Die SPD hat sich in Sachen "K-Frage" in
eine schwierige Lage manövriert. Jeder Auftritt eines potentiellen
Kanzlerkandidaten auf dem bevorstehenden Bundesparteitag in Berlin wird die
Spekulationen weiter anheizen, wer bei den Bundestagswahlen 2013 denn nun
gegen Merkel antritt. Dabei könnte sich der Kreis der Bewerber von bisher
drei Kandidaten - Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer
Steinbrück - sogar mit Klaus Wowereit noch um einen vierten erweitern.
FDP-Fraktionsvorsitzender Rainer
Brüderle hat die Situation bei der politischen Konkurrenz im Deutschen
Bundestag unlängst spöttisch so beschrieben: "Wenn Schröder, Scharping,
Lafontaine das Trio Infernale waren, sind heute Steinmeier, Gabriel,
Steinbrück das Trio immobile. Sie machen sowas wie Kanzlerkandidaten-Mikado:
Wer sich als erster bewegt, hat verloren."
Tatsächlich will der
Parteivorsitzende Gabriel frühestens Ende 2012 einen
Kandidatenvorschlag machen, vielleicht
sogar erst Anfang 2013. Aber Gabriel ist eben die zentrale Figur - er hat
als SPD-Chef in der Kandidatenfrage offiziell das erste Wort. Sollte er
selber Kandidat werden wollen, käme die Partei an ihm kaum vorbei.
Steinbrück bekundet Interesse an
dem Job
Als die Herren Steinbrück,
Steinmeier und Gabriel im Oktober dieses Jahres zusammen vor der
Bundespressekonferenz auftraten, wurde sofort die Frage gestellt, ob sich
eine neue SPD-Troika bildet. Dabei war es
Sigmar Gabriel
höchstselbst, der schon Monate vorher den Namen Steinbrück zuvor ins
Gespräch gebracht hatte - wahrscheinlich deshalb, weil er mit diesem Hinweis
von sich selber ablenken wollte. Vielleicht hatte er damals aber auch gar
nicht mit der Ernsthaftigkeit einer Kandidatur Steinbrücks gerechnet.
Jedenfalls ist zu vermuten, dass
weder Steinmeier noch Gabriel ein besonderes Interesse daran gehabt hatten,
Peer Steinbrück zu
einer Kandidatur zu bewegen. Hätte Steinbrück sein Interesse an einer
Kandidatur nicht selbst angemeldet, wäre er von seinen beiden Kollegen
vermutlich schlicht übersehen worden. Insofern war es sogar richtig, dass
Steinbrück frühzeitig sein Interesse bekundete.
Wie stellt sich das Personalkarussell
derzeit dar?
- Sigmar Gabriel: Der
Parteivorsitzende ist sichtbar genervt von den Diskussionen um Steinbrück.
Es handele sich um eine Mediendebatte, ließ er wissen. Man suche scheinbar
einen Ersatz für den über die Plagiatsaffäre gestolperten früheren
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg "Da muss jetzt jemand
Neues her".
Er wird aber von den Umfragen her wissen, dass er von allen potentiellen
Kanzlerkandidaten der SPD die schlechtesten Aussichten hätte. Er gilt in
weiten Teilen der Bevölkerung als sprunghaft, zwar als ein guter Redner,
dem aber nicht viel zugetraut wird. Gabriel dürfte deshalb der
Lieblingskandidat von Angela Merkel sein.
- Frank-Walter Steinmeier:
Er hat zwar als Spitzenkandidat die letzten Bundestagswahlen krachend
verloren und das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der SPD
eingefahren. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass ein gescheiterter
Kandidat von einem Wiederholungseffekt profitiert, ähnlich wie das
übrigens bei
Willy Brandt als
Kanzlerkandidaten der Fall war.
Zudem hat sich
Steinmeier als
Fraktionsvorsitzender profiliert und auch die Organspende an seine Frau
hat ihn in weiten Teilen der Bevölkerung höchst beliebt gemacht.
Steinmeier gehört wie Steinbrück dem rechten Flügel der SPD an, hat
seinerzeit sogar die
Agenda 2010
formuliert und gilt nach wie vor als ein Mann Gerhard Schröders, den viele
in der SPD vergessen machen wollen.
- Peer Steinbrück:
Zweifellos ist er von allen SPD-Kanzlerkandidaten der beliebteste in der
Bevölkerung, nicht jedoch in der eigenen Partei. Im Mai hatte
SPD-Generalsekretärin
Andrea Nahles
Steinbrück für seine Selbstnominierung heftig kritisiert:
"Selbstausrufungen sind in einer modernen demokratischen Partei wie der
SPD aus der Mode gekommen." Ende Juni gab es dann ein Geheimtreffen
zwischen Nahles und Steinbrück. Anlass war ein Interview von Peer
Steinbrück, in dem dieser gesagt hatte, es werde der Zeitpunkt kommen, an
dem er mit zwei, drei Führungspersönlichkeiten über die Frage der
Kanzlerkandidatur beraten werde.
