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Vortrag an der Sorbonne, Paris, 28. Februar 1996; gekürzter Abdruck in: Neue Zürcher Zeitung (Die Deutschen und ihre nationale Identität Schwieriger Umgang mit einem vernachlässigten Begriff") vom 12./13. Oktober 1996 und in der Swiss Review of the World Affairs (The Germans and Their National Identity"), Januar 1997, S. 9-11.
Die Identität der Deutschen
Von Gerd Langguth
Die komplizierte Haltung der Deutschen zu ihrer eigenen Nation scheint im Ausland häufig nur schwer nachvollziehbar. So fragt etwa der französische Politikwissenschaftler Henri Ménudier: (...) sind etwa mangelnde Selbstsicherheit und Identitätsschwierigkeiten der Bundesrepublik Deutschland Gründe für ihr Verhalten? Ist gar der Schluß zulässig, daß die Deutschen an sich selbst, an ihren Mitbürgern, an ihrem Land, an ihrer Fähigkeit, die Zukunft zu bewältigen, zweifeln?" Kann darum ein Land wie Deutschland wirklich ein verläßlicher Partner sein, wenn die Deutschen das Verhältnis zu ihrer Nation nicht klären und darum auch Fragen nach ihrer Identität offen bleiben? Wird die deutsche Einheit und die deutsche Nation von den" Deutschen wirklich innerlich angenommen? Oder handelt es sich vor allem um eine Krise der interpretierenden Klasse", den" Intellektuellen in Deutschland?
So war es denn auch der Franzose Jacques Delors, der anläßlich des Jahrestages der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1993 den Deutschen in einer viel beachteten Rede fragend einen Spiegel vorhielt: "Ist die Aufgabe, die Einheit im Herzen der Menschen in Deutschland zu verankern, zu groß? Ist der Preis dieser Einheit zu hoch? Fehlt es an der Bereitschaft, diese neue Welt zu akzeptieren?" Und Delors rief den Deutschen zu: "Eure Nachbarn in Europa können sich über so viel Kleinmut nur wundern! Und ich bin sicher, daß das in der Öffentlichkeit gezeichnete Bild der klagenden Deutschen nicht Ausdruck der wahren Befindlichkeiten ist. Ist Ihr Land, das in den letzten Jahrzehnten ein politisches und wirtschaftliches Wunder zustande gebracht und so tatkräftig am Aufbau Europas mitgewirkt hat, nicht inzwischen ein Beispiel für Demokratie, Bürgernähe und Rechtsstaat geworden? Hat soziale Marktwirtschaft nicht Modellcharakter für viele Staaten dieser Erde? Ist es ein Zufall, daß der amerikanische Präsident das deutsche Modell wählt, um auf dessen Grundlage das Gesundheitssystem seines Landes zu reformieren? Ich bin sicher: Die Freude der Menschen, die am 3. Oktober 1990 in den Straßen Berlins den Tag ihrer Einheit feierten, bleibt Teil des Vermächtnisses Ihrer Nation. Ich meinerseits, der ich das Privileg hatte, an diesem Tag an den Feierlichkeiten teilzunehmen, werde jedenfalls das Bild der friedlichen und glücklichen Menschen, eines Volkes, das seiner tiefen Freude so würdig Ausdruck gab, stets in meiner Erinnerung bewahren!"
Wer - wie Delors - an den Feiern in und um den Berliner Reichstag teilnahm, wird die Erinnerung ausgelassener Fröhlichkeit nicht mehr verlieren. Mit der Überwindung der deutschen Teilung schien plötzlich eine Quelle internationaler Unsicherheit und Spannung beseitigt worden zu sein: 17 Millionen Menschen erlangten die ihnen lange vorenthaltene Freiheit. Die schwarz-rot-goldenen Nationalfarben und -flaggen wehten damals nicht zufällig neben europäischen Symbolen und Fahnen. Es ist wahr: 1989 gab es in Deutschland keinen Nationalrausch - eher schon so etwas wie einen Harmonierausch" - und dies, obwohl die Krise um den Irak neue Bedrohungen aufzeigte. Viele Deutsche gaben sich der Illusion hin, daß nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die Konflikte in der Welt nun zunehmend beseitigt würden, daß "Friede" an die Stelle bisheriger fundamentaler Konflikte trete. Ganz offensichtlich fühlten sich gerade die Deutschen, die die Ost-West-Konfrontation so hautnah erlebt und erlitten hatten, besonders von dieser Sehnsucht nach Harmonie getrieben. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges hatten die Deutschen Zurückhaltung verinnerlicht, ihrer Verpflichtungen im westlichen Bündnis und der Europäischen Gemeinschaft bewußt, aber vorsichtig mit jedem lautstarken Engagement. Die bescheidene Zurückgezogenheit" bot den Deutschen - obgleich an der Nahtstelle zwischen Ost und West - einen Hort der vorläufigen Sicherheit". Um so mehr gab es nun die Hoffnung auf definitive Harmonie". Insofern wirft die Wiedervereinigung auch ein Schlaglicht auf das Selbstverständnis vieler Deutscher.
