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aus: spiegel.online, 16. Mai 2011
Grüne als Lobbyisten
Erst Bio, dann Bimbes
Von Gerd Langguth
Die Grünen
geben sich gerne kritisch gegenüber Lobbyisten. Wenn aber Politiker
der Öko-Partei neue Karrierewege gehen, suchen sie sich häufig gut dotierte
Posten bei Interessenvertretern. Vom Abgeordneten und BUND-Mitglied zum Freund
der Chemieindustrie? Für Grüne kein Problem.
Die
Grünen sahen
sich einst als "Antiparteien-Partei" - das war noch, als sie klein und durch die
Fünfprozenthürde gefährdet waren. Inzwischen haben sie einige Jahrzehnte
Überlebenstraining hinter sich - und sie haben viel politisches Personal
verschlissen, das nicht mehr auf die Hinterbänke der Gesellschaft zurückkehren
will. Nicht jeder schafft es, wie
Jürgen Trittin
quasi lebenslang Politik zu machen. Denn wichtige Funktionsträger werden auch
bei den Grünen entweder nicht mehr aufgestellt, müssen sich aus dem Politbetrieb
verabschieden.
Manche wechseln als Lobbyisten die Seite. Das ist umso bemerkenswerter, als es
keine Partei gibt, die so wie die Grünen den
Lobbyismus
bekämpft.
In einem
Beschlussantrag zur ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen vom
November 2008 wird zwar einerseits der
Lobbyismus
gerechtfertigt: "Andererseits gehört die Organisation von Interessen zur
Demokratie." Der Austausch von Meinungen sei Kernbestandteil einer
pluralistischen Gesellschaft. Aber die Grünen mahnen offiziell:
"Findet dieser
Austausch zwischen der Politik und Vertreterinnen und Vertretern von
Interessengruppen statt, muss er für die Öffentlichkeit jedoch transparent
sein."
Sie konstatieren,
dass der Einfluss von Lobbyisten auf die politische Entscheidungsprozesse in den
letzten Jahren stark zugenommen hat. Einer Entmündigung der Parlamente würde
dadurch Vorschub geleistet.
"Mit ganzen
Stäben von hochqualifizierten Fachleuten ausgestattet, gewinnen Vertreterinnen
und Vertreter von Einzelinteressen mehr und mehr Einfluss auf
Gesetzgebungsverfahren und Entscheidungsprozesse in Parlament und Regierung."
Wie sieht die
grüne Realität aus?
Viele
Funktionsträger der Grünen, die nicht ein Leben lang dem Parlament angehören
können, halten nach einer lukrativen Alternative zu einem Parlamentsmandat
Ausschau - und viele wurden fündig. Die Grünen werden daher den älteren Parteien
gegenüber immer ähnlicher. Zahlreiche Beispiele können das belegen:
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Ein besonders
einflussreicher Lobbyist ist der grüne Abgeordnete Hans-Josef Fell
- gelegentlich als "Mister Sunshine" bezeichnet.
Allerdings macht er das ehrenamtlich und "erhält keinen Cent", so sein Büro. Offensichtlich gehört bei den
Grünen die Förderung von
Solarenergie
zum Bereich des "guten Lobbyismus". Dass es sich hier aber um eine Branche
handelt, mit der manche sehr viel Geld verdienen, wird dabei meistens
übersehen. Fell ist seit 2005 für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen
Sprecher für Energiepolitik. Er gilt neben dem verstorbenen SPD-Abgeordneten
Hermann Scheer
als ein Vater des
"Erneuerbare
Energien-Gesetzes". Fell engagiert sich als stellvertretender
Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bayrischer Solarinitiativen. Er war Vizepräsident von "Eurosolar"
von 2005 bis 2011.
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Nächstes
Beispiel:
Gunda Röstel
, im Dezember 1996 zur Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen gewählt,
hat sich vollständig aus der Politik zurückgezogen und diente sich der
Wirtschaft an. Im Oktober 2000 wurde sie Managerin für Projektentwicklung und
Unternehmensstrategie bei Gelsenwasser AG, damals ein Tochterunternehmen von
E.ON. Seit Juli 2004 ist sie kaufmännische Geschäftsführerin der
Stadtentwässerung Dresden GmbH. Außerdem soll jetzt die frühere
Bundesvorsitzende der Grünen in den Aufsichtsrat des bislang stark auf
Atomenergie setzenden baden-württembergischen Versorgers
EnBW
einziehen, nominiert allerdings durch die baden-württembergischen Grünen. Es
heißt, dass Röstel sich seinerzeit gerne von der grünen Politik
verabschiedete, fühlte sich doch die sensible Ostdeutsche von dem sehr
politikerfahrenden "Macho" und informellen Parteivorsitzenden
Joseph ("Joschka") Fischer
kujoniert.
