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aus: Süddeutsche Zeitung, 20. September 2010

Buchbesprechung

 

Offene Wunden

Leiden an Helmut Kohl: Lothar de Maizières Erinnerungen

von Gerd Langguth

Der große Kohl und der kleine de Maizière: Es gibt kein Verhältnis zwischen zwei Personen, bei der man vom Äußeren so sehr auf die innere Beziehung schließen kann: Der Langzeit-Kanzler und der Kurzzeit-Ministerpräsident sind die deutschen Zentralfiguren der Einheit, wobei die politischen Größenverhältnisse stets klar waren.

Kohl erweckte mit Erfolg den Eindruck, es wäre der Triumph der CDU bei den einzigen freien Wahlen in der DDR im März 1990 sein Verdienst. Und der frustrierte Ministerpräsident musste feststellen, dass das schnelle Einheitsdatum seine Regentschaft arg verkürzte. Bald hatte er nur noch eine Statistenrolle:  als Minister ohne Geschäftsbereich und als einflussloser Stellvertreter Kohls in der Partei. Der sensible Bratschenspieler gab dann entnervt auf. Vorwürfe wegen „IM Czerni“, die er in seinem Buch zu widerlegen sich bemüht, hatten ihn ereilt.

Insgesamt war de Maizière war ein Glücksfall für die untergehende DDR. Als einer der wenigen Juristen in der DDR-Politik des Übergangs versuchte er nicht ohne Geschick, möglichst viel für die DDR herauszuholen. Doch brach die DDR immer mehr und zunehmend schnell in sich zusammen. De Maizière wollte sie immerhin in Würde untergehen lassen: Die Deutsche Einheit sei „nicht in Bonn geregelt worden“. Die DDR habe Geschichte geschrieben, nicht nur 1989, sondern auch 1990 als  „entstehenden Demokratie“. Mit letzterem meinte de Maizière auch seine eigene Rolle. Doch zunehmend musste er erkennen, dass Helmut Kohl die große Nummer schob.

Das Buch ist zwar kein Generalangriff auf den Einheitskanzler, zeugt aber von den tiefen Verwundungen, die Kohl dem zartbesaiteten de Maizière zufügte. Kohl habe nach den Wahlen im März 1990 die DDR „als sein Operationsgebiet“ betrachtet. Seine „Wunschvorstellung“ sei es gewesen, dass die DDR-Bürger ihn persönlich gewählt hätten und de Maizière nur eine „Marionette“ gewesen sei. Angesichts der zahlreichen „Reibereien“ der beiden Regierungen in Deutschland sei diese Sicht aber „schlicht falsch“.

Mit der Europäischen Kommission traf Kohl Absprachen, die de Maizière eine schlaflose Nacht beschert haben dürften: „Auch im Nachhinein bin ich immer noch empört darüber, dass er sich anmaßte, für uns – die DDR – zu sprechen, und – schlimmer noch – mich nicht einmal über diese Tatsache zu unterrichten.“ Bei einem internationalen Treffen in Dublin habe Kohl ihn behandelt   „wie ein Lehrer, der seinen Musterschüler vorzeigt.“ Nicht das Treffen am Kaukasus zwischen Kohl und Gorbatschow sei für die Deutsche Einheit „entscheidend“ gewesen, sondern ein vorheriges Treffen zwischen Bush und Gorbatschow. Mit diesen Worten relativiert der Ex-Ministerpräsident, dass der eigentliche Durchbruch der Verhandlungen tatsächlich erst am Kaukasus stattfand.

Über Angela Merkel, die bei ihm stellvertretende Regierungssprecherin war, weiß de Maizière wenig Erhellendes zu berichten. Über den „Weißenseer Arbeitskreis“, eine Bruderschaft von evangelischen Pfarrern, in der Merkels Vater Horst Kasner, den de Maizière nicht erwähnt,  leitend mitwirkte, bemerkt er lediglich, dass einige „die SED noch links überholen wollten“. Er behauptet: „Die Vorstellungen von einem veränderten Sozialismus lagen mir eher fern“. Doch als er Vorsitzender der Ost-CDU wurde, sprach er zunächst noch von einem „grundlegend erneuerten, demokratischen Sozialismus“.

De Maiziere wollte die DDR in Würde untergehen lassen.

Neue Fakten, wie der Verlag behauptet, werden nicht geliefert. De Maizière hat aber ein gut lesbares Erinnerungsbuch verfasst – übrigens auch für seinen Rechtsanwaltskollegen und „Freund“ Gregor Gysi, der nach dem Volkskammer-Beschlusses zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik „heiße Tränen“ geweint habe: Gysi meinte damals, für de Maizière sei diese Entscheidung sicher leichter, da er die Teilung Deutschlands noch als Prozess erlebt habe und diese auch durch seine Familie hindurch gegangen sei. Er, Gysi, habe bisher kein anderes Land gehabt als die DDR.

 

Lothar de Maizière: "Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen". Meine Geschichte der deutschen Einheit. Herder Verlag, Freiburg 2010. 320 Seiten, 19,95 Euro.