Die Wiedervereinigung - betrachtet vor 1989
Wie standen die Deutschen zu den Zielen der Wiedervereinigung - unabhängig von den eher zurückhaltender werdenden Deklamationen auf dem Felde der Politik - tatsächlich? Je länger die deutsche Teilung andauerte, desto mehr - so schien es - wurde sie von den Deutschen innerlich angenommen. 1960 sprachen sich (nach Allensbach) 48 Prozent gegen einen Verzicht auf Wiedervereinigung aus, 18 Prozent hingegen für einen Verzicht (34 Prozent waren unentschieden). Allerdings glaubten 1984 (nach Allensbach) nur noch 22 Prozent an die Wiedervereinigung, 53 Prozent glaubten nicht mehr daran (unentschieden: 27 Prozent). Trotzdem war im Januar 1984 die überragende Mehrheit der Westdeutschen mit 79,6 Prozent prinzipiell für die Wiedervereinigung (3.9 Prozent dagegen, 16,2 Prozent war diese gleichgültig [Forschungsgruppe Wahlen]). Weitere Umfragen zeigen indes, daß bei den 16- bis 29jährigen 1981 nur noch 44 Prozent eine Wiedervereinigung sehr" wünschten und fünfzig Prozent diese für nicht so wichtig" hielten (Allensbach). Wird die deutsche Teilung - so mußte man sich früher fragen - nicht zunehmend von den nachwachsenden Generationen innerlich akzeptiert, weil diese keine gesamtdeutschen Erfahrungen mehr machen konnten? Mit dem Bau der Mauer 1961 war es immerhin für etwa zwei Jahrzehnte den Deutschen praktisch unmöglich, zueinanderzukommen. Eine Nation entfremdet sich selbst", wenn das Gefühl der inneren Zusammengehörigkeit verhindert wird. Genau dies geschah: So gab es in Westdeutschland zunehmend die Tendenz, den Begriff Deutschland" allmählich auf Gebiet und Bevölkerung der Bundesrepublik zusammenschrumpfen zu lassen. Als 1984 die Frage gestellt wurde: Wenn von Deutschland die Rede ist, was ist das für Sie? Die Bundesrepublik Deutschland, die Bundesrepublik und die DDR, das ehemalige Deutsche Reich oder haben Sie keine bestimmten Vorstellungen?" identifizieren 57 Prozent den Begriff Deutschland" mit der (westdeutschen) Bundesrepublik, 27 Prozent mit der Bundesrepublik und der DDR, 8 Prozent mit dem ehemaligen Deutschen Reich (8 Prozent hatten keine bestimmten Vorstellungen [Forschungsgruppe Wahlen]). 1984 betrachteten 33 Prozent der westdeutschen Bevölkerung die DDR als Ausland" - bei den 14- bis 29jährigen Befragten taten dies gleichwohl 49 Prozent (Infratest). Für viele war der europäische Nachbar, mit dem man zumindest reisend zusammenkam, näher und vertrauter als der deutsche, der durch die Mauer in fast unüberbrückbare Ferne rückte.
Während in Westdeutschland die Kenntnisse über die DDR außerordentlich gering waren - zwei Drittel der 1981 befragten Jugendlichen im Alter von 14 bis 21 Jahren zeigten sich an der DDR generell desinteressiert: So vermochten nur sechs Prozent die Frage nach der Einwohnerzahl der DDR korrekt zu beantworten - war Westdeutschland für die Politik der DDR-Führung, aber auch für das Denken in der Bevölkerung der tägliche Bezugsrahmen - freilich einer, der ein Zerrbild widerspiegelt: einerseits der kapitalistische Staatsfeind, andererseits das Paradies des goldenen Westens. Psychologisch provozierend dürfte dabei für die DDR-Führung insbesondere die Tatsache gewirkt haben, daß der besondere Status von Berlin und insbesondere die Insellage des kapitalistischen" West-Berlin als Stachel im Fleische der DDR" dem ostdeutschen Regime täglich die eingeschränkte Souveränität vor Augen führte. Fünf Punkte gilt es, in diesem Zusammenhang zur Stimmungslage von Ost- und Westdeutschen herauszuheben:
Der überwiegende Teil der westdeutschen Bevölkerung war prinzipiell für eine Wiedervereinigung der Deutschen - aber nur unter westlich-freiheitlichen Bedingungen. Die europäische Integration war für die Westdeutschen psychologisch auch deshalb so wichtig, weil sie damit in den Kreis freier und demokratisch gesinnter Nationen aufgenommen wurden. Aufgrund der jungen deutschen Geschichte war Europa" für viele Deutsche eine Art Ersatz für ein verlorenes, untergegangenes Vaterland.
