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Süddeutsche Zeitung, 1. Februar 2010

 

Denkmalpflege zum achtzigsten Geburtstag

Helmut Kohl hat stets viel von sich gehalten - Heribert Schwan und Rolf Steininger geben ihm recht

 

Gerd Langguth

 

Wer die Kohl-Biografie des Publizisten Heribert Schwan und des Historikers Rolf Steininger über Helmut Kohl liest, kann sich die Lektüre der Memoiren des Altkanzlers ersparen, denn was der Leser von dem Autorenduo präsentiert bekommt, ist Kohls Sicht auf sein eigenes Leben. Schwan und Steininger agieren ganz im Stile von politischen Denkmalpflegern, einen kritischen Zugang zu ihrem Sujet haben sie sich selbst verschüttet. Herausgekommen ist dabei ein detailreiches Werk, das den „Virtuosen der Macht“ gründlich beschreibt und den Entscheidungsprozess zur deutschen Einheit ausleuchtet. Dass die Verdienste Kohls für die Deutsche Einheit wieder stärker ins Bewusstsein rücken, dafür steht dieses Buch.

Nach Ansicht der Autoren gehöre Kohl zu den meistunterschätzten Politikern der Bonner Republik. Er habe die deutsche Einheit „nicht bewirkt, aber mit Fortune, Klugheit, Sturheit und Geschick mit Zustimmung aller Nachbarn erreicht“. Beide Urteile sind zutreffend – Kohl wurde bei seinem Aufstieg zur Macht von Freund und Feind unterschätzt, die Deutsche Einheit wurde durch Kohls „Männerfreundschaft“ beschleunigt, die er Bush, Gorbatschow, Mitterand und anderen entgegenbrachte. 

Die Autoren weisen darauf hin, dass es zwar ein Dutzend Biografien zu Kohl gebe, meinen aber: „wohl keiner liegt ein solch umfangreiches Datenmaterial zugrunde.“ So versuchen sie im Vorwort, die Neugier des Lesers mit der Versprechung einer Reihe „neuer“ Erkenntnisse zu locken, die sich bei näherer Beobachtung jedoch weitgehend verflüchtigen. Dem Leser ergeht es deshalb wie jenem Restaurantbesucher, dem beim Lesen der Speisekarte das Wasser im Munde zusammenläuft, den aber beim Anblick der Speisen der Frust packt, weil das Gericht nicht einlöst, was die Menükarte versprach. Eines der stolz proklamierten Rechercheergebnisse führt zu einem Bratkartoffel- und Spiegeleiessen, das Kohl und Reagan in Bonn abhielten. Diese Speisewahl war bisher öffentlich in der Tat nicht bekannt.

Weise Voraussicht

Dass der französische Staatspräsident Francois Mitterand Bauchschmerzen mit der Deutschen Einheit hatte, wurde schon anderweitig erforscht, wird hier aber noch einmal dramatisch angeschärft geschildert. Wie es sich mit der geheimnisvollen Einsicht der Autoren verhält, dass der gedankliche Ursprung des Kohl’schen Zehn-Punkte-Planes zur Herstellung der deutschen Einheit in Moskau gelegen haben soll, hatte Kohls außenpolitischer Berater Horst Teltschik schon 1991 in seinem grundlegenden Quellenwerk „329 Tage“ publiziert, wurde auch durch andere (etwa von Werner Weidenfeld, 1998) dargelegt. Unklar bleibt, warum Kohl seinen Außenminister Genscher nicht vorab von diesem Schlüsseldokument informierte. Vieles im Verhältnis Kohls zu seinem Außenminister bleibt im Dunkeln, auch bezüglich des Rücktritts Genschers am 27. April 1992.

Ärgerlich ist, dass die Autoren trotz ihres allgemeinen Hinweises auf Aktenstudium in ausländischen Archiven meist ihre Quellen nicht benennen. Als besonders wichtig werden Kohls eigene Memoirenbände und ein 16-Stunden-Interview angegeben, das Schwan und Steininger mit dem Altkanzler vor seinem schweren Unfall 2008 führten. Schon die Verarbeitung dieses sehr umfänglichen Interviews ohne Quellenhinweis lässt vermuten, dass in weiten Teilen Kohls Sicht der Dinge wiedergegeben wird.

