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spiegel online, 27. Februar 2010, 12:48 Uhr

Störfeuer in der Union

Fundi-Katholiken wollen Merkel weiter ärgern

Eine Analyse von Gerd Langguth

Konservative Katholiken sehen nicht mehr genug "C" in der CDU und bei der Parteichefin schon gar nicht. Ihr Kampfbündnis "Arbeitskreis Engagierter Katholiken" hat sich inzwischen zwar weiter aufgespalten, aber das Unbehagen rumort weiter - in der Union tobt ein wahrer Kulturkampf.

Einige Fundamentalkatholiken machen mobil gegen Parteichefin Merkel. Der Vorwurf: Sie habe die Union zu einer verweltlichten Partei umgeformt und wisse mit dem "C"-Buchstaben im Parteinamen nichts anzufangen. Das deshalb Ende vergangenen Jahres aus der Taufe gehobene Kampfbündnis „Arbeitskreis Engagierter Katholiken“ (AEK) führte aber schon nach kurzer Zeit zu einem ersten Schisma: Die bayerische Abspaltung, die in die CSU hineinwirken will, nennt sich "ChristSoziale Katholiken" (CSK) - ein herber Schlag für die Anti-Merkelianer des AEK.

Thomas Goppel (CSU) war einer der beiden Sprecher des AEK. Er hat offensichtlich von seinem bisherigen Mit-Sprecher Martin Lohmann (CDU) genug und gründete daraufhin den CSK. Goppel ist nicht irgendwer: Er gehört sozusagen zum Urgestein der bayerischen CSU. Der Sohn des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel war lange Jahre CSU-Generalsekretär und Staatsminister in Bayern, zuletzt verantwortlich für die Hochschulpolitik. Er war einer der Kandidaten für das Ministerpräsidentenamt - aber statt seiner wurde es Horst Seehofer, der seinen Rivalen dann aus dem Kabinett fernhielt. Sicherlich auch aus Frust darüber wirkte Goppel an der katholischen Initiative mit.

Da in dieser bayerischen Abspaltung Politiker von Gewicht - neben Goppel auch weitere Abgeordnete - mitwirken, war der katholische CSU-Chef Seehofer inzwischen bereit, Goppel und dem CSK innerparteilich ein Forum zu geben.

"Die bengalischen Feuer von Herrn Lohmann"

Goppel, der in der politisch-intellektuellen Auseinandersetzung stets eher das Florett als den Holzhammer nutzt, hatte die Art und Weise leid, wie sein Gründungskollege Lohmann die CDU-Parteivorsitzende öffentlich angreift: Sie sei Bundeskanzlerin und nicht Staatsratsvorsitzende, hatte Lohmann die Kanzlerin öffentlich belehrt. Goppel daraufhin: "Störfeuer sind lustig, aber die bengalischen Feuer von Herrn Lohmann sind uns dann doch ein bisschen zu heftig gewesen."

Es war auch Lohmann, der mitten in der Wahlkampfzeit eine Schrift veröffentlichte, in der er Angela Merkel unmittelbar und ganz persönlich angriff: "Eine wiederverheiratete geschiedene protestantische Frau ist halt auch im Blick auf das 'C' nicht mit Ansprüchen zu konfrontieren, die für Konrad Adenauer noch selbstverständlich waren." Lohmann trat inzwischen einer weiteren Merkel-kritischen Initiative bei, der "Aktion Linkstrend stoppen".

Der 53-jährige Lohmann, der als Chefredakteur der Koblenzer "Rhein-Zeitung" 2004 im Unfrieden mit seinem Verleger ausscheiden musste und seitdem unterschiedliche berufliche Positionen anstrebte, rühmt sich selbst, den ultramontanen Kölner Kardinal Meisner sehr zu "verehren" - dieser war auch der erste katholische Würdenträger, der die Lohmann-Initiative öffentlich begrüßte.

