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Süddeutsche Zeitung, 5. Dezember 2011

 

Baron Potemkin

Karl-Theodor zu Guttenberg will in Deutschland Politik machen. Mit seinem Gesprächsband empfiehlt er sich nicht

 

Von Gerd Langguth

 

Während Europa von der Eurokrise geschüttelt wird, und Angela Merkel um die Rettung des Euro kämpft, meldet sich der verlorene Sohn der CSU, Karl-Theodor zu Guttenberg, aus dem kanadischen Halifax zu Wort. Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erscheint ein Interview-Buch, mit dem „KT“ versucht, sich durch ein politisches Facelifting auf der politischen Bühne zurückzumelden. In einer Mischung von selbstgerechter Aufgeblasenheit und wohlinszenierter Show buhlt der Baron um das Interesse der Öffentlichkeit. Mehrere Talkshows signalisieren, dass ihm das gelungen ist.

Der Mann hat Durchblick: So erzählt er der staunenden Öffentlichkeit, dass es einer indischen Augenärztin bedarf, um ihm klar zu machen, dass er keine Brille braucht, wobei sich der Verdacht erhärtet, dass diese immer nur ein Designelement  zum Vorzutäuschen von Intellektualität war. Denn welcher Mensch würde es beim morgendlichen Aufstehen nicht bemerken, dass er keiner Brille bedarf? Guttenberg verdankt diese Einsicht der mystischen Heilkunst einer asiatischen Ärztin. Darunter macht es KT nicht. Die Frage stellt sich, ob er uns in der Vergangenheit mit Fensterglas gegenübertrat, er die Brille also quasi plagiiert hat.

Die Rückkehr auf das Feld der Politik begründet Guttenberg nun philosophisch. Darunter tut er‘s nicht. Immerhin ließ er uns schon früher wissen, dass er zur Entspannung Platon im griechischen Urtext lese. Dabei fällt dem Rezensenten ein, dass für Aristoteles auch ein fröhliches Hausschwein oder ein verhätschelter Schoßhund ein „zoon politikon“, ein geselliges Wesen sein kann. Guttenberg pflegt den Rückgriff auf die Bildungssprache des Altertums. Der Leser soll beeindruckt sein. Nun kann man einwenden, dass es sich hier lediglich um Äußerlichkeiten handele. Stimmt.

Kommen wir also zu den wesentlichen Fragestellungen: der hemmungslos gefälschten Doktorarbeit. Hier verwendet Guttenberg einen Kniff, der häufig gut funktioniert. Simpel gesprochen ist es das Motiv „Haltet den Dieb!“ oder bei Guttenberg: Der Täter ist eigentlich das Opfer. Im ersten Teil des Buches streut er gleich sackweise Asche auf sein Haupt und bezichtigt sich der Schusseligkeit, wobei er schöne Gedanken zusammen gesammelt habe – gleich auf mehreren Computern und Datenträgern –,so dass er am Ende gar nicht mehr wusste, welche der Gedankenblitze von welchen wirklichen Geistesgrößen kommt und nicht von ihm.

Und nun kommt die Verwandlung zum Opfer. Die Universität Bayreuth, die mit „summa cum laude“ auf seine zusammengeklaubte Arbeit hereingefallen war, sie hätte über die Einsprüche der Plagiierten gar nicht frei entscheiden können. Auch die Presse habe ihn falsch behandelt und die Bundesbildungsministerin Annette Schavan habe sich doch tatsächlich für ihn, dem nach seinen tiefen Selbstverständnis Undschuldigen, gar geschämt.

Nun, was soll die ganze Übung? Guttenberg will zurück in die deutsche Politik. Er, der am Broadway im Lichterglanz der Neuen Welt die Arme hochriss, er, der im hessischen Kelkheim mit seiner Adaption der Sarrazin-Thesen den bis dahin gut verschlossenen rechten Geist aus der Flasche holte, er, dem in bayerischen Bierzelten die Menge zujubelte – er will, dass ihm auf der politischen Bühne wieder ein Platz eingeräumt wird. Um es mit seinen Worten zu sagen:  „Vorerst“ in der CSU, hilfsweise in einer neuen Partei als Lichtgestalt. Die Altmännerriege um den Möchtegern-Parteigründer Hans-Olaf Henkel hat aber  wegen des Plagiierens schon abgewunken. Guttenberg wird vermutlich wieder in seinem Kulmbacher Wahlkreis als Direktkandidat aufgestellt. Dort wird er verehrt wie sonst nur Benedikt XVI. in seinem Heimatdorf. Natürlich wäre die Hinterbank im Bundestag eine Strafe für ihn, aber so ein Mandat kann die Basis für einen neuen Aufstieg sein. Mit den Seehofers und Söders würde er schon fertig. Davon ist er überzeugt. Sein beachtliches Showtalent, der Glamour von Adel und Reichtum und der Wunsch nach einem Politgladiator lassen immer noch viele Menschen fröhlich erschaudern, wenn sie an den fränkischen Freiherrn denken. Dabei stört es die fränkische Bäckereiverkäuferin wie auch alle seine übrigen Anhänger nicht, dass im Vergleich zu seiner politischen Arbeit ein Potemkinsches Dorf eine architektonisch solide Siedlung wäre.  

Nachdenklich muss schließlich die Tatsache stimmen, dass sich eine renommierte Wochenschrift wie „Die Zeit“ in den tiefen Staub des Boulevards gesenkt hat, um als Plattform für eine Rückkehr des „distinguished“ Plagiators herzuhalten. Dass dabei der Chefredakteur persönlich ein selbstbeweihräucherndes Endlos-Interview wie ein Kaugummi in die Länge zieht und durch Umfang wie Präsentation den Eindruck erweckt, es liege hier ein seriöses politisches Buch vor, ist schon eine Angelegenheit für sich. Unter ökonomischen Aspekten mag das vertretbar sein, nicht aber unter journalistischen.