Es gab Gewöhnungsprozesse an die deutsche Teilung, zumal die Deutschen nach dem Mauerbau 1961 bis zu den innerdeutschen Verträgen des Jahres 1971 so gut wie nicht unmittelbar miteinander kommunizieren konnten. Dabei interpretierten zunehmend Westdeutsche Deutschland" als die (westdeutsche) Bundesrepublik.
Die Todesschüsse an der Berliner Mauer und am innerdeutschen Stacheldraht, aber auch Fluchtversuche über Drittländer wie Ungarn zeigten die prinzipielle Unzufriedenheit der einstigen DDR-Bevölkerung mit ihrem Regime auf. Dennoch war es gerade der Mauerbau, der die Menschen sich in Ostdeutschland innerlich auf ein unerwünschtes Regime einrichten ließ, mit dem man sich zunehmend arrangieren mußte - dies in manchen Fällen sogar, um zu überleben". Nach dem Mauerbau machte sich bei den Deutschen nur all zu schnell das Gefühl breit, daß der Westen" und insbesondere die USA das Eingesperrtsein" nicht zu verhindern in der Lage seien. Da die DDR-Machthaber versprochen hatten, die sozialen und ökonomischen Standards der Bundesrepublik zu überholen, blieb der Wettbewerb mit Westdeutschland und die tägliche Fixiertheit auf Westdeutschland wesentliches Charakteristikum der DDR-Politik. Und dies blieb auch so, obwohl ab der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre der SED-Staat seinen einstigen Anspruch auf nationale Einheit der Deutschen aufgab und sich krampfhaft darum bemühte, so etwas wie eine eigene nationale Identität zu verordnen. Das Modell einer eigenen sozialistischen deutschen Nation" mußte jedoch eine blutleere, ideologische Konstruktion ohne Überzeugungskraft bleiben. Die Nationalhymne der einstigen DDR durfte beispielsweise nicht mehr gesungen werden, weil der von Johannes R. Becher formulierte Text die Forderung Deutschland, einig Vaterland" beinhaltete. Auch die Behauptung, die DDR sei die legitime Nachfolgerin der deutschen Kulturnation Goethes und Schillers - was auch die Feierlichkeiten zu Martin Luthers 500. Geburtstag im Jahre 1983 unterstreichen sollten - blieb ebenso täuschende Fassade wie die Einverleibung von Carl von Clausewitz und des Alten Fritz zum nationalen Traditionsbestand: Es handelte sich hier um einen zum Scheitern verurteilten Versuch der Abgrenzung, um dem Konkurrenzdruck mit dem freiheitlichen, wirtschaftliche prosperierenden und politisch stabilen Gemeinwesen im Westen Deutschlands auszuweichen. Die DDR-Identität war damit eine verordnete und sich selbst nur abgrenzend - also negativ - definierende. Eine verordnete Identität aber kann immer nur eine vorläufige bleiben.
