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Gerd Langguth, Politologe in Bonn und Biograf Angela
Merkels, glaubt nach dem TV-Duell nicht, dass die CDU ihren Wahlkampf auf
den letzten Metern ändern wird
Merkel oder Steinmeier im TV-Duell:
Wer ist Ihrer Meinung nach als Sieger vom Platz gegangen?
Ich denke, das Verhältnis war
ausgewogen. Steinmeier war präziser, offensiver, angriffslustiger, Merkel
kam als die mehr Ausgleichende erst in der zweiten Hälfte richtig in Fahrt.
War das die Merkel, wie Sie sie als
ihr Biograf kennen?
Frau Merkel war am Anfang erstaunlich
nervös. Sie ist dann sehr viel lockerer geworden. Das zeigt, dass auch sie
unter einer ungeheuren Anspannung stand – was auch kein Wunder ist, weil sie
ja unter einem viel höheren Erwartungsdruck stand als Steinmeier. Denn 64
Prozent glaubten vor dem Duell, dass sie bedeutend besser abschneiden würde
als ihr Herausforderer.
Ist es den Kontrahenten überhaupt
gelungen, alternative Politikansätze und Lösungen deutlich zu machen?
Es wurden schon einige Alternativen
herausdestilliert, beispielsweise in der Atom- oder auch in der
Steuerpolitik. Trotzdem dürfte Steinmeier im Innersten seines Herzens froh
sein, wenn er stellvertretender Regierungschef unter Angela Merkel bleiben
kann. Manchmal hatte man den Eindruck, als ginge es schon um
Koalitionsverhandlungen zur Fortsetzung der Großen Koalition.
Glauben Sie, dass das Duell
tatsächlich einen Einfluss auf die Wahlentscheidung am 27. September haben
wird?
Insoweit, als doch zumindest die
Kampfesbereitschaft von potenziellen SPD-Anhängern gestärkt wurde.
Steinmeier hat ja bisher in allen Talkshows einen eher müden und
bürokratischen Eindruck gemacht. Andererseits zeigt die Forschung auch, dass
sich die meisten Fernsehzuschauer in ihren Grundüberzeugungen eher bestärkt
fühlen und nicht umgestimmt werden. Aber es ist ja doch noch etwa ein
Drittel der Wähler nicht entschieden. Um die geht es im Wesentlichen.
Insofern hat das Duell schon eine große Bedeutung.
Wie werden die Parteien jetzt
versuchen, diese Unentschlossenen zu mobilisieren und an die Wahlurne zu
treiben?
Ich bin überzeugt, dass Merkel auf den
letzten Metern ihren bisherigen Wahlkampfstil nicht ändern wird. Natürlich
geht sie ein Risiko ein, weil sie zu wenig klarmacht, wofür die
Unionsparteien inhaltlich stehen. Sie baut auf ihre ungeheuren
Persönlichkeitswerte. Andererseits steckt auch Steinmeier in einem Dilemma,
denn er führt vor allem einen Anti-FDP-Wahlkampf mit dem Hinweis auf die
Gefahr einer bevorstehenden schwarz-gelben Koalition. Das muss irritierend
wirken, ist doch für ihn eine Ampel-Koalition eben mit der FDP und den
Grünen die einzige Machtperspektive. Das nimmt seinen Argumenten die
Glaubwürdigkeit. Oder denkt seine SPD insgeheim auch auf Bundesebene an
Rot-Rot-Grün?
Sehen Sie irgend ein Thema, das in
den verbleibenden Wochen eine Rolle spielen könnte – Afghanistan zum
Beispiel?
Wahrscheinlich wird jetzt kein
spezielles Thema den Wahlkampf dominieren. Das versucht Herr Steinmeier mit
dem Atomausstieg und Afghanistan: Ob das aber als entsprechende
Entscheidungshilfe ausreicht, ist fraglich. Wenn ich mir die Umfragen zum
Fernsehduell ansehe, hat zwar Steinmeier besser abgeschnitten als erwartet,
aber in der entscheidenden Kompetenzfrage liegt Merkel mit 51 zu 31
Prozentpunkten deutlich vor Steinmeier. Das wird die Union fortan betonen.
Das heißt, die CDU wird weiter auf
den Kanzlerbonus setzen?