Strammer als Lohmann kann man die Amtskirche kaum verteidigen. Denn der Jesuitenschüler, dessen Aktivitäten in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" breiten Raum eingeräumt werden, nutzt seine Plattform, um etwa seine Deutung von Kinderschändereien in Schulen des Jesuitenordens zu veröffentlichen: "Nein, nicht das System ist schuld, sondern einzelne Menschen sind es. Diese haben sich vergangen, sind ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden und haben schwer gesündigt." Und unverdrossen formuliert er: "Am wenigsten ist die Sexuallehre der Kirche verantwortlich."

Lohmanns größtes Manko ist, dass nach der Spaltung in dem verbliebenen CDU-Teil kein profilierter Politiker von Gewicht in der Leitung mitwirkt. Der CSK-Sprecher Goppel ist hingegen von ganz anderem Kaliber, eine Anti-Figur zu Lohmann. Denn der Bayer ist ein Vollblutpolitiker, rhetorisch und intellektuell geschult. Lohmann hingegen hat in seiner Partei längst nicht das Standing eines Goppel. Er ist zwar CDU-Mitglied, aber ohne wirkliche eigene politische Erfahrungen. Jetzt versucht er mühsam, sich mit dem AEK eine Hausmacht aufzubauen. Dass führende CDU-Politiker bisher nicht hinter ihm stehen, verbrämt er mit dem Hinweis, viele seiner angeblichen Sympathisanten hätten Sorge wegen angeblicher Karrierenachteile in der Merkel-CDU.

Kohl wäre es nie in den Sinn gekommen, öffentlich einen Papst zu kritisieren

Auch wenn die innerparteiliche Reaktion auf die Lohmann-Initiative gerade bei führenden Katholiken eher unterkühlt ist, gibt es doch bei manchen katholischen Parteimitgliedern einiges Unbehagen über Merkel. Für sie war es irgendwie selbstverständlich, dass ein CDU-Bundesvorsitzender katholisch zu sein hat, für manche war die CDU sogar ein verlängerter Arm der katholischen Kirche. Zwar war auch einmal in den sechziger Jahren ein Protestant 14 Monate lang CDU-Bundesvorsitzender (Ludwig Erhard, 1966/1967), doch hatten die katholischen Parteimitglieder zumindest bis 1998 das Gefühl, in einer von Katholiken dominierten Partei zu sein: Konrad Adenauer, Ludwig Erhards Nachfolger Kurt Georg Kiesinger, Rainer Barzel und Helmut Kohl waren allesamt Katholiken - letzterer war sogar 25 Jahre Vorsitzender.

Wie Merkel von Katholiken mit Margot Honecker verglichen wird

Mit dem Kurzzeit-Bundesvorsitzenden Wolfgang Schäuble kam ein Protestant ins Amt, dem Merkel vor immerhin schon fast zehn Jahren folgte. Dem Katholiken Kohl wäre es nie in den Sinn gekommen, öffentlich einen Papst zu kritisieren. Das genau nehmen aber manche Katholiken Merkel übel, dass sie mit ihrer Kritik an der Haltung des Papstes Benedikt hinsichtlich der rechtsradikalen Pius-Bruderschaft, in der ein Holocaust-Leugner mitwirkt, nicht zurückhielt.

Ein bizarres Beispiel für die Kritik an Merkel sind Aussagen des früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Willy Wimmer, der es zur Kohl-Zeit sogar zum Parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium gebracht hatte. Merkel habe mit ihrer Kritik am Papst "bewusst spalterische Kräfte freigesetzt", wozu passe, dass sie mit ihren Vertrauten Hermann Gröhe, Ronald Pofalla und Peter Hintze "das eigentliche und rein evangelische Machtzentrum" der Partei bilde. Diese seien Teil eines Netzes persönlicher Vertrauter der Vorsitzenden und hielten die "eigentlich Berlin-fernen Machtzentren" der Partei nieder. Wimmer ist aber interessanterweise gegen einen eigenen katholischen Arbeitskreis, weil auf diese Weise die Katholiken in der CDU zur Minderheit erklärt würden - die übergroße Mehrheit der CDU-Mitglieder gehören der katholischen Kirche an.

