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16. August 2011Boetticher-AffäreDie Moral von der Geschicht'Von Gerd Langguth
Er verliert erst den Landesvorsitz
und die CDU-Spitzenkandidatur, dann auch den
Fraktionsvorsitz der CDU
im Kieler Landtag - es ist ein tiefer Fall für den
schleswig-holsteinischen Politiker Christian von
Boetticher. Was wird ihm zur Last
gelegt? Er hat im Internet ein 16-jähriges Mädchen kennen und lieben
gelernt. Solange er nicht eine Abhängigkeit der jungen Frau ausnutzt, sagt
der Gesetzgeber, ist das nicht strafbar. Warum dann der Rücktritt?
Die erste und unmittelbare Antwort ist einfach: Für Politiker gelten zwar nicht andere Gesetze als für Normalsterbliche, wohl aber andere Maßstäbe. Bei aller Politikerverachtung wollen viele Bürger in ihren Volksvertretern ein geistig-moralisches Vorbild sehen. Außerdem hat Boetticher natürlich eine politische Grundregel missachtet: Schaffe nie Tatbestände, auch nicht im Privaten, die dich erpressbar machen. Politische Prominente vermeiden es meist aus genau diesem Grund, in privaten Dingen vor Gericht zu ziehen. Ein Beispiel: Welcher Politiker will es schon in der Boulevardpresse nachlesen, wenn er einen Mieter wegen künftiger Eigennutzung vor die Tür setzen will? "Familie vor dem Aus" ist dann noch eine der harmloseren Schlagzeilen, mit denen er rechnen müsste. Wobei der geneigte Leser dann noch selbst überlegen kann, ob der Eigennutzer Probleme zu Hause hat - oder die Familie, die ausziehen muss. Freudlos-puritanische Deutsche Ganz anders sähe es übrigens aus, hätte sich die Liebesgeschichte von Christian von Boetticher nicht in Deutschland, sondern, sagen wir, in Italien oder Frankreich abgespielt. Auch da ist Silvio Berlusconis angebliche Affäre mit einer minderjährigen Marokkanerin ein Skandal - aber weil er mutmaßlich dafür bezahlt haben soll. Premierminister ist er immer noch, und er genießt sogar die Lästereien, dass er im hohen Alter von bald 75 Jahren noch mit derart jungen Frauen verkehrt. Und Frankreich? Es gehört fast zur Aura der französischen Präsidenten, dass im Volk mit einer gewissen Bewunderung über ihre Affären gemunkelt wird. Die deutschen Politiker wirken da im Blick auf ihr Liebesleben deutlich provinzieller - und die Deutschen insgesamt freudlos-puritanisch, wenn es um die Einschätzung von Affären ihrer Regierenden geht. Als Skandale noch Staatskrisen auslösten Gleichwohl sind die Deutschen im Laufe der Zeit liberaler geworden, wenn es um das Privatleben von prominenten Politikern geht, wie ein Rückblick zeigt:
Heute hingegen kann sich sogar eine Landesbischöfin scheiden lassen - und mit Gerhard Schröder hatten wir einen Regierungschef, den die Öffentlichkeit wegen seiner vier Ehen und vier Eheringe liebevoll spöttisch "Audi-Kanzler" nannte. Sein Außenminister Joschka Fischer bringt es sogar auf olympische fünf Eheringe. Dass Affären nach wie vor Gefahren für politische Amtsträger in sich bergen, zeigt der Fall des ehemaligen EU-Kommissars Günter Verheugen, den das ungeklärte Verhältnis zu seiner Kabinettschefin kommissionsintern sehr geschwächt hat. Mit "Wowi" kippte die Haltung der Deutschen Es ist nicht genau auszumachen, wann die Haltung der Deutschen hin zu mehr Liberalität kippte. Am ehesten lässt sich das auf das Jahr 2001 datieren, jenes Jahr, in dem sich Klaus Wowereit mit seinem "und das ist gut so" zu seinem Schwulsein öffentlich bekannte. Bedenkenträger, die daraufhin prophezeiten, das Bekenntnis werde erst ihm und dann der SPD schaden, wurden eines Besseren belehrt. Die CDU tut sich dabei insgesamt schwerer, diese Form der Liberalisierung zu akzeptieren. Auch wenn selbst bei der Union die Säkularisierung zum Leidwesen der katholischen Kirche inzwischen Wirkung zeigt - mehr Abgeordnete der Union sind geschieden als man glaubt, angeführt von der Parteivorsitzenden - so ist etwa Fremdgehen in der CDU doch verpönter als in anderen Parteien. Da ist auch das Beispiel des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer keine Ausnahme. Nur zähneknirschend ertragen viele CSU-Mitglieder, dass der einstige Bundeslandwirtschaftsminister das freudlose Politikerleben im Abgeordneten-Apartmenthaus mit der Mitarbeiterin eines Kollegen aufgehellt hatte. Boettichers Rücktritt? Nicht zu umgehen Sex statt Amt: Diese Alternative gilt heute zwar nicht mehr. Doch für moralisch vorbildlich hält die deutsche Öffentlichkeit die meisten Politiker schon lange nicht mehr. Insofern gilt das gesamte Interesse der Frage: Wie geht der Ertappte mit der Situation um und wie steht es um die verlassene Ehefrau? Dabei ist für Unterhaltung gesorgt. Im Fall Boetticher gab es angeblich keine betrogene Frau, doch einer konservativen Partei ging dieser moralische Grenzgang dann doch deutlich zu weit. Seine Geliebte war erst 16 Jahre alt, was das Gesetz so gerade eben toleriert. Zu viele christdemokratische Wähler und Parteimitglieder waren enttäuscht von ihm. Für viele spielte nicht die Rechtslage, sondern die Moral die Hauptrolle: Auch was rechtlich in Ordnung ist, kann moralisch anstößig sein. Auch in der CDU Schleswig-Holstein gibt es überzeugte Christen und Kirchgänger, die mit Boettichers Verhalten nicht einverstanden sind. Außerdem wäre der gesamte Landtagswahlkampf von dieser Affäre überlagert gewesen, was die Wahlchancen geschmälert hätte. "Das tut man nicht", war das vorherrschende Urteil. Ein Moralurteil, noch dazu in Liebesangelegenheiten, wiegt häufig schwerer als eine Rechtsexegese. | |||||||||||||||||||||||||||||