Ja, getreu dem alten Motto aus Adenauers
Zeiten „Auf den Kanzler kommt es an“ – in diesem Fall „Auf die Kanzlerin
kommt es an“.
Frau Merkel hat sich im Duell klar
für eine schwarz-gelbe Koalition ausgesprochen: Glauben Sie, dass das ihre
Anhänger mobilisiert und/oder verschreckend wirken kann auf das andere
Lager?
Beides. Herr Steinmeier hat versucht,
darauf hinzuweisen, dass mit der FDP soziale Kälte in die Regierung
einziehen würde. Insofern hat dieses Fernsehduell schon einen
mobilisierenden Charakter für potenzielle SPD-Wähler.
Wenn Sie dieses Duell vergleichen mit
dem von 2005 und 2002, wo liegt Ihrer Meinung nach der große Unterschied?
Der große Unterschied liegt darin, dass
diesmal zwei Regierungsangehörige gegeneinander kämpften, während bei den
Duellen vorher jeweils ein Oppositionsvertreter der Herausforderer war.
Beide konnten ja die jetzige Koalition nicht schlechtreden. Das ist – von
charakterlichen Unterschieden zu Stoiber und Schröder ganz abgesehen – der
Hauptunterschied.
Ist so ein Duell eine Art Sternstunde
der Demokratie? Ist es für die Wahlentscheidung der Bürger künftig
unverzichtbar?
Das Problem dieses Duells ist, dass nur
die beiden Hauptkandidaten der großen Parteien daran teilnahmen. Vielleicht
werden durch ein solches Duell gerade die kleineren Parteien gestärkt.
Außerdem wird jetzt die Endphase des Wahlkampfes eingeläutet. Und für das
Drittel der Wähler, das zur Wahl gehen will, aber noch unentschieden ist,
war dieses Kanzlerduell sicherlich eine Art Weckruf, zur Wahl zu gehen und
eine bestimmte Partei zu wählen. Insofern leistet dieses TV-Format schon
einen Beitrag zur demokratischen Kultur.
Wie gehen Parteizentralen in den
letzten Tagen vor der Wahl noch vor? Wie wird versucht, jetzt noch Meinung
zu machen?
Unmittelbar nach dem Duell gingen schon
die ersten vorbereiteten Pressemitteilungen der Parteizentralen heraus, die
jeweils ihren eigenen Kanzlerkandidaten als den Überzeugenderen
interpretieren. Die Wahlkämpfe sind alle schon so festgelegt, dass kaum noch
mit viel Spontaneität in den letzten beiden Wochen zu rechnen ist.
Ihr Tipp: Wie geht das Rennen um das
Kanzleramt aus?
Ich bin überzeugt, dass Merkel Kanzlerin
bleibt, doch in welcher Konstellation? Zwar zeigen einige Meinungsumfragen
nach wie vor eine Mehrheit für Schwarz-Gelb, ich halte aber eine Fortsetzung
der Großen Koalition nicht für unmöglich, da die SPD erfahrungsgemäß immer
noch in den letzten Tagen vor der Wahl aufholt. Merkels Wahlkampfstil soll
ja gerade eine „Polarisierungsfalle“ vermeiden, weil sie hoffen dürfte,
durch ihren ziemlich sanften Wahlkampfstil die Mobilisierung des
SPD-Wählerpotenzials zu behindern. Andererseits können bei dieser Wahl
ungewöhnlich viele Überhangmandate entstehen, wenn sich der bisherige Trend
abzeichnet, dass ein großer Abstand zwischen der erstplatzierten Union und
der SPD als zweitstärkster Partei zu verzeichnen sein wird. Auch die
sogenannten Reststimmen derjenigen Parteien, die die Fünf-Prozent-Hürde
nicht überwinden, kommen der stärksten Partei zugute. Insofern wäre sogar
ein Ergebnis deutlich unter fünfzig Prozent für eine Koalitionsbildung
denkbar. Übrigens sollte nicht vergessen werden, dass im gegenwärtigen
Bundestag eine linke Mehrheit aus Linkspartei, SPD und den Grünen besteht,
die wegen der Weigerung Münteferings, mit den Lafontaine-Linken
zusammenzuarbeiten, nicht zu einer Mehrheitsbildung führte. |