Auch wenn die junge Generation in Westdeutschland - trotz der 68er Revolte" - gleichwohl relativ zufrieden mit der Gesellschaftsordnung war, so war und ist es doch für viele - gerade junge - Deutsche nicht unproblematisch, stolz" auf das eigene Land zu sein - deswegen verband sich der Stolz auch mehr mit den demokratischen und wirtschaftlichen Leistungen des Nachkriegs-West-Deutschland. Kritisch nachzufragen wäre, ob eine Generation - so wenig sie sich schuldig für Verbrechen der Nazi-Diktatur, der sie nicht angehörte, fühlen kann, - stolz sein kann auf die Leistungen der Generation des Wiederaufbaus, der sie auch nicht angehörte. Auf was sind Deutsche als Deutsche stolz? Umfragen zeigen, daß in Westdeutschland an erster Stelle die erfolgreiche Wirtschaft steht. Symbole oder auch die gemeinsame Sprache und Kultur werden weit seltener genannt. Dies gilt auch für die junge Generation. 31 Prozent der Befragten beantwortet die Frage Was ist für Sie Nation?" mit gar nichts". Dennoch sind 52 Prozent stolz, Deutsche/Deutscher zu sein. Das Auseinanderdriften der beiden Werte erklärt sich schnell: Die Frage Worauf kann man als Deutscher stolz sein?" beantworten 47 Prozent klar mit deutsche Produkte" und 41 Prozent mit die Leistungen der deutschen Wirtschaft." (Emnid, 1994) Dagegen waren und sind Menschen in der ehemaligen DDR vor allem auf ihre sportlichen Leistungen stolz. Vor diesem Hintergrund bleibt es Aufgabe deutscher Politik und insbesondere der politischen Bildung, auch angesichts tragischer Verirrungen des Holocaust, die positiven Momente deutscher Geschichte und deutscher Kultur aufzeigen: die Freiheitsbewegungen, das Hambacher Fest, die demokratische Tradition der alten Bundesrepublik Deutschland sowie die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR - nicht zu vergessen den Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953. Mehr noch: Auch die negativen, dunklen Flecken deutscher Geschichte müssen als gemeinsame Geschichte begriffen werden. Die gemeinsame Geschichte Deutschlands zeigt auf, daß die gemeinsame Einheit eine Einheit nach außen statt nach innen war. Die geteilte Geschichte dagegen enthüllt, daß beide Teile Deutschlands Identität verordnet bekamen, statt eine solche zu leben. Dies gilt durchaus auch für Westdeutschland, das natürlich - im Gegensatz zum Osten - dessen Identität nicht staatlich verordnet wurde, wohl aber durch die historische Konstellation. Sie bot Schutz und Hilfe und sie garantierte Freiheit.
Während der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung die Wiedervereinigung bejahte, waren die meisten intellektuellen Wortführer - und manche Politiker - hinsichtlich einer zu erstrebenden Einheit der Deutschen sehr skeptisch. Dies wird heute gern vergessen. Noch im Januar 1989 schrieb beispielsweise die Zeit"-Mitherausgeberin Marion Gräfin Dönhoff: Nach vierzig Jahren müssen wir einsehen, daß Adenauers Versprechen, die Politik der Stärke werde zur Wiedervereinigung führen, dieses Ziel nur blockiert hat. Wir müssen umdenken." Selbst Willy Brandt, der sich als Verfechter der staatlichen Einheit seit Herbst 1989 besonders stark gegen den Kanzlerkandidaten der SPD, Oskar Lafontaine, profilierte, sprach noch 1988 davon, daß die Wiedervereinigung die Lebenslüge der Bundesrepublik" sei. Vielleicht aber waren diese Einschätzungen auch ganz natürlich für ein Land, das im Zentrum des Ost-West-Konfliktes stand, das - solange es eine Vier-Mächte-Verantwortung über Deutschland als Ganzes gab - noch nicht souverän und damit außenpolitisch auch nicht voll handlungsfähig war. Ganz unmittelbar symbolisierte dies der besondere Status Berlins. Dort waren es die Westallierten, besonders die französische "Schutzmacht", die immer wieder darauf drängten, die Besonderheiten des Berlinstatus zu perpetuieren, wurde damit doch betont, daß rechtlich und politisch die Folgen des für Deutschland verlorenen Zweiten Weltkrieges noch nicht überwunden waren. Auch die frühere Sowjetunion verzichtete nicht auf ihre Rechte als Siegermacht. Die deutsche Einheit kam schließlich, ohne daß die Deutschen hierauf wirklich vorbereitet waren. Einen Marshall-Plan" zur Lösung des ökonomischen Zusammenwachsens zweier unterschiedlicher Wirtschaftssysteme gab es nicht, auch nicht wie die Deutschen wieder zu einer Nation zusammenwachsen sollten. Und - das ist das besondere an der Diskussion in Deutschland - als Nation" wird dort was anderes verstanden, als in vielen anderen Staaten:
Was ist des Deutschen Vaterland?
Die Frage Was ist des Deutschen Vaterland?" war nie leicht zu beantworten. Die Diskussion um Fragen nationaler Identität gestaltete sich in Deutschland deshalb schon immer schwierig, weil gerade im letzten Jahrhundert die Vorstellungen über Form und Inhalt der Nation weit auseinandergingen. Die für Deutschland charakterischtische Regionalisierung hat bekannte Gründe: Die konfessionelle Spaltung Deutschlands seit dem 16. Jahrhundert ebenso wie die sich ausbreitenden absolutistischen Landesverwaltungen oder die ganz unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungsstandards. So blieb doch vor allem immer ein landschaftliches, regionales Zugehörigkeitsgefühl charakteristisch. Zugleich bildete die Loyalität gegenüber einer eingesessenen Dynastie die Wurzel für den Landespatriotismus. Erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wuchs in der gebildeten Bevölkerung - noch sehr zurückhaltend - so etwas wie eine Nationalkultur".
