied des Zentralkomitees der Katholiken). Der Journalist Volker Resing, attestiert Merkel in einer im St. Benno-Verlag erschienenen Untersuchung, sie sei keineswegs nur eine „Physikerin der Macht“, sondern sehe im christlichen Menschenbild „einen politischen Tugendkatalog, der eben auf den Einzelnen und sein Handeln zielt“. | |||||||||||||||||||||||||||