Steinbrücks frühe Ankündigung einer möglichen Kandidatur hat seine eigene
Partei vor große Probleme gestellt: Der linke Flügel ist gegen ihn, zudem
hat ihm seine Ungeduld auch innerparteilich enorm geschadet. Dazu gehören
nicht nur
die geradezu peinlich wirkenden Elogen von
Altkanzler Helmut Schmidt auf den
einstigen Finanzminister. Peinlich wurde es ebenfalls, als
Helmut Schmidt und
Peer Steinbrück ein Buch vorstellten ("Zug um Zug"): Man sah die beiden
Politiker Steinbrück und Schmidt tief versunken über das Schachbrett
gebeugt abgebildet - mit einem schwerwiegenden Schönheitsfehler,
denn das Schachbrett ist um 90 Grad gedreht, steht
also falsch herum.
Trotz der Beliebtheit des Altkanzlers kam der Schachzug Schmidts zugunsten
von Steinbrück insbesondere in der Parteibasis schlecht an. Schmidt
repräsentiert nicht mehr die moderne SPD. Andererseits kam keiner der
bisherigen SPD-Kanzler, vielleicht mit Ausnahme von Willy Brandt, aus dem
sozialdemokratischen Mainstream. Sie waren in der eigenen Partei eher
Außenseiter, konnten aber Menschen erreichen, die ihre Partei alleine nie
erreicht hätte. Dies war vor allem unter Helmut Schmidt und auch unter
Gerhard Schröder der Fall. Das könnte ein Pluspunkt für Steinbrück sein.
- Klaus Wowereit: Etwas
anders gelagert wären die Dinge, wenn Klaus Wowereit in die Arena der
Kanzlerkandidaten steigen würde und wollte. Er hat zwar ein relativ
schlechtes Ergebnis bei den letzten Berliner Wahlen eingefahren. Es gibt
aber viele, die Wowereit bundespolitische Ambitionen unterstellen, was
sich auch aus der Erfahrung speist, dass Ministerpräsidenten der
Bundesländer ihre Aufgabe bald als langweilig empfinden, weil sie keine
neuen Herausforderungen mehr verspüren.
Klaus Wowereit ist
ein absoluter Machtmensch. Seine gegenwärtige Koalition mit der CDU würde
ihn sogar für Merkel besonders gefährlich machen, weil er durch dieses
Faktum zum Ausdruck bringen kann, dass er auch rechts von der SPD
koalitionsfähig ist. Andererseits ist das schlechte Wahlergebnis von
Wowereit keine Empfehlung für seine Parteifreunde. Unterstützer von
Wowereit weisen aber darauf hin, dass ein Kandidat Wahlen gewinnen können
müsse.
Gabriel, Steinmeier und Ex-Finanzminister Steinbrück haben als
Spitzenkandidaten all ihre Wahlen verloren. Wowereit hingegen ist ein
Siegertyp. Andererseits gilt Wowereit innerparteilich als "Linker". Andrea
Nahles hatte ihn auch deshalb, allerdings vor den Berlin-Wahlen, ins
Gespräch gebracht. Alle drei anderen potentiellen Kandidaten gehören
hingegen eher dem rechten SPD-Flügel an, am wenigsten allerdings Gabriel.
Die Gefahr der frühen Entzauberung
Bleibt es bei drei Kandidaten, also
ohne Wowereit, dürfte wahrscheinlich Steinmeier derjenige sein, der am Ende
übrig bleibt. Vermutlich dürften Steinmeier und Gabriel eine Koalition
eingehen. So ist es eher unwahrscheinlich, dass Gabriel unter Steinbrück
Minister werden will. Und Steinmeier dürfte bei einem Kandidaten Steinbrück
kaum sein Lieblingsamt, das des Außenministers, erhalten, weil dieses Amt
vermutlich auch in einer rot-grünen Koalition dem Koalitionspartner zustehen
würde. Auch Steinmeier dürfte sich mit dem Gedanken schwer tun, unter
Steinbrück zu dienen. Gabriel wiederum dürfte das hohe Risiko sehen, wenn er
sich selber zum Kandidaten ausruft.
Ob Gabriel es durchhält, bis Ende 2012
oder Anfang 2013 die Entscheidung in der K-Frage hinauszuzögern, erscheint
heute eher unwahrscheinlich. Einerseits braucht ein Kandidat eine längere
Zeit, um sich zu profilieren. Andererseits besteht die große Gefahr einer
vorzeitigen Entzauberung des jeweiligen Kandidaten, wie sie ein Stück weit
bereits bei Peer Steinbrück nach seinem letzten Auftritt in einer Debatte
des Deutschen Bundestages eingesetzt hat. Die in ihn gesetzten Erwartungen
hatte er in der direkten Konfrontation mit der Kanzlerin nicht erfüllen
können.
Es bleibt also spannend in der SPD.
Mit Interesse wird zudem zu verfolgen sein, ob sich bei den nächsten
Bundestagswahlen auch über Rot-Grün hinaus eine Koalitionsbildung anbieten
würde, also etwa mit der Linkspartei. Innerhalb des Deutschen Bundestages
ist jedenfalls zu beobachten, wie herzlich SPD-Genossen mit ihren Kollegen
aus der Linkspartei umgehen.
Der
angekündigte Neueinstieg von Oskar Lafontaine
erleichtert eine solche Kooperation zwischen den Roten und den Rot-Roten
zwar nicht, wird diese aber vielleicht auch nicht mehr verhindern. Die Frage
ist allerdings, ob auch die Grünen eine solche Konstellation mittragen
würden.