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Tagesanzeiger.ch, Zürich, 24. April 2010

 

«Guttenberg könnte sogar Kanzler werden»

Die Umfragewerte von Herrn zu Guttenberg sind trotz dem Plagiats-Skandal besser denn je. Warum?
Herrn Guttenberg ist es gelungen, einen Schulterschluss mit einer ihm zujubelnden Menge zu üben. Das Volk sieht Herrn Guttenberg von Medien und Opposition in die Ecke gedrängt und die kleinen Leute solidarisieren sich mit ihm gegen die als arrogant empfundenen Medien.

Es heisst, dies sei ein Akademikerstreit – verstehen diese kleinen Leute vielleicht gar nicht, worum es geht?
Es ist natürlich mehr als ein Akademikerstreit. Wenn eine Doktorarbeit so abgeliefert wird, ist das mehr als nur eine Schummelei, sondern ein Täuschungsversuch. Da aber die Mehrheit der Deutschen selber nie an einer Doktorarbeit gearbeitet haben, wissen sie auch nicht, welche Kriterien da gelten.

Guttenberg schreibt sich Werte wie Vertrauen und Glaubhaftigkeit auf die Fahne – und hat nun genau in diesem Punkt enttäuscht. Warum reagiert das Volk denn nun so paradox?
Der Verteidigungsminister gilt als unabhängig, weil er aus einer Familie mit genügend finanziellem Polster stammt und also eigentlich auf die Politik nicht angewiesen ist. Viele empfinden nun, dass die Reaktion der Medien in keinem Verhältnis zu seinem Vergehen steht. Hier werde, so die weitverbreitete Meinung, eine Treibjagd auf jemanden vorgenommen, der als sehr kompetent wahrgenommen wird, der auch seinen Job gut gemacht hat.

Dann könnte man das auch als Mitleideffekt bezeichnen?
Nein, nicht Mitleid, sondern Solidarisierung. Die Bevölkerung glaubt, dass Herr zu Guttenberg zu Unrecht angegriffen wird.

Aber er wird ja nicht zu Unrecht angegriffen – versteht das Volk vielleicht also doch nicht, um was es geht?
Sie sehen ja auch an Referenden in der Schweizer Politik, dass das Volk auch irren kann.

Also hat er gar keinen Schaden davongetragen?
Doch, ich denke, dass er einen gewissen Schaden davongetragen hat. Aber um es für ihn positiv zu wenden: Jeder Politiker braucht Schrammen, erst das macht ihn zu einem richtigen Politiker. Und jetzt hat er erlebt, dass er sich mit der Normalität der Politik auseinandersetzen muss. Alleine die Tatsache, dass er auf die Unterstützung von Frau Merkel angewiesen ist, ist für ihn eine neue Erfahrung. Das führt für ihn zu einer neuen Bodenhaftung und vielleicht auch dazu, dass er sein Ziel der Kanzlerkandidatur eher erreicht.

Was müsste passieren, dass er durch die Affäre doch noch ins Straucheln kommt? Wenn sich zum Beispiel bewahrheiten würde, dass ein Ghostwriter beteiligt war?
Das glaube ich nicht. Nach dem Spruch der Universität Bayreuth ist das Thema abgeschlossen.

Sie glauben also, dass er trotz dieser Affäre später mal Kanzler werden könnte?
Ja. Viele wollen ihm die Fehler seiner Dissertation verzeihen. Ich zweifle allerdings daran, dass die sehr guten Umfragewerte weiterhin so hoch bleiben werden. Er wird zwar beliebt bleiben, aber wenn die Diskussion um den Doktortitel nachlässt, dann wird auch der Solidarisierungseffekt verpuffen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)