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aus: spiegel online, 19. September 2010
Konservatismus-Debatte Herzschmerz bei der CDU
Von Gerd Langguth
So formulierte es Angela Merkel bei Anne Will im März 2009. Damit bemühte sich die CDU-Vorsitzende, das Erfolgsgeheimnis der Noch-Volkspartei CDU zu benennen, die in der Tat von den drei historischen Wurzeln, der christlich-sozialen, der liberalen und der konservativen geprägt wurde. Auch wenn die CDU von Beginn an eine pragmatische Partei war, signalisiert Merkels Aussage doch etwas Beliebiges, als könnte christlich-demokratische Politik sich heute mal als "liberal", am nächsten Tag vielleicht "sozial" und am dritten als "konservativ" präsentieren. Nach dem CDU-Grundsatzprogramm ist christlich-demokratische Politik aber alles andere als beliebig, da alle drei Traditionsstränge in jeder Entscheidungssituation gleichermaßen bedacht werden müssen, auch wenn sie jeweils unterschiedlich betont werden können. Dies zeigt das Problem auf, das viele Parteimitglieder - nicht nur dezidiert Konservative - mit ihrer Vorsitzenden haben. Ohne dass es immer so genau gesagt wird, wird ihr parteiintern eine Politik der Beliebigkeit vorgeworfen. Wahr ist, dass sie es bislang als unideologische, pragmatische Problemlöserin nicht verstanden hat, die geistigen Konturen, das Alleinstellungsmerkmal christlich-demokratischer Politik zu formulieren. Gleichzeitig fühlten sich manche Konservative schon immer von Merkel vernachlässigt. Sie sehen natürlich, dass die engsten Mitstreiter der Kanzlerin (Ronald Pofalla, Hermann Gröhe, Peter Hintze, Peter Altmeier) einem sozialen und liberalen Reformflügel zuzurechnen sind - mit Ausnahme ihres getreuen Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder, den man getrost als "Konservativen" bezeichnen kann. Dass jetzt die Konservatismus-Debatte ausgebrochen ist, war nur eine Frage der Zeit. Manche wollen sich auch nicht unmittelbar mit dem Führungsstil der Kanzlerin und der Parteivorsitzenden auseinandersetzen - und nutzen jetzt die Konservatismus-Debatte dafür.
Abweichungen nach rechts werden härter bekämpft Merkel hat systematisch auf alle Abweichungen nach rechts mit deutlicher Härte reagiert - von Hohmann angefangen, der mit kruden Thesen die Juden auch als "Tätervolk" bezeichnete, der dann von Partei und Fraktion ausgeschlossen wurde, bis hin zu Oettinger, der als einstiger Ministerpräsident einen seiner Vorgänger, Hans Filbinger, gar zum Widerstandskämpfer gegen Hitler hochstilisierte, was dieser nachweislich nicht war. Aber es störte manche Parteimitglieder, dass Merkel nicht in gleicher Weise Abweichungen nach links aufgegriffen hatte - wenn etwa ihr früherer Chef und einstiger Ministerpräsident Lothar de Maizière zeitweilig in Frage stellte, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Manchmal verbreitet Merkel den Eindruck, dass sie mit Rigidität alles, was sie als Rechtsabweichung ansieht, bekämpft, sie aber nicht das nutzt, was noch für Helmut Kohl ein wichtiger Kitt war: der Kampf gegen die Linke. Hingegen wurde ihr bei vielen Katholiken in ihrer Partei außerordentlich übel genommen, dass sie Papst Benedikt im Zusammenhang mit seiner Entscheidung hinsichtlich der rechtsextremen "Piusbrüder" öffentlich angegriffen hatte. Ist Erika Steinbach die letzte Mohikanerin der Konservativen in der Union? Fast möchte man es glauben, wenn man ihre Begründung nachliest, warum sie sich aus dem CDU-Vorstand zurückzieht. Mindestens zwei bekennende CDU-Konservative, der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus und der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier ziehen im November neu in das Parteipräsidium als Stellvertretende Vorsitzende ein. Auch der neue niedersächsische Ministerpräsident David McAllister und der neue Hamburger Bürgermeister Christoph Ahlhaus werden dem konservativen Lager zugerechnet. Erika Steinbach hat es mit ihrer Erklärung aber geschickt geschafft, ihr spezifisches Anliegen als Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV) gleichzusetzen mit den Anliegen vieler anderer Konservativer in der Union.
Eine verborgene Merkel-Debatte In Wirklichkeit ist die Konservatismus-Debatte zwar auch eine inhaltliche, im Wesentlichen aber eine verborgene Merkel-Debatte. Die Partei ist unruhig, schaut sorgenvoll auf die sechs Landtagswahlen im kommenden Jahr, insbesondere auf Baden-Württemberg. Sie ist unzufrieden mit dem Regierungsstil der Kanzlerin. Zweifelsohne gibt es einen Aderlass der Konservativen bei der CDU. Aber ist das nur Schuld der Parteivorsitzenden? Sicherlich auch, da sie wenig tut, die konservative Seele ihrer Partei anzusprechen. Dabei fällt auf, dass niemand in der Debatte klar zum Ausdruck bringt, was eigentlich unter Konservatismus zu verstehen ist - in der Tat ist diese Frage auch gar nicht abschließend zu beantworten:
Und so kann man viele Fragen durchdeklinieren und damit feststellen, dass es ein abgeschlossenes "konservatives" Weltbild überhaupt nicht gibt.
Kriterien konservativer Politik - eine Standortbestimmung Die Konservativen in der Union tun sich schwer, überhaupt eine inhaltliche Konservatismus-Debatte zu entfachen. Denn die Theoriearmut ist mit ein Charakteristikum des deutschen Konservatismus der Gegenwart. Wenn Frau Steinbach, der frühere Innenminister Jörg Schönbohm und andere der Union konservatives Profil weitgehend absprechen, dann hält das aber einer näheren Prüfung nicht Stand. Die CDU ist keine rein konservative Partei, sie hat aber von allen politischen Parteien der Gegenwart am ehesten eine konservative Standortbestimmung, die sich an folgenden Beispielen belegen lässt:
Warum viele Konservative Merkel misstrauen Von all diesen Kriterien für "konservative" Politik ist in den Debatten der Gegenwart überhaupt nicht die Rede. Das Misstrauen vieler Konservativer in der Union gegenüber Merkel kommt aber auch daher, dass Merkel im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Helmut Kohl kein wirkliches Verhältnis zur Geschichte erkennen lässt. Kohl war hingegen ein Geschichtsdeuter. Seine Hinweise auf die Geschichte rührten konservative Seelen an. Merkel erscheint vielen als eine Hier-und-Jetzt-Kanzlerin, die auf geschichtlichen Deutungen verzichtet. Auch ihre Ankündigung nach dem Rauswurf des erzkonservativen Abgeordneten Martin Hohmann, sie wolle in ihrer Partei eine Debatte über Patriotismus führen, blieb folgenlos. Es müsse "eine breite Diskussion über Patriotismus und Liebe zum Vaterland" geben, meinte sie noch im November 2003. Doch gemerkt hat man davon nichts. Alles Emotionale ist der Naturwissenschaftlerin fremd. Und so fremdeln die Konservativen in der Partei weiter mit ihr. | |||||||||||||||||||||||||||||