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aus: Tagesanzeiger, 5. August 2011

 

Da würde er seinen Ton wahrscheinlich mässigen

 
Interview: Norbert Raabe

Rot-Grün in Deutschland? Laut einer Umfrage wäre die CDU-FDP-Regierung heute ohne Chance – und der wortgewaltige Peer Steinbrück ein aussichtsreicher Kanzlerkandidat. Politologe Gerd Langguth analysiert die aktuelle Lage.

Herr Langguth, ein rot-grünes Regierungsbündnis in Deutschland käme laut der neuen ARD-Umfrage auf eine Mehrheit von 51 Prozent. Schliessen Sie als Politologe daraus, dass Angela Merkels Kanzlerschaft schon gefährdet ist?
Die Regierung ist zwar in Bedrängnis, aber nach ungefähr der Hälfte der Legislaturperiode ist noch nichts in Stein gemeisselt. Und vor allem sollte man Angela Merkel als Wahlkämpferin nicht unterschätzen.

Ihre Zustimmungsquote liegt laut der Umfrage nur noch bei 45 Prozent, vier Prozent weniger als im Juli …
Ja, aber gemessen daran, dass die Kanzlerin immerzu im Zentrum aller Kontroversen steht, ist das gar kein so schlechter Wert. Auch Helmut Kohl hatte seinerzeit zeitweise weniger Zustimmung als seine Partei und ist doch Kanzler geblieben.

Also ist das Rennen trotz der Verluste für CDU und FDP in Ihren Augen völlig offen?
Das ist es. Und wenn ein rot-grünes Bündnis nun statt 51 nur 47 Prozent hätte, dann wäre eine schwarz-grüne Regierung das Gebot der Stunde.

Wäre das wirklich eine realistische Variante? In der Regierung und beim Wahlvolk?
Ja, bei beiden. Es gibt beim Publikum und auch in der Koalition einen Trend hin zu den Grünen. Bei der Basis der Parteien würde das freilich auch auf Kritik stossen. Und die CDU würde eine solche Koalition wahrscheinlich fast zerreissen.

Laut der Umfrage ist Peer Steinbrück in den Augen einer Mehrheit der Bevölkerung nicht nur beliebt, sondern hätte auch das nötige Format für das Kanzleramt. Ist er der eigenen Partei nicht zu umstritten, wie er das schon selbst angedeutet hatte?
Er ist ja noch kein Kandidat, sondern er hat sich selbst ins Rennen gebracht. Die Linke in der Partei schäumt darüber vor Wut. Doch auf der anderen Seite: In der SPD gibt es auch viele Pragmatiker, die genau auf die Umfragewerte schauen. Und für Frau Merkel wäre er sicher der gefährlichste Gegner, sehr viel mehr als der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel.

Also könnte der nächste Kanzler durchaus Steinbrück heissen?
Durchaus. Man darf bei solchen Umfragewerte allerdings nicht vergessen, dass die Deutschen in erster Linie immer für eine Partei stimmen und erst dann für eine Person. Also sollte man die Kandidaten-Fragen auch nicht überbewerten.

In der Schweiz hat sich der ehemalige Finanzminister mit saloppen Äusserungen, etwa von der «Kavallerie», allerdings nicht sehr beliebt gemacht.
Die neue Umfrage zeigt ja auch, dass eine Mehrheit der Deutschen meint, Steinbrück nehme kein Blatt vor den Mund. Gerade wegen seines lockeren Mundwerks ist er bei manchen Wählerinnen und Wählern beliebt. Und die Schweizer Stimmbürger stehen bei der kommenden Bundestagswahl in Deutschland ja nicht zur Verfügung (lacht.)

Wäre ein Bundeskanzler Steinbrück denn eine Belastung für die Beziehungen zur Schweiz?
Nein, das glaube ich nicht. Als Regierungschef wäre er in einer anderen Rolle und noch stärker in die Verantwortung eingebunden. Da würde er seinen Ton wahrscheinlich schon noch mässigen.