In Frankreich dagegen liegen die demokratischen Wurzeln des modernen Nationalismus sehr viel tiefer als in Deutschland. Zwar gab es in Deutschland ebenfalls emanzipatorische Bewegungen, wie das Wartburg-Fest 1817 oder das Hambacher Fest 1832 und im März 1848 kam es, ausgehend von Baden, überall zu Versammlungen, die demokratische Freiheiten einforderten - und als Folge davon zu dem sich im Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche konstituierenden Parlament. Die nationale Idee war zu diesem Zeitpunkt noch mit der Forderung nach demokratischen Freiheiten verbunden. Die deutsche Kulturnation sollte in eine Staatsnation verwandelt werden. Doch mit der Entscheidung für einen kleindeutschen, "unvollendeten" Nationalstaat im Jahre 1871 wurde die Einigung Deutschlands "von oben" herbeigeführt und legitimierte sich durch seine Abgrenzung nach außen. Es entstand ein autoritärer Machtstaat. Der Begriff der "deutschen Nation" blieb damit zunächst mit dem "des Obrigkeitsstaates" fatal verbunden. Als "verspätete Nation" (Plessner) erfolgte ein - gemessen zu anderen wichtigen Mächten Europas - später Eintritt in das Konzert der Mächte.
Neben der konfessionellen Teilung Deutschlands waren es vor allem die "Revolution von oben" - die verordnete Einheit - und die Unterscheidung zwischen einer Kultur- und Staatsnation, die für die Sonderentwicklung Deutschlands im nationalen Verständnis ausschlaggebend wurden. Demnach waren nicht Freiheit und Selbstbestimmung innerhalb der Nation in erster Linie das Ziel eines nationalen Bewußtseins, sondern vielmehr die Einheit nach außen. Die quasi "extrovertierte Einheit" verhinderte die "introvertierte" - eine feste Einheit nach innen als Basis einer gefestigten nationalen Identität blieb aus - ebenso wie die notwendige Verankerung des nationalen Bewußtseins an demokratische Prinzipien. Im Gegenteil: Der Nationbegriff geriet in Deutschland zunehmend in Entfremdung zu den Prinzipien der Demokratie. Zwar hat die Weimarer Republik später erstmals die deutsche Einheit auf der Grundlage einer freiheitlichen, parlamentarisch-repräsentativen Demokratie verwirklicht, doch blieb dieser Staat innerlich ungefestigt und die Demokratie wurde als Staatsform im Grunde nicht akzeptiert.
Nach zwölf Jahren NS-Diktatur, einem von Deutschland entfesselten Weltkrieg und dem Grauen des Holocaust konnte es nach 1945 kein intaktes nationales Selbstverständnis der Deutschen mehr geben. Zugleich ging in Deutschland der Eiserne Vorhang nieder. Mauer und Stacheldraht zerschnitten Deutschland in zwei Teile und ließen zwei Staaten entstehen, die unterschiedlichen Systemen angehörten und sich gegenseitig Legitimität und Daseinsberechtigung absprachen. Je länger die Anomalie der Teilung andauerte, desto ferner rückte die Aussicht auf ein (gemeinsames) Bewußtsein nationaler Zugehörigkeit. Mit dem Fall der Mauer und der Aufhebung der Zweistaatlichkeit hat sich die Ausgangslage der deutschen Frage geändert. Sie ist jedoch mitnichten gelöst. Ein Kardinalproblem der wiederhergestellten deutschen Nation liegt in ihrer belasteten Geschichte: "Angesichts der im Nationalsozialismus erfolgten Verschmelzung von Regime und Nation, findet sich die letztere durch erstere kontaminiert" (Dan Diner).
Die Rolle der Intellektuellen
Sicher wäre nichts verhängnisvoller, als den nationalen Diskurs extremen Bewegungen von Links und Rechts anheim fallen zu lassen. Die Idee eines solidarischen und durchaus wertgebundenen Nationsbewußtseins - seit der europäischen Aufklärung ein allgemeines Anliegen der Dichter und Denker - hat in der Nachkriegszeit zusehends an Beachtung verloren. Es ist daher Martin Walser zuzustimmen, wenn er feststellt, daß "die Entwicklung rechtsextremer Gruppierungen eine Antwort ... auf die Vernachlässigung des nationalen durch uns alle" ist, dann muß der Blick auch auf die historischen und literarischen Traditionen des Denkens über die Nation gelenkt werden. Besonders charakteristisch für die Situation in Deutschland erwies sich, daß die Haltung der meisten (in der Öffentlichkeit bekannten) Intellektuellen zur Mehrheit der Bevölkerung im Widerspruch stand. Der Großteil der deutschen Intellektuellen schien mit dem Nationbegriff und der Einheit der Deutschen wenig anfangen zu können: "Deutschland, das Land der Deutschen, ein Wort ohne Anwendbarkeit", klagte Dieter Wellershoff 1979. Andererseits schloß die Reflexion auf Vaterland immer schon das Leiden an der nationalen Trennung ein, etwa bei Botho Strauß, der 1984 schrieb: "Kein Deutschland gekannt zeit meines Lebens. / Zwei fremde Staaten nur, die mir verboten, / je im Namen eines Volkes der Deutsche zu sein".
Den Intellektuellen hat die deutsche Einheit nicht die Sprache verschlagen, wie oft behauptet wurde. Im Gegenteil: Selten haben sie sich so ausführlich, vielseitig und kontrovers zur politischen Situation der Zeit geäußert wie in den letzten Jahren. Unverkennbar ist allerdings, daß der traditionelle Anspruch, als Repräsentant und Gewissen der Nation zu sprechen, einem skeptischeren Rollenverständnis hat weichen müssen: dem des entzauberten Intellektuellen, den in einer unübersichtlich gewordenen Welt "nichts mehr zu tieferer Weisheit ... privilegiert" - wie Hauke Brunkhorst zugespitzt, aber nicht zu Unrecht gesagt hat -, der sich aber dennoch, mit Sartres treffender Formulierung, auf eigenes Risiko in Dinge einmischt, die ihn - scheinbar - nichts angehen. Es sind häufig die Schriftsteller, die sich als Stichwortgeber und als Bedenkenträger der nationalen Frage auszeichnen, auch wenn sie ihr Interpretationsmonopol längst verloren haben. Uwe Johnson hat schon 1959 in seinen "Mutmaßungen über Jakob" das Unrechtsystem der SED minuziös beschrieben - doch das heute zum Klassiker avancierte Buch des bis 1959 in der ehemaligen DDR lebenden Schriftstellers fand keine breite Leserschaft.
Insgesamt war die Haltung der deutschen Intellektuellen schon gegenüber der Teilung nicht einhellig, sondern zwangsläufig widersprüchlich. Verhältnismäßig viele Intellektuelle plädierten - lauter oder leiser - für eine Vernünftigmachung der Teilung, wobei interessanterweise die DDR-Intellektuellen stärker als in den anderen Staaten des sogenannten "Ostblocks" zur Verteidigung ihres eigenen Landes aufriefen. Kritische Intellektuelle waren prinzipiell im Marxismus mehr verwurzelt als ihre Kollegen in den anderen zentral- und osteuropäischen Staaten. Auch plädierten noch am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz Christa Wolf, Stefan Heym (der als Parteiloser für die PDS im Oktober 1994 erfolgreich für den Deutschen Bundestag kandidierte) und Friedrich Schorlemer (Pfarrer, jetzt SPD-Politiker, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels) für die Renovierung der alten DDR. Doch ihr Aufruf "Für unser Land" bewirkte das Gegenteil in der ostdeutschen Bevölkerung. Der Sozialismus war zusammengebrochen, von der eigenen Bevölkerung abgeschafft - jedoch gegen den Willen der großen Mehrzahl der Intellektuellen der einstigen DDR.
Die Auseinandersetzung der Intellektuellen mit der Nation nach 1989 ist nicht umsonst eine Frage der Bewertung der deutschen Einigung. Paradigmatische Fälle sind Günter Grass und Martin Walser als "Antipoden" im "Gewissen der Nation". In einem 1980 erschienen Buch ging Günter Grass von "zwei Staaten einer Nation" und von der Literatur als einzigem gesamtdeutschen Band aus: "Als etwas Gesamtdeutsches läßt sich in beiden deutschen Staaten nur noch die Literatur nachweisen, sie hält sich nicht an die Grenze, so hemmend ihr die Grenze gezogen wurde." Noch während des Einigungsprozesses forderte Grass "eine Konföderation der beiden deutschen Staaten und deren erklärten Verzicht auf den Einheitsstaat", was der europäischen Einigung entgegenkomme. In einem Interview formulierte er schließlich: "Aus Gründen der Sicherheit in Mitteleuropa muß es bei der Zweistaatlichkeit bleiben", wobei er auf die Frage "Was kann denn eigentlich die DDR in eine wie auch immer geartete Zweisamkeit der beiden deutschen Staaten einbringen?" die DDR fast nostalgisch kennzeichnete: "Etwas, das vielleicht jedem aufgefallen ist, der mehrmals in der DDR gewesen, etwas, das uns hier fehlt: Ein langsameres Lebenstempo, entsprechend mehr Zeit für Gespräche. Eine interne Nischengesellschaft (...) ist da entstanden, etwas Biedermeierliches wie zu Metternichs Zeiten."
