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spiegel-online, 24. Februar 2010, 11:08 Uhr

Westerwelles Verhältnis zu Merkel

Die Klagen des Kellners

Eine Analyse von Gerd Langguth

Schon wieder treffen sich die Spitzen von Union und FDP zum Krisengipfel im Kanzleramt, vor allem das Verhältnis zwischen Angela Merkel und Guido Westerwelle hat gelitten: Sie sieht sich als "Koch" in der Koalition, er wehrt sich gegen die Kellnerrolle und flüchtet sich in wüste Sozialkritik.

Berlin - Sind sich Angela Merkel und ihr "Vize" Guido Westerwelle wirklich noch grün? Über das Verhältnis der Spitzenpolitiker wird derzeit viel gerätselt. Trotz der Kakophonie innerhalb der Regierung in den vergangenen Wochen scheint das Verhältnis noch intakt. Doch die Koalitionsarbeit hat deutliche Spuren in der Beziehung hinterlassen hat - vor allem der FDP-Chef leidet.

Den sensiblen, leicht verletzbaren und im Verhältnis zu Merkel eher harmoniebedürftigen Westerwelle wird ihr schon zu Beginn der Koalition mehr beiläufig gesprochenes Wort, sie wolle in einem schwarz-gelben Bündnis "schon als Koch auftreten", ziemlich geschmerzt haben. Die Zweifel dürften beim FDP-Chef zuletzt noch zugenommen haben - auch, weil Merkel ihn bei dem von ihm losgetretenen Streit über "anstrengungslosen Wohlstand" hat hängen lassen. Hätte sich die Kanzlerin, so wird Westerwelle sich wohl gefragt haben, nicht schützend vor ihn stellen müssen, als er wegen seiner Einlassung zu den Folgen des Bundesverfassungsgerichtsurteils über Hartz IV unter öffentlichen Beschuss geriet?

Am Mittwochabend treffen sich Merkel und ihr Außenminister nun mal wieder zum Krisengipfel im Kanzleramt. Auch CSU-Chef Horst Seehofer wird anwesend sein. Es geht um den dringend notwendigen Klimawandel in der schwarz-gelben Koalition. Offen bleibt, ob das Vorhaben gelingt. Denn in der Politik gibt es keine "Liebesheiraten", sondern nur Zweckgemeinschaften. Bei Westerwelle klang das oft anders. In Interviews wurde er manchmal geradezu euphorisch, wenn er über sein Verhältnis zu Merkel sprach. Noch im Januar formulierte er: "Und in der Kontroverse wissen wir, dass wir uns mögen." Nachdem CDU-Bundesumweltminister Norbert Röttgen in einem Interview zu den Laufzeiten von Atomkraftwerken eine von der FDP abweichende Interpretation des Koalitionsvertrages annoncierte, ist jedoch eine förmliche Explosion des Merkel-Stellvertreters in der Koalitionsrunde überliefert.

Das zeigt: Bei Westerwelle und seiner FDP liegen zusehends die Nerven blank. In der FDP sieht man sich bereits auf den Spuren von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Der musste als Juniorpartner in der Großen Koalition erleben, dass die Kanzlerpartei in einem Bündnis gegenüber der Nummer zwei klar im Vorteil ist. Wenn es in der Politik, wo es um Macht und Einfluss geht, nur Zweckheiraten gibt, gehen "Freundschaften" auseinander. Dann obsiegt das eigene, egoistische Interesse.

Dass es zu einem solchen Stolperstart kommen konnte, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sich Merkel und Westerwelle ihres guten persönlichen Verhältnisses zu sicher waren und die Koalitionsverhandlungen im Detail zu sehr anderen überließen - und damit die Brisanz übersahen, die ein nur halbgarer Bündnisvertrag mit sich bringt.

Merkel hat Westerwelle einiges voraus

Hinzu kommt, dass Merkel Westerwelle insgesamt zwölf Jahre Regierungserfahrung voraus hat - nicht nur vier Jahre als Kanzlerin. Sie war auch schon acht Jahre unter ihrem Lehrmeister Helmut Kohl Bundesministerin für Frauen und Jugend, später für Umwelt. Die 1954 geborene Merkel ist außerdem über sieben Jahre älter als Westerwelle. Jeder jüngere und zugleich politisch weniger erfahrene Mitstreiter hat in einer solchen "natürlichen" Koalition ganz zwangsläufig das Gefühl, durch den stärkeren Partner ausgebremst zu werden, zumal viele Unionspolitiker im Kabinett ebenfalls bereits das Innenleben einer Regierung kannten.

