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Stuttgarter Zeitung,2. März 2011 „Ihm werden die Herzen der Leute zufliegen“ Interview Der Parteienforscher Gerd Langguth erwartet, dass Guttenbergs Sympathiewerte nach seinem Rücktritt noch steigen werden.
H err Langguth, die Union hat ihren Hoffnungsträgerverloren. Was bedeutet das für die Union alsVolkspartei?
Die Union hat unter dem Strich mehr farbige Persön- lichkeiten als die SPD.Trotzdem fehlt nun ein wichti- ger Tupfer in dem unionsspezifischen Farbenspek- trum. Guttenberg hatte ungeheuer hohe Populari- tätswerte, wovon die gesamte Partei profitiert hat. Aber ich bin sicher, dass er spätestens nach den nächsten Bundestagswahlen wieder antreten wird. Reicht dies als Karenzzeit? Er ist in der CSU extrem gut verankert. Die Partei ist nach wie vor stolz auf ihn. Ich gehe davon aus, dass er auch nach seinem Rücktritt präsent bleiben wird, dafür werden nicht zuletzt die Medien sorgen. Ihm ist schon vieles von der Bevölkerung verziehen wor- den, sonst wäre nicht erklärbar, dass seine Umfrage- werte nach den Angriffen auf ihn noch stiegen.
Wird es nun schwerer werden, einen Wahlkampf auf politische Werte abzustellen? Eher leichter. Die Glaubwürdigkeit wird durch den Rücktritt erhöht. Die Kanzlerin wurde wegen ihres doppelten Maßstabs – hier der Verteidigungsminis- ter, dort der Wissenschaftler – ja zu recht kritisiert.
Ist Merkel nun beschädigt? Die Entlassung Guttenbergs wird Merkel natürlich negativ angerechnet. Andererseits hat sie jetzt im Kabinett einen potenziellen Konkurrenten weniger. Sie konnte Guttenberg nicht so ohne weiteres entlas- sen. Er stammt aus der CSU, und es gilt das uneinge- schränkte Recht, dass eine Koalitionspartei selbst über ihr politisches Personal entscheidet. Sie musste deshalb auf CSU-Parteichef Horst Seehofer Rücksicht nehmen – ganz abgesehen von dem enor- men Beliebtheitsgrad desVerteidigungsministers. Welche Folgen hat der Rücktritt für die kommenden Wahlen, insbesondere die im Südwesten? Das hängt sehr von Guttenberg selbst ab. Ich würde nicht ausschließen, dass er trotz seiner Absage im baden-württembergischen Wahlkampf doch noch aktiv wird. Da würden ihm vermutlich die Herzen der Leute zufliegen. Insofern wird er aus dem Rück- tritt gestärkt hervorgehen – ihm wird nicht weniger, sondern mehr Sympathie zuteil werden.
Ist das nicht widersinnig? Das mag Ihnen und mir unverständlich erscheinen. Denn er hat sich ja eindeutig des Betrugs schuldig gemacht. Und sein Charisma beruhte ja elementar auf Glaubwürdigkeit. Aber Guttenberg repräsen- tiert eben einen neuen Politikertypus, der in der Öffentlichkeit als unabhängig gilt, dem man zutraut, Politik für das Volk und nicht für sich selbst zu ma- chen. Damit hat er sich einen erstaunlichen Kredit in der Bevölkerung erarbeitet. Und der wird ihn auch durch diese Krise tragen. Das Gespräch führte Stefan Kister.
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