Sein Wirken wird manchmal fast hymnisch gepriesen. Die Gründe für Kohls Wahlniederlage 1998, als die Union erstmals in den Dreißig-Prozent-Bereich abrutschte, deuten die Autoren bestenfalls an. Die Verankerung der Unionsparteien in der bundesdeutschen Gesellschaft wird in diesen Tagen intensiv diskutiert. Doch dieser Biographie ist dazu kaum etwas Kritisches zu entnehmen. Es wird zwar beschrieben, dass es Kohl mit seinem hochentwickelten Machtinstinkt verstanden hatte, Menschen an sich zu binden, aber über die Mitverantwortung Kohls für den CDU-Niedergang finden die Autoren keine richtigen Worte. Kohl, der immer wieder die Verbonzung seiner Partei beklagt hatte, lenkte damit – was die Autoren nicht erkennen wollen – von sich selber ab. Stattdessen wird er ehrfürchtig geschildert (man meint, Kohl dabei selber zu hören:): „Seine Warnungen und Mahnungen im Hinblick auf Wahlerfolge der Unionsparteien, auf Zustimmung für die Regierungskoalition sind Legende. Wurde der Kanzler damals oft belächelt, neigen heute viele Parlamentarier dazu, dem Kanzler recht zu geben, ihm im Nachhinein weise Voraussicht zu bescheinigen.“

Der Übervorsitzende

Allein durch die Tatsache, dass Kohl nicht rechtzeitig einen Stabwechsel zu einem jüngeren Politiker – etwa zu Wolfgang Schäuble – organisierte, hat der Kanzler gegenüber der CDU Schuld auf sich geladen. Die Autoren verkünden jedoch die Botschaft, Kohl habe fast aus so etwas wie Pflichtbewusstsein als Kanzler weitergemacht und es deshalb nochmal wissen wollen. Sie wissen zu berichten, innerhalb des Koalitionspartners FDP habe es starke Reserven gegen den ewigen Kronprinzen Schäuble gegeben.

Wirkliches Licht wird in diesem Buch an vielen Stellen nicht ins Dunkle gebracht, häufig bleibt es bei schemenhaften Andeutungen, etwa auch bezüglich der von Kohl stammenden Information, seine Wiederwahl im Bundestag habe er 1994 zwei SPD-Abgeordneten zu verdanken, deren Namen Kohl nicht preisgeben wolle. Zudem wird behauptet, Kohl habe als CDU-Ehrenvorsitzender, nachdem er den Parteivorsitz an Wolfgang Schäuble abgeben musste, selten an den Leitungsgremien seiner Partei teilgenommen. Das mag zwar Kohl den Autoren gesagt haben, die Protokolle der Präsidiums- und Vorstandssitzungen ergeben jedoch ein anderes Bild: Kohl war oft anwesend. Als Ehrenvorsitzender hatte er Sitz und Stimme in Präsidium und Vorstand. Auf seinen Nachfolger Schäuble wirkte er im wahrsten Sinne des Wortes erdrückend. Kohl verstand den Ehrenvorsitz im Sinne eines Übervorsitzes, und so verhielt er sich auch.

Kohl, der mit zunehmender Amtszeit immer mehr in die internationale Politik entrückte, wird bescheinigt, er „scheute vor Meinungsführerschaft in grundsätzlichen Fragen der Innen- und Außenpolitik nicht zurück.“ Wo er in den gravierenden innenpolitischen Fragen der Sozial- oder Wirtschaftspolitik diese Meinungsführerschaft wirklich wahrgenommen hat, bleibt dem Leser aber vorenthalten. Wahr ist, dass Kohl die komplizierten Fragen der Innenpolitik in sehr vielen Fällen seinem Kanzleramtsminister überließ – dies aber nicht, weil er seine Minister an der langen Leine halten wollte, sondern weil er die politischen Details nicht sehr liebte.

Wirklich neue Erkenntnisse kann die Biographie nicht bieten. Jedenfalls muss das Kohl-Bild nicht revidiert werden. Auch zum Spendenskandal tragen die Autoren nichts wirklich Neues bei. Unter den Publikationen aus Anlass seines 80. Geburtstages am 3. April wird der Altkanzler dieses Buch sicher als ein Geschenk empfinden.

Heribert Schwan, Rolf Steininger, Helmut Kohl. Virtuose der Macht, Artemis & Winkler, Mannheim 2010, 333 Seiten.