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Apropos EnBW:
Der frühere Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Rezzo Schlauch,
wurde unter anderem Mitglied des Beirates von EnBW. Der populäre
baden-württembergische Politiker gehörte damit einem Beirat aus 37 Personen
an, ausweislich einer noch in die neueste Zeit reichenden Liste. Es fällt auf,
dass sich unter den Energieunternehmen nicht nur EnBW des Rates von
Ex-Politikern bedient. Energieunternehmen umgeben sich wegen der starken
Abhängigkeit von Entscheidungen der Politik gerne mit ehemaligen Politikern
aller Couleur.
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Matthias Berninger
,
ehemaliger Staatssekretär für Verbraucherschutz, wechselte ebenfalls die
Seiten und ging zum Schokoriegelfabrikanten "Mars". Unter der
Verbraucherschutzministerin
Renate Künast
war er zuständig für Kampagnen gegen dicke Kinder und prügelte deshalb die
Ernährungsindustrie. Sein Folgejob zu seinem Staatssekretärsamt war in der
Europazentrale des US-Nahrungsmittelherstellers "Mars" seit 2008 der eines "Directors
Corporate Health and Nutrition".
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Keine Partei
kämpft aggressiver gegen das Rauchen als die Grünen. Doch das hinderte die
Ex-Bundestagsabgeordnete Marianne Tritz nicht, Geschäftsführerin des
Verbandes der Zigarettenindustrie (VCI) zu werden. Ihre Hauptaufgabe: das
Aufpolieren des Images des Tabakgenusses. Tritz wechselte unmittelbar aus dem
Büro des Grünen-Fraktionschefs Fritz Kuhn in die Zigarettenindustrie.
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Ein besonders
bemerkenswerter Wechsel ist der von Jens Katzek. Er hatte bei den
Grünen keine offizielle Funktion. Er war einst auch bei der
Umweltschutzorganisation BUND und setzte sich dann zur Überraschung auf einmal
als Lobbyist für genveränderte Pflanzen ein. Inzwischen arbeitet er für
den Chemieriesen BASF und appelliert an die Politik, das wirtschaftliche
Potential nicht durch "überbordende Gesetzgebung und Unsicherheit bei der
Zulassung von Produkten" abzuwürgen. Man ahnt es schon: Es geht um das globale
Marktpotential der grünen
Biotechnologie.
Der schnöde
Mammon
Auch der einstige grüne Spitzenmann
Joschka Fischer
ist unter die Lobbyisten gegangen. Im Gegensatz zu den meisten grünen Lobbyisten
wechselte er aber nicht direkt von der Politik zu den Interessenvertretern, er
hielt das zeitliche Abstandsgebot ein: Erst war er für einige Zeit lehrend in
den USA tätig. Inzwischen arbeitet er auch für den Handelsmittelkonzern Rewe und
in Konkurrenz zu dem Lobbyisten
Gerhard Schröder,
der sich für die Gaspipeline "Nord Stream" einsetzt. Fischer wirbt für die
alternative Route der "Nabucco"-Pipeline über die Türkei und durch Rumänien,
Bulgarien und Ungarn nach Österreich.
Die Industrie hat
früh erkannt, wie wichtig gut vernetzte grüne Politiker sind, um für sie
Lobbyismus zu betreiben. Dabei setzt die Industrie darauf, dass mit viel "Bimbes"
(Ausdruck von Helmut Kohl für Geld) sich grüne Funktionsträger auch dann
gewinnen lassen, wenn sie einst für diametral entgegengesetzte Zielsetzungen
standen. Nur so ist zu erklären, dass Jens Katzek auf einmal - von heute auf
morgen - für genveränderte Pflanzen lobbyierte.
Auch Grüne sind
nicht mehr unbedingt immun gegen den schnöden Mammon.
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