Ein Blick in manche katholische Zeitung bestätigt die in katholischen Kreisen gepflegten heftigsten Aversionen gegen Merkel. So wird etwa in der "Katholischen Sonntagszeitung" vom 24. Januar Merkel nicht nur für eine Zeitgeist-huldigende "Politik der Beliebigkeit" verantwortlich gemacht, ihr wird in der Familienpolitik sogar eine "Politik der Fremdbetreuung und der Arbeitsproduktivität junger Frauen" vorgeworfen, "an der Margot Honecker ihre Freude gehabt hätte". Ebenfalls in der "Katholischen Sonntagszeitung" schlussfolgert der Journalist Jürgen Liminski, die CSU hätte für einen "zukunftsfähigen Konservatismus" eine stärkere programmatische Substanz als die CDU und empfiehlt, diese müsse deshalb bundesweit antreten.

Wie reagiert die katholische Amtskirche? Die Reaktion ist mehrheitlich sehr zurückhaltend. Letztlich hat sich sehr konkret nur der Kölner Kardinal zugunsten dieser Initiative geäußert, andere brachten ein gewisses Verständnis zum Ausdruck. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, ist hingegen eher distanziert. Er sieht die AEK-Initiative offensichtlich als ein CDU-internes Thema, denn er wolle sich nicht "in Strukturfragen der CDU einmischen", die Aktivitäten dieses Arbeitskreises sollten "aber den breiten Dialog der Kirche mit der Partei nicht beeinträchtigen".

Und wie reagieren Merkel und ihr Generalsekretär Herbert Gröhe auf jene Lohmann-Initiative?

Zunächst schien es so, als sollte diese totgeschwiegen werden. Dann allerdings empfing der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer diesen Arbeitskreis, wodurch Merkel unter Druck geriet, gleiches zu tun und zusagte, den AEK im ersten Quartal dieses Jahres zu empfangen. Seehofer hatte ihr dazu geraten. Unterdessen jedoch spaltete sich der Arbeitskreis. Da Merkel inzwischen die Gesprächszusage gegeben hatte, kann sie jedoch nicht mehr zurück. Wahrscheinlich hält sie inzwischen ihre Entscheidung für einen Fehler. Denn das Zusammentreffen mit ihr wird der AEK als eine Aufwertung durch die von ihm bekämpfte Parteivorsitzende interpretieren.

Merkel muss Farbe bekennen

Mit Goppel als Mit-Vorsitzendem wäre es vielleicht gelungen, den AEK zu integrieren - wie das jetzt in Bayern mit den CSK passiert -, doch eine vergleichbare Integration des missionarischen Rest-AEK halten viele Lohmann-Kenner nicht für möglich. Dieser könnte etwa versuchen, im Zusammenhang mit dem kommenden Bundesparteitag der CDU als eine Parteiorganisation aufgewertet zu werden. Denn manchen CDU-Katholiken ist es ein Dorn im Auge, dass es seit 1952 einen mit Zustimmung der damaligen Parteiführung ins Leben gerufenen evangelischen Arbeitskreis gibt, der das Image der CDU als einer katholischen Partei überwinden helfen sollte. Ausgerechnet Merkel war vor ihrer Zeit als Generalsekretärin auch einmal Vorsitzende der Evangelischen in der CDU.

Dass eine solche konfessionsbezogene Diskussion, wie sie zur Zeit Bismarcks aktuell war, heute noch eine solche Rolle entfalten kann, mag verwundern. Merkel wird jedoch zu diesem Kulturkampf als Parteivorsitzende Farbe bekennen müssen.