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aus: spiegel-online.de, 8. April 2008
Mythos Rudi Dutschke
Der verhinderte Stadtguerillero
Von Gerd Langguth
Wer war Rudi Dutschke? Der christlich erzogene
Postbeamtensohn aus Luckenwalde, der in der DDR nicht Abitur machen durfte, nach
Westberlin zog, um Soziologie zu studieren und dann zum politischen Kopf des
Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) aufstieg, polarisierte die
deutsche Öffentlichkeit wie wenige Figuren seiner Zeit. Für die einen war
Dutschke der große Erneuerer, der mit enormer Ausstrahlungskraft für einen
gesellschaftlichen Aufbruch begeistern konnte. Für die anderen war er ein
entschiedener Gegner der Demokratie.
Das Attentat vom 11. April 1968, bei dem ihn ein Hilfsarbeiter mit drei Schüssen
schwerste Verletzungen zufügte, an deren Spätfolgen Dutschke 1979 starb, trug
zur Mythenbildung und Heroisierung als "friedliebender, zutiefst jesuanischer
Mensch" (so der Schriftsteller Walter Jens 1981) und "Märtyrer" (so
Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele) bei. Dutschkes Demokratie- und
Gewaltverständnis zu hinterfragen stellt für manche einen Tabubruch dar. Die
Faktenlage zeigt indes: Dutschke führte das Leben eines Berufsrevolutionärs, der
auch den Gewalteinsatz zur Durchsetzung der eigenen Ziele befürwortete –
zunächst theoretisch abstrakt, aber auch in konkreten Vorbereitungen.
Erst relativ spät trat Dutschke in den damaligen "Sozialistischen Deutschen
Studentenbund" (SDS) ein, der später die Führungsrolle der linksgerichteten
Studentenorganisationen einnehmen sollte. Zunächst stieß Dutschke etwa Anfang
1964 zur "Subversiven Aktion", die ihre Wurzeln in der "Situationistischen
Internationale" hatte. Diese kleinere Gruppe bezog sich auf die radikale
Kulturkritik der älteren Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer
und Herbert Marcuse. Schlüsseldokumente zur damaligen politischen Position
Dutschkes sind Artikel aus seiner Feder in der Zeitschrift "Anschlag". Der
DDR-Flüchtling war alles andere als ein SED-Gefolgsmann. Aber in diesen
Aufsätzen verstand er sich als ein junger Kommunist, der die russische
Oktoberrevolution leidenschaftlich verteidigte: Er forderte die Rehabilitierung
der "besten Söhne der Revolution (Trotzki, Bucharin, Radek u.s.w.)" und
verteidigte die Niederschlagung der Erhebung der Kronstädter Matrosen im März
1921. Lenin und Trotzki seien "gezwungen" gewesen, "die ehemaligen
revolutionären Brüder, die Matrosen und Soldaten von Kronstadt und deren
Aufstand niederzuschlagen".
" Die sinnliche Erfahrung der organisierten Einzelkämpfer"
Im SDS hatte Dutschke damals "ein Gelegenheitsprodukt der revolutionären Ebbe
der Nachkriegszeit" gesehen. Er wollte ihn unterwandern. Der SDS war der SPD zu
links geworden, die am 6. November 1961 die Unvereinbarkeit einer gleichzeitigen
Mitgliedschaft feststellte. Am 27. Januar 1965 erschienen Dutschke und weitere
Genossen aus der "Subversiven Aktion" im SDS-Zentrum am Kurfürstendamm 140 in
Berlin und ersuchten um Mitgliedschaft. Innerhalb des SDS bildeten Dutschke und
einige andere von Anfang an eine Fraktion, die sie selbst nach einem Kultfilm
von Louis Malle als "Viva-Maria-Gruppe" nannten. Diese löste 1966 im Berliner
SDS eine intensive Auseinandersetzung über die Gewaltfrage aus, manche SDSler
forderten sogar Dutschkes Ausschluss. Der befasste sich intensiv mit dem
russischen Anarchismus, insbesondere mit Bakunin und Alexander Ropschin -
Pseudonym eines Bombenlegers und Stadtkämpfers des illegalen Arms der russischen
"Sozialrevolutionäre". Auch diskutierte Dutschke damals schon Überlegungen Ché
Guevaras und anderer südamerikanischer Verfechter von Guerillaaktionen.
Ein weiteres Schlüsseldokument zur politischen Haltung Dutschkes ist das am 5.
September 1967 gemeinsam mit Hans-Jürgen Krahl auf der
SDS-Bundesdelegiertenkonferenz in Frankfurt vorgelegte, lange Zeit unbekannt
gebliebene "Organisationsreferat”. Die beiden Studentenführer gingen darin von
einer "bestimmten Negation” der parlamentarischen Ordnung aus. Gegen den Macht-
und Sicherheitsapparat des Staates sollten illegale Kämpfer Schutz gewähren.