Den Antipoden zu Günter Grass setzt Martin Walser, der die deutsche Einheit eindeutig befürwortete, aber in seiner Minderheitsposition zum Teil heftige Schmähungen durch seine intellektuellen Kollegen erfahren mußte. Walser postulierte unmißverständlich: "Ich weigere mich, an der Liquidierung von Geschichte teilzunehmen. In mir hat ein anderes Deutschland immer noch eine Chance" und: "Wir müssen die Wunde namens Deutschlands offenhalten." Solche Sätze waren vor 1989 unter deutschen Intellektuellen selten und stießen auf vehementen Widerspruch. Walser bekannte sich zu einem "Geschichtsgefühl" und sprach sich gegen eine "Vernünftigmachung der Teilung" aus. Er sieht in der europäischen Integration Deutschlands ein Gegengewicht zu einer deutschen Hegemonie in Mitteleuropa. Immer wieder mischt er sich hinsichtlich der deutschen Teilung optimistisch ein, so mit der Einschätzung: "Die Einheit mißlingt nicht." Die Liebe zum eigenen Land bedeutet für ihn keineswegs, die Ereignisse in der eigenen Nation unkritisch wahrzunehmen. Er appelliert "wider die Verdrossenheit der Medien": "Es gibt offenbar prinzipiell schlecht Aufgelegte, die es mit ihrer persönlichen Verdrossenheit nicht aushalten. Also sollen wir alle diese Verdrossenheit teilen. Jeder Saison verpassen die Verdrossenheitsstars eine neue Krisenmetapher." Die deutschen Medien seien die larmoyantesten der Welt. Seine Diagnose zu dem Problem der deutschen Einheit ist dagegen eine ganz konkrete: "Wir leiden an einem einzigen wirklichen Problem: Arbeitslosigkeit. Das ist wirklich das ernsthafteste Leiden dieser Gesellschaft." So pragmatisch können Intellektuelle - Schriftsteller! - argumentieren.
Der aus Ostdeutschland stammende Schriftsteller Günter de Bruyn plädiert dagegen für eine Kulturnation anstelle einer Staatsnation, äußert Einwände gegen die staatliche Einheit, da sie die "europäische Stabilität" gefährde, das Wohlstandsgefälle ignoriere und schließlich regionale Kulturvielfalt zerstöre. In seiner Begründung bemüht de Bruyn durch Berufung auf Herder und Jean Paul die Tradition. Vertreter einer Idee der "anderen Nation" ist der gefeierte - inzwischen verstorbene - Dramatiker Heiner Müller, der Stalingrad als "das Ende der deutschen Nation" interpretiert. Aufgrund des Scheiterns der sozialistischen Utopie konzentrierte er sich auf die Arbeit an der deutschen Geschichte als Vorbereitung einer "anderen", europäischen Kulturnation. Auch Hans Magnus Enzensberger ist in diesem Zusammenhang zu nennen, der in der deutschen Einheit eine Chance zur politischen Mündigkeit aller Bürger erkennt, als ein Bekenntnis zu praktizierten Demokratie: "Es ist den Deutschen nicht um den geistigen Raum der Nation (...) zu tun, sondern um Arbeit, Wohnen, Rente, Lohn". Er konstatiert das Ende zentraler Verheißungen europäischer Utopien: das Absterben des Staates und das Scheitern des Universalismus. Das Postulat der Freiheit habe sich gegen das der Gleichheit durchgesetzt. Schließlich seien nicht mehr Intellektuelle für die Konstruktion der nationalen Identität zuständig, sondern alle Bürger ("Wir sind das Volk"). Vergleichbar, aber pessimistischer ist Günter Kunert. Für ihn gibt es keine nationale Identität, nur die "Droge Nation" sowie den "Mythos Deutschland".
Das kurz aufgerissene Spektrum zeigt deutlich, daß "Nation" für viele deutsche Intellektuelle ein Begriff war und ist, mit dem sie nicht viel anzufangen vermögen und der sie eher auf Distanz bringt. Wenn jemand wie Walser unversehens in die Nähe rechtsradikaler Demagogen geschoben wird, weil er sich gegen eine Vernünftigmachung der Teilung ausspricht, dann zeigt dies, wie sehr der Begriff Nation" emotional belastet ist und die fehlgeleitete Emotionalisierung" des Begriffs in der nationalsozialistischen Diktatur heute noch Folgen zeitigt. Wenn die These richtig wäre, daß die Intellektuellen "die Architekten der nationalen Identität der Deutschen waren" (Bernhard Giesen), dann muß für die Gegenwart gelten, daß der intellektuelle Diskurs über die Nation heute konstitutiv für das Gelingen der "inneren Einheit" Deutschlands ist. Doch so wenig es "den" Intellektuellen die Sprache verschlagen hat, so wenig liefert auf der anderen Seite - sieht man von einigen Diskussionen im deutschen Feuilleton ab - die Debatte zwischen den deutschen Intellektuellen die Grundlage einer vertieften Diskussion innerhalb der bundesrepublikanischen politischen Elite. Vielleicht kam deshalb der Eindruck der Sprachlosigkeit der deutschen Intellektuellen nach der deutschen Einheit auf, weil ihre weitgehend intern gebliebene Diskussion auf keinen wirklichen Resonanzboden in der Bevölkerung und der Politik fiel. Ein Miß-Verständnis also zwischen der schriftstellerischen und der politischen Elite? Auch hier macht sich ein eklatanter Unterschied zu unserem französischen Nachbarn bemerkbar, die ein viel unverkrampfteres Verhältnis zu ihren Intellektuellen haben - sie sind ihnen verbunden.
In Deutschland ist das Verhältnis der Bevölkerung wie aber auch speziell der politischen Klasse" zu den Intellektuellen" eher ambivalent - und umgekehrt. So definierte das Lexikon Der neue Brockhaus" des Jahres 1938 symptomatischerweise den Intellektuellen" zweifach, nämlich einerseits als Mensch mit höherer geistiger Bildung", sodann wird er zweitens aber auch als einseitiger Verstandesmensch, bei dem Charakter und Gemüt hinter der Verstandesausbildung zurücktreten", charakterisiert. Sogar noch in der Brockhaus"-Ausgabe von 1954 findet sich die Definition des Intellektuellen als Mensch, der seinem Verstande nicht gewachsen ist." Kein Zweifel: Deutschland tat sich immer schwerer mit seinen" Intellektuellen als Frankreich, das sich auf die Ideen von 1789 stützte und wo mit dem Ausgang der Dreyfus-Affaire die Dritte Republik 1906 eine Art Neugründung" (Heinrich August Winkler) erlebte. Im Augenblick dieses nationalistischen und antisemitischen Exzesses fand nämlich die Geburtsstunde der Intellektuellen", wie sie sich fortan nannten, statt. Obschon es ja auch in Deutschland emanzipatorische Bewegungen gab, bleibt doch unbestreitbar, daß sich viele deutsche Intellektuelle in ihrem Staat nie wirklich geborgen fühlten. In Frankreich hingegen stehen eine Reihe Intellektuelle dem republikanischen Staat, der aus Aufklärung und Französischer Revolution entstanden ist, traditionell unverkrampft gegenüber. Für verschiedene deutsche Intellektuelle kam die Revolution" von 1918 hingegen zu spät und das Scheitern der Weimarer Republik, die Hitlerdiktatur - und in diesem Zusammenhang vor allem der verbrecherische Holocaust - ließen das Verhältnis zu einer deutschen (Staats-)Nation gar nicht erst zu. Viele Intellektuelle, Philosophen, aber auch Soziologen und Politologen haben zudem die Bedeutung der Nation in der Lebenswirklichkeit der Bürger nicht genügend ernstgenommen. Aber auch umgekehrt blieb die Diskussion von Politikern mit Intellektuellen eher die Ausnahme. Die - wenigen - Schriftsteller in den Parlamenten zogen sich meist entnervt und enttäuscht zurück. Indes ist das Spektrum der Intellektuellen keineswegs mehr so monolithisch", wie das insbesondere in den Fünfzigern schien. Insbesondere die einflußreiche Gruppe 47" erschien damals als Repräsentant der durch den Holocaust geprägten Gruppe einflußreicher Intellektueller. Intellektuelle" wurden allgemein der politischen Linken in der Bundesrepublik Deutschland zugerechnet - einer der Gründe für die mangelnde Dialogfähigkeit zwischen Politik und Intellektuellen. Der Literat Peter Schneider, 1968 einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung, formulierte denn auch lakonisch: Ganz offenbar ist es der Linken nicht gut bekommen, daß ihre Vordenker vierzig Jahre lang ein Quasimonopol auf den Titel Intellektueller innehatten." Der Redakteur der alternativen tageszeitung", Klaus Hartung, sieht das ähnlich: Nichts hat der kritischen Intelligenz mehr geschadet, als jene Der-Geist-steht-links-Haltung." In einer letztlich komplizierter werden Welt, in der die Dominanz großer Machtblöcke verschwand, stellte sich immer mehr heraus, daß in der Welt der Intellektuellen bis dahin dominante Positionen relativiