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Stuttgarter Nachrichten, 22. Mai 2009
"Er war nie ein Neoliberaler der bösartigen
Sorte"
Gerd Langguth, Politologe
und Verfasser einer Biografie von Horst Köhler, zieht eine Bilanz nach der
ersten Amtszeit des Bundespräsidenten.
Frage: In der Reihe von
Theodor Heuss zu Johannes Rau, welche Bedeutung kommt da Horst Köhler am Abend
seiner ersten Amtszeit zu?
Antwort: Jeder Bundespräsident hat seine ganz eigenen Markierungen gesetzt. Dem
jetzigen Amtsinhaber merkt man deutlich an, dass er anders als seine
intellektuell geprägten Vorgänger Heuss, Heinemann, von Weizsäcker oder auch
Herzog keine bildungsbürgerliche Verankerung hat. Das ist ihm auch sehr bewusst
und es erklärt, warum er im Amt gelegentlich eine gewisse innere Unsicherheit
offenbart hat. Köhler ist aber jemand, der sehr fleißig und redlich sein Amt
versehen hat. Er will Vorbild sein. Er ist ein Patriot.
Köhler ist 2005 als
Fürsprecher einer schwarz-gelben Koalition ins Amt gekommen, im Herbst übernahm
dann aber die Große Koalition die Regierung.
Er kam als Vorbote von Schwarz-Gelb ins Amt und verlor seine politische Stimme
für eine lange Zeit, als es wenige Monate später zur Großen Koalition kam. Es
ist ihm dabei nicht gelungen, sich politisch neu zu erfinden. Es ist schon
erstaunlich, mit welcher Verspätung er erst jetzt, vor wenigen Wochen, in einer
ohne Zweifel beachtlichen „Berliner Rede“ zur Finanzkrise Stellung genommen hat.
Dabei ist er doch ein Präsident, der sich wie kaum ein Deutscher in der
Globalisierung und den Problemen der internationalen Finanzwelt auskennt. Er
hätte die Chance gehabt, für die Deutschen zum großen Erklär-Präsidenten der
Globalisierung zu werden.
Er erklärt auch nicht,
wie er vom Wortführer neoliberaler Reformen zum Kritiker der Finanzmärkte
geworden ist...
Das stimmt. Es muss jedoch betont werden: Er war nie ein Neoliberaler bösartiger
Sorte, sondern immer ein klassischer Anhänger der sozialen Marktwirtschaft.
Ist seine Wandlung vom
Neoliberalen zum Kritiker der internationalen Finanzwelt glaubwürdig?
Ja, ich persönlich nehme sie ihm ab: Bereits als Chef des Internationalen
Währungsfonds (IWF) hat Köhler versucht, Reformen durchzusetzen. Andererseits:
In seiner früheren Funktion als Präsident des Deutschen Sparkassen- und
Giroverbandes hat er die Interessen der deutschen Landesbanken mitvertreten, die
ja jetzt in der Finanzmarktkrise in eine extreme Schieflage gekommen sind.
Köhler, der in Brüssel für eine Privilegierung der Landesbanken kämpfte, weiß
sicherlich um seine eigene Mitverantwortung an dem späten Erkennen mancher
Probleme.
Köhler hat sich von
Anfang an profiliert als Kritiker des etablierten Politikbetriebs. Er wollte ein
„unbequemer Präsident“ sein und hat zweimal Gesetze des Souveräns nicht
unterschrieben. Halten Sie diese Distanz zum politischen Berlin für bedenklich?
Ja, er wollte unbequem sein. Aber Fakt ist doch auch: So richtig hat sich in
der politischen Klasse von Berlin niemand um seine Worte geschert. Interessant
im Übrigen: Wenn er sich „unbequem“ geäußert hat, dann stets in Richtung der
politischen Klasse. Er hat Kritik nie an der Bevölkerung geübt. Dahinter sehe
ich auch das Bedürfnis Köhlers, von den Menschen geliebt zu werden. Er selbst
hatte nie ein politisches Mandat inne, bevor er Bundespräsident wurde. Er hat
sich nie in die praktische Lage eines Politikers hineinversetzen können. Auch
das macht seine Unsicherheit im Verhältnis zur Politik aus. Ob er dem Amt selbst
geschadet hat? Das würde ich nicht sagen. Letztlich hat er einen
Integrationsbeitrag geleistet und die Politik mit dem Bürger versöhnt.
Wie beurteilen Sie den
intellektuellen Gehalt seiner Reden?
Nun ja, mit Goethe und Schiller hat er sich sicher wenig beschäftigt.
Die Fragen stellte Markus
Grabitz
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