Dutschke und Krahl riefen den SDS dazu auf, sich künftig als "Sabotage- und
Verweigerungsguerilla” zu formieren: "Die Agitation in der Aktion, die sinnliche
Erfahrung der organisierten Einzelkämpfer in der Auseinandersetzung mit der
staatlichen Exekutivgewalt bilden die mobilisierenden Faktoren in der
Verbreiterung der radikalen Opposition" hieß es da." "Der städtische Guerillero
ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems
der repressiven Institutionen."
Im zeitlichen Zusammenhang mit dem "Vietnam-Kongress" vom 17./18. Februar 1968,
wo sich Dutschke auf "einen europäischen Cong", eine Art Stadtguerilla bezog,
hatte er in den Niederlanden Überlegungen von Aktionen gegen die "schreckliche
Kriegsmaschine" der USA geäußert und von "Angriffen gegen NATO-Schiffe"
gesprochen. Dutschke schwebten "Stadtguerilla”-Kleingruppen von jeweils vier bis
sechs Kämpfern vor, die eine regelrechte Doppelexistenz führen sollten.
Schwächstes Glied Berlin
Nach Erinnerungen seines Mitstreiters Bernd Rabehl "näherte" sich Dutschke
damals "Überlegungen, den bewaffneten Kampf gegen den Militärapparat der USA
aufzunehmen." Dutschke vertrat die Überlegung, dass das Konzept der
Stadtguerilla auch auf Deutschland übertragen werden sollte. Im Mai 1968 schrieb
Dutschke etwa: "Der Kampf der Vietcong oder der MIR in Peru sind unsere Kämpfe,
müssen bei uns tatsächlich über rationale Diskussion und prinzipiell illegale
Demonstrationen und Aktionen in bewusste Einsicht umfunktionalisiert werden –
eine riesige, fast unlösbare Aufgabe."
Dutschke ging es um eine Übertragung von Ché Guevaras Guerilla-Ansatz und der
Leninschen Theorie des "schwächsten Gliedes" auf die Situation in West-Berlin
und auf die westlichen Großstädte. Als Pendant der Slums und Ghettos der
Dritte-Welt-Großstädte erschien ihm im Westen das "Gegenmilieu mit
subkultureller Dynamik", das den Revolutionären für den "langen Marsch durch die
Institutionen" Rückhalt bieten sollte. Von dem "Fokus" Hochschule aus sollten
"kleinste homogene Guerilla-Einheiten" ihren Ausgang nehmen, die in einem langen
Prozess die "Aufstandsphase der Revolution” einleiten würden.
Dutschkes Frau Gretchen bringt in ihrer 1996 erschienenen, spannend zu lesenden
Biographie hinsichtlich der Gewaltfrage Details ans Tageslicht: Wenn Dutschke
von "Illegalität” sprach, habe es zwar wenig mit dem zu tun gehabt, was die RAF
später tat. Aber er und manche andere vom SDS stimmten demnach darin überein,
dass ein illegaler Kampf über die bisherigen Regelverletzungen hinaus notwendig
sei, So habe Rudi Anfang des Jahres 1968 auch daran gedacht, "in verschiedenen
europäischen Städten Arbeitergruppen zu unterstützen, die 'Sabotage-Akte'
durchführen sollten, sofern dies möglich und sinnvoll erschien."
Notizen aus dem Nachlass Dutschkes zufolge sollten sich diese "gegen Transport,
Telekommunikation, Hafen und Eisenbahn richten." Aus dem SDS und aus den mit ihm
sympathisierenden Gruppen sollte eine 80 Mann starke Gruppe rekrutiert werden,
die als illegaler Teil der Organisation vorgesehen war. Gretchen Dutschke
berichtet ferner, dass ihr Mann und sein Kreis "fast fieberhaft" überlegten,
"welche praktischen illegalen Schritte sie unternehmen sollten". Internationale
Kooperationen wurden in Betracht gezogen: Es bahnten sich Kontakte zur ETA in
Spanien und zur IRA in Nordirland an, "die illegal im Untergrund kämpften und
nicht davor zurückschreckten, Waffen einzusetzen".
Dynamitstangen auf der Auto-Rückbank
In einem Fernsehinterview mit Güner Gaus erklärte Dutschke am 3. Dezember 1967:
"Ich halte das bestehende parlamentarische System für unbrauchbar." Er äußerte
sich in der Öffentlichkeit moderater als intern, aber ziemlich mehrdeutig: "Wäre
ich in Lateinamerika, würde ich mit der Waffe in der Hand kämpfen. Ich bin nicht
in Lateinamerika, ich bin in der Bundesrepublik. Wir kämpfen dafür, dass es nie
dazu kommt, dass Waffen in die Hand genommen werden müssen. Aber das liegt nicht
bei uns." Wenn aber "bundesrepublikanische Truppen in Vietnam oder in Bolivien
oder anderswo kämpfen", führe dies dazu, "dass wir dann im eigenen Land auch
kämpfen werden."
Vor diesem Hintergrund ist auch Dutschkes Beziehung zu dem linksradikalen
italienischen Verleger und Millionär Giangiacomo Feltrinelli interessant, der
beträchtliche Geldsummen zur Verfügung stellte. Mit Feltrinellis finanzieller
Hilfe wurde 1967/68 das "Internationale Nachrichten- und Forschungsinstitut" (INFI)
aufgebaut, das in Dutschkes Augen eine Zentrale für die Kombination legaler und
illegaler Arbeit darstellen und die Illegalität kleiner Gruppen ermöglichen
sollte.
Der Mailänder, einst Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, begeisterter
Anhänger von Black Power in den USA, Anhänger der palästinensischen
Fatah-Bewegung und Freund Fidel Castros, klopfte vor dem Vietnam-Kongress im
Februar 1968 an die Tür der Dutschkes und zeigte die mit Dynamitstangen gefüllte
Rückbank seines Autos. Im Schutz der Dunkelheit brachte er die Ladung in die
Wohnung. Am nächsten Tag sollte das Dynamit im Kinderwagen von Dutschkes Sohn
Hosea-Ché in eine konspirative Wohnung weitertransportiert werden. Feltrinelli
habe, so Gretchen Dutschke, "befohlen", das Kind auf den hochexplosiven Stoff zu
betten, damit man keinerlei Verdacht errege. Später begrub Dutschke seinen Plan,
gemeinsam mit Feltrinelli mit dem Dynamit ein Schiff mit Kriegsmaterial für den
Vietnamkrieg in die Luft zu sprengen.
Bombe im Gepäck
Der aus Persien stammende Intellektuelle Bahman Nirumand berichtet, dass er im
März 1968 gemeinsam mit Dutschke mit einer Bombe im Gepäck von Berlin nach
Frankfurt und dann weiter nach Saarbrücken reiste. Ziel: die Sprengung eines
Antennenmastes des US-Soldatensenders AFN in Saarbrücken, damit es "zu einer
kurzen Unterbrechung der Sendung kommen konnte". Die Vorbereitungen durch einen
Genossen waren so lückenhaft, dass der Anschlag abgebrochen wurde. In jener
Zeit, im April 1968, gelang Andreas Baader und Gudrun Ensslin die erste
spektakuläre "Propaganda der Tat": die Kaufhausbrandstiftung in Frankfurt.
Festzuhalten bleibt der folgende Dreischritt: Dutschke hatte im Februar 1966
intern sein Guerillakonzept erläutert, es im September 1967 auf der öffentlichen
SDS-Bundesdelegiertenkonferenz propagiert – und er war auch einer der ersten,
der Sprengstoffanschläge durchführen wollte. Wie wenig Dutschke vom Pluralismus
hielt, geht aus einem Diskussionsbeitrag für die Evangelische Akademie Bad Boll
hervor: "Die Freiheit des Andersdenkenden meint nicht die Freiheit des
Faschisten", heißt es da, "sondern meint die Freiheit der verschiedenen
Fraktionen des sozialistischen Lagers, die endlich ernst machen mit der
Entfaltung der Demokratie und nicht mit der Unterdrückung der Demokratie." Wer
nicht zu den verschiedenen Fraktionen des sozialistischen Lagers gehöre, so
Dutschke, könne sich nicht auf Meinungsfreiheit berufen. Für ihn waren
repräsentative Demokratie und Parlamentarismus Ausdruck einer "repressiven
Toleranz" (Herbert Marcuse), die die Ausbeutung der Arbeiter verschleiere und
die Privilegien der Besitzenden schütze. Diese Strukturen sah er als nicht
reformierbar an.
Dutschke vertrat letztlich eine Konzeption der Verbindung von legaler und
illegaler Aktion. Im Gegensatz zur späteren Roten Armee Fraktion (RAF) wollte
Rudi Dutschke keine militärische Auseinandersetzung - auch wenn er am Grab des
nach einem Hungerstreik im Gefängnis gestorbenen Holger Meins ausrief: "Holger,
der Kampf geht weiter!". Doch er war ein Gegner der parlamentarischen
Demokratie, ein Befürworter von gezielten illegalen und gegebenenfalls
gewalttätigen Aktionen. Schon 1965 schrieb Dutschke, die Konfrontation mit der
Staatsgewalt sei zu suchen und unbedingt erforderlich. Und 1968 hat er auf die
Frage, ob er sich von Gewalt distanziere, geantwortet: "Nein, aber die Höhe
unserer gegenwärtigen Gewalt bestimmt sich durch das Maß der repressiven Gewalt
der Herrschenden."
Die Behauptung, Rudi Dutschke sei ein Verfechter der Gewaltfreiheit gewesen, ist
widerlegt.
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