In Verbindung mit der Tatsache, dass der schlechte Start der Regierung in der Öffentlichkeit vor allem den Liberalen angelastet wird, dürfte das auch bei Westerwelle dazu geführt haben, dass sein "Honeymoon" mit Merkel von ihm inzwischen sehr viel nüchterner gesehen wird.

Denn die großen gemeinsamen Erfolge liegen lange zurück: Ihr beider Meisterstück war, dass sie sich noch zu Zeiten der rot-grünen Koalition auf Horst Köhler als gemeinsamen Bundespräsidentenkandidaten verständigt hatten, der dann auch im ersten Wahlgang mit einer Stimme Mehrheit gewählt wurde. Westerwelle hielt auch zu Merkel, als sie sich im Jahre 2002 mit ihrem Wunsch, Kanzlerkandidatin der Union zu werden, nicht durchsetzen konnte und Edmund Stoiber den Vortritt lassen musste. Es war eine Zeit, als der aus Bayern kolpotierte Begriff vom "Leichtmatrosen" nicht nur auf den Junggesellen aus Bonn gemünzt war, sondern auch auf die ostdeutsche Pfarrerstochter. So etwas schweißt zusammen.

Ein Ereignis gleichwohl brachte die Vertrautheit der beiden zum Vorschein: Als Merkel 2004 offiziell ihren 50. Geburtstag feierte, fragte Westerwelle bei Merkel an, ob sie etwas dagegen hätte, wenn er seinen damals der Öffentlichkeit noch nicht vorgestellten Lebenspartner mitbrächte. Dieses Outing sozusagen in vertrauter Umgebung ist kein Zufall, selbst wenn es Merkels Geburtstag in den Schatten stellte.

Merkel, die ja einst zusammen mit Westerwelle "durchregieren" wollte, wurde 2005 Kanzlerin einer Großen Koalition - und zwar wiederum wegen Westerwelle. Der hatte sich strikt geweigert, in eine Regierung unter Schröder einzutreten, der in jener berühmten Wahlnacht auf das Umschwenken der FDP gesetzt hatte.

Westerwelle musste manche Merkel-Enttäuschung hinnehmen

Enttäuscht wird Westerwelle dagegen manchmal gewesen sein, mit welcher Aufopferung Merkel gerade zu Beginn der Große Koalition das Bündnis mit der SPD verteidigte und ihren Duz-Freund rechts liegen ließ, gerade im Parlament, wo sie durch den Zeitpunkt ihrer Regierungserklärungen verhinderte, dass der rhetorisch sehr viel bessere Westerwelle unmittelbar auf sie antworten konnte. Ebenso wird er in Erinnerung haben, dass Merkel lange zögerte, eine Koalitionsaussage zugunsten der FDP zu machen.

Merkels Hinweis, sie sei der "Koch" in der Regierung, erinnerte außerdem doch sehr an Gerhard Schröder, der sich als "Koch" empfohlen und seinen späteren Stellvertreter Fischer und die Grünen als "Kellner" bezeichnet hatte. Westerwelle dazu: "Ich kann sehr gut kochen, das weiß auch Angela Merkel. Die hat sich jedenfalls noch nie beklagt, wenn ich gekocht habe."

Mehrere Köche verderben den Brei, heißt es. Noch zumindest gilt das Verhältnis Merkel-Westerwelle als stabil. Doch Westerwelle wird nicht entgangen sein, dass sich die Union auch darum bemüht, die zur FDP "übergelaufenen" ehemaligen Unionswähler wieder zu sich zurückzuholen. Im Zusammenhang mit dem derzeitigen Streit in der Koalition lässt sich Bayerns FDP-Wirtschaftsminister Martin Zeil mit dem Satz zitieren: "Es handelt sich um ein abgekartetes Spiel mit Billigung der Kanzlerin."

Solche Worte geben ebenfalls einen Einblick in das Stimmungsgefüge der FDP. Auch wenn Merkel an einem Wahlsieg von Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen wegen der Bundesratsmehrheit interessiert sein muss: Der Leidtragende eines schlechten FDP-Abschneidens und eines Wechsels zu Schwarz-Grün wäre Westerwelle und nicht die Kanzlerin, die eine zusätzliche, nämlich grüne Machtoption gewinnen würde.