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SPIEGEL ONLINE -
28. September 2007, 08:40
CSU-RHETORIKER Bierzeltkönig gegen Manager
Von Gerd Langguth Früher galt die politische Rede als hohes Gut - das hat sich über die Jahrzehnte geändert. Die Gründe: Die großen Debatten sind geschlagen, das Kommunikationsumfeld ist ein anderes, der Politikertypus ein neuer. Seehofer gegen Huber: Die Wahl des CSU-Chefs lässt Alt und Neu aufeinandertreffen. Wenn man den heutigen Politikbetrieb verfolgt, kann man feststellen, dass die Kunst der politischen Rede irgendwo auf der Grenze zwischen Deutscher Einheit und Informationszeitalter verlorengegangen ist. Am kommenden Wochenende kandidiert der anerkannt brillante Redner Horst Seehofer gegen den anerkannt schlechten Redner Erwin Huber um den CSU-Vorsitz. Die CSU ist in einem fast ausweglosen Dilemma, lebt doch die Politik von der Kraft des Wortes wie von der Verlässlichkeit der Führungspersönlichkeiten. Die tausend bayerischen Delegierten haben aber nur die Wahl, jeweils die Hälfte ihrer Wünsche zu realisieren: Entweder sie entscheiden sich für den effizienten Manager Huber oder - was in Bayern das höchste Prädikat ist - für den stimmungsmächtigen Herrn über alle Bierzelte: Horst Seehofer. Der Rang der politischen Rhetorik wird somit auch von diesem bayerischen Treffen mitbestimmt. Welchen Stellenwert hat die Rhetorik im politischen Meinungskampf der Bundesrepublik Deutschland? Früher war der Deutsche Bundestag der Ort der politischen Rede in der deutschen Politik. Doch wo sind die großen Redner der Gegenwart? Ein Politiker hat kein anderes Instrument als seine Rede, weil sie nicht nur der Kommunikation, sondern auch der Meinungsbildung dient - und ihn letztlich dadurch befähigt, Botschaften zu vermitteln, Macht auszuüben. Deshalb ist es schon erstaunlich, wie wenig intensiv sich Politiker auf ihre Reden vorbereiten. Etwa der einstige Bundestagspräsident Philipp Jenninger, der einen ihm vorgelegten, höchst missverständlichen Redetext zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome so vortrug, dass er 1988 darüber stürzte. Und Helmut Kohl, der immerhin 16 Jahre lang die Bundesrepublik regierte und in die Deutsche Einheit führte, war ein so miserabler Redner, dass seine einstigen Redenschreiber geradezu verzweifelten, wenn kluge Texte durch die Vortragsart teilweise völlig verstümmelt wurden. Auch in der jetzigen Bundesregierung gibt es keinen wirklich herausragenden Redner, auch die Kanzlerin kann man nicht dazu zählen, wenngleich Kanzlerinnen-Worte per se immer eine besondere Bedeutung haben. Apropos Merkel: In ihrem Redestil ist sie unter den deutschen Bundeskanzlern noch am ehesten mit Konrad Adenauer zu vergleichen, der einfache, klar verständliche, schnörkellose Sätze vortrug. Während der erste deutsche Bundeskanzler mehr die historischen Linien aufzeigte, sich als Geschichtsdeuter verstand und die politische Sprache benutzte wie prägte, ist Merkels Sprache doch frei von ideologischen Wurzeln und erfrischend nüchtern - sie ist keine Geschichtsdeuterin, sondern eine Globalisierungserklärerin. Ihr Vorgänger Schröder war ein rhetorisch geschliffener Advokat, der je nach Situation sozialdemokratischen Stammwählern seinen Tribut gezollt hat. Merkels einstiger Lehrmeister Helmut Kohl hingegen war Repräsentant des den Intellektuellen misstrauenden Bürgertums, durch seine Tolpatschigkeit in seinen Reden wirkte er aber