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Spiegel-Online, 21. Juli 2005
Interview mit Merkel-Biograf Langguth
"Sie hat schnell
gemerkt, wo die Mehrheiten sind"
Der Bonner Politikwissenschaftler und
Merkel-Biograf Gerd Langguth erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, warum die
Kanzlerkandidatin der Union als eine der wenigen Ostdeutschen Karriere im
westlichen Politik-Betrieb machen konnte - und warum ein Sonderwahlkampf Ost
sinnlos wäre.
SPIEGEL ONLINE: Herr Langguth,
in der CDU gibt es Stimmen, die von Kanzlerkandidatin Angela Merkel ein
stärkeres Ostprofil fordern. Sie haben eine Merkel-Biografie verfasst: Ist
Merkels Leben überhaupt mit diesem Ost-West-Raster zu begreifen?
Langguth:
Nein. Angela Merkel hat die einmalige Chance, die erste wirklich gesamtdeutsche
Politikerin zu werden. Sie hat die Erfahrungen einer DDR-Bürgerin und das
Denken, das im Westen zuhause ist. Helmut Kohl und Gerhard Schröder haben als
Bundeskanzler den Osten mehr als Objekt ihrer Fürsorge betrachtet, während
Angela Merkel das Zusammenfinden in Deutschland in ihrer eigenen Person
repräsentiert. Im Osten wird sie dann eine besondere Stärke entwickeln können,
wenn sie das "Eine-von-uns-Gefühl" aktivieren kann. Dann nämlich könnte sie die
Hauptquelle der Stimmen der bisherigen PDS stilllegen helfen, die darin besteht,
dass die Deutschen im Osten immer nur als Bittsteller und nicht als Mitgestalter
empfunden werden.
SPIEGEL ONLINE: Wie ostdeutsch ist Angela Merkel?
Langguth:
Was ist heute noch "ostdeutsch"? Viele Ostdeutsche, auch viele Wähler der
bisherigen PDS, haben sich stark verändert. Ich bin aber überzeugt, dass viele
Grundverhaltensmuster von Angela Merkel, vor allem ihr enormer Fleiß, ihr
Ehrgeiz, bereits in DDR-Zeiten ausgeprägt waren. Mit der miefigen alten DDR will
sie aus innerer Überzeugung nicht mehr identifiziert werden. Erstaunlich ist
aber, dass sie so wenig von ihren gesamtdeutschen Lernprozessen berichtet.
SPIEGEL ONLINE: Warum wird sie von vielen als Westpolitikerin
wahrgenommen?
Langguth:
In Westdeutschland sehen viele in ihr noch eine Ostdeutsche. Und in
Ostdeutschland halten sie viele schon für eine Westdeutsche. Das fiel mir immer
wieder bei meinen über 140 Interviews für mein Buch auf. Eigentlich ist sie die
gesamtdeutscheste aller Politiker, die symbolhaft die deutsche Einheit
repräsentieren könnte. Angela Merkel hatte als Pfarrerstochter und aufgrund
ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen immer relativ viel geistigen Kontakt zu
Westdeutschen. Sie hat zwar in Ostdeutschland Karriere gemacht, weil sie in der
renommierten Akademie der Wissenschaften als Physikerin landen konnte, ist aber
nach einer Übergangsphase in der Wendezeit, als sie für den Demokratischen
Aufbruch und später für die letzte DDR-Regierung Pressearbeit machte, als
36-Jährige gleich Bundesministerin geworden. Sie hat also Gesamtdeutschland nur
"von oben" erlebt, weniger in der Betroffenheit eines "normalen" Ex-DDR-Bürgers.
Sie hat sehr schnell die Mechanismen der westdeutsch geprägten Politik
begriffen, danach gehandelt und deshalb ihre erstaunliche Karriere absolviert.
SPIEGEL ONLINE: Hat Sie ihre politische und kulturelle Identität dem
Westen anpassen müssen, um Erfolg zu haben?
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Langguth:
Am Anfang ihrer Ministerzeit hatte sie schon versucht, Sprachrohr der
Ostdeutschen zu sein. Beispielsweise hatte sie in Sachen Paragraf 218 eine
andere Haltung als viele in ihrer Fraktion, als eine gesamtdeutsche Regelung
herbeigeführt werden musste. Für ihr Fortkommen hatte sie aber Gönner, die sie
sehr prägten: Das war zunächst Kohl, den sie anfänglich sogar fast idolhaft
verehrte, und später dann Wolfgang Schäuble, der sie ja dann auch zur
Generalsekretärin machte. Sie hat schnell gemerkt, wo - auch auf Parteitagen der
CDU - die Mehrheiten sind. Anfangs konnte sie übrigens mit vielen Parteifreunden
aus der einstigen Ost-CDU nicht viel anfangen, da sie ja in der Ost-CDU eine
"Blockpartei" gesehen hatte.
SPIEGEL ONLINE: Warum hatten - im Unterschied zu Merkel - nur so wenige
Ostpolitiker Erfolg? Die meisten, die 1990 zusammen mit ihr starteten, sind
inzwischen in der Versenkung verschwunden.
Langguth:
Merkel hat eine schnelle, sehr rationale Auffassungsgabe und hat schneller als
andere gemerkt, wie die Mechanismen der Politik sind. Sie ist anfänglich immer
in ihrem Machtstreben unterschätzt worden, was ihr zugute kam. Sie hat es aber
immer verstanden, für sie glückhafte Situationen auszunutzen. Der Faktor "Glück"
war bei ihr immer sehr hoch, aber sie wusste, diesen zu nutzen.
SPIEGEL ONLINE: Sind Forderungen nach einen speziellen Ostwahlkampf nach
bald 16 Jahren deutscher Einheit nicht deplatziert? Oder ist eine solche
Strategie sinnvoll?
Langguth:
In der heutigen Zeit wird eine Rede von Merkel in Gera oder Rostock genauso in
Gesamtdeutschland wahrgenommen wie in Siegen oder in Stuttgart. Immerhin stellt
die Union in Ostdeutschland viele Ministerpräsidenten, die sich auch einbringen
können und müssen. Nicht spräche aber gegen einen Bereichswahlkampf, dass sie
sich im Osten plakatieren ließe als "Eine von uns". Sie könnte damit den Stolz
der Ostdeutschen ansprechen. Denn andere, politisch wirklich einflussreiche
Ostdeutsche etwa in der SPD, gibt es nicht. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse
hat zwar ein repräsentativ hochrangiges, doch politisch einflussloses Amt,
Verkehrsminister Manfred Stolpe nimmt man kaum noch wahr. Vielleicht wird Merkel
häufiger im Osten auftreten, das Gros der zu gewinnenden Stimmen ist aber in
Westdeutschland, wo etwa vier Fünftel der Bevölkerung leben.
SPIEGEL ONLINE: Warum ist Merkel selbst so unentschlossen - heute sagt
sie, es gebe keinen eigenen Ost-Wahlkampf, gestern noch hielt sie eine solche
Option für sinnvoll?
Langguth:
Weil die Prognosen für die neue Linkspartei in allen politischen Lagern für
Irritationen sorgen. Und eine Methode, wie diese effektiv bekämpft werden kann,
gibt es nicht. Sie kann die Koalitionsarithmetik durcheinander bringen. Das ist
der eigentliche Grund.
Das Interview führte Björn Hengst
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