ehrlich. Bei einem Blick in den gegenwärtigen Deutschen Bundestag fallen allenfalls fünf Persönlichkeiten auf, die als herausragende Redner genannt werden können: Einer von ihnen ist Friedrich Merz, lang gedienter Parlamentarier und ehemaliger CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender, der mit Ende der Legislaturperiode, also spätestens in zwei Jahren, freiwillig aus dem Parlament ausscheidet. Viele in der Unionsfraktion kritisieren Merkel dafür, dass sie den Rhetoriker Merz nicht zu halten vermochte. Er war in den Legislaturperioden davor der einzige, der dem inzwischen aus dem Bundestag ausgeschiedenen Ex-Minister und grünen "Alpha-Tier" Joseph ("Joschka") Fischer rhetorisch mit seinen schneidenden Sätzen das Wasser halten konnte. Aus der Unionsfraktion ist dann noch der scharfzüngige rheinische Abgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach zu nennen, der zu den großen rhetorischen Talenten des "Hohen Hauses" gehört, komplexe Sachverhalte einprägsam übermittelt, wenn auch manchmal mit einem kleinen rheinischen Schuss letzter Unverbindlichkeit. Bei dem Koalitionspartner SPD endet die Suche nach großen Rednern in der derzeitigen Bundestagsfraktion sehr schnell und ergebnislos. Ihr Anführer Peter Struck scheint manchmal eher gelangweilt den Parlamentsbetrieb zu verfolgen. Guido Westerwelle (FDP) hingegen wird seine Formulierungskunst und die Fähigkeit zum Zuspitzen niemand absprechen können. Er ist der De-facto-Oppositionsführer, so etwas wie der geheime Oppositionsführer und findet "den Punkt" in der Debatte. Große rhetorische Talente sucht man bei den derzeitigen Grünen vergebens, einige sind gar Quotenkiller. Einzig die linkeste der Fraktionen kann gleich zwei gute Redner präsentieren, die sich auch in den parlamentsbegleitenden Talkshows (oder begleitet nicht manchmal eher umgekehrt das Parlament die Talkshows?) wacker und häufig genug ziemlich populistisch schlagen: Gregor Gysi und Oskar Lafontaine. Ihre Fähigkeit, die eigene Vergangenheit zu verleugnen und sozialistische Paradieserwartungen rhetorisch zu entfalten, ist unübertroffen. Die im Bundestag gehaltenen Reden sind meist ziemlich langweilig. Oft sind sie abgelesen, obwohl Paragraf 33 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages vorschreibt: "Die Redner sprechen grundsätzlich in freiem Vortrag. Sie können hierbei Aufzeichnungen benutzen." Deshalb gab es früher im Bundestag noch die Formel, dass man "mit Genehmigung des Präsidenten" etwa aus Zeitungsartikeln zitiert. Nur ab und zu kommt in den Debatten wirkliche und nicht nur pflichtgemäße Leidenschaft auf. Der Bundestag ist eher ein "Arbeitsparlament", dessen wesentlichen Aufgaben in den Ausschüssen wahrgenommen werden. Er ist weniger ein Redeparlament. Damit ist aber noch nicht erklärt, warum seine Debatten in der Bevölkerung so wirkungslos geworden sind. Dies hat vor allem drei Gründe:
Jede Zeit hat die Politiker, die ihr entsprechen. Die großen Fragen sind weitgehend geklärt. In der heutigen Politik geht es um das reaktionsschnelle Managen sich rasch verändernder Fragestellungen. Effizienz verdrängt Originalität. Effizienz ist aber selten originell. Eine Probe aufs Exempel, ob es auch anders herum geht, wird der CSU-Parteitag am kommenden Wochenende machen: Da tritt ein Hocheffizienter gegen einen Hochoriginellen an. Mal sehen, wer gewinnt. Manchmal bestätigt ja die Ausnahme die Regel. | |||||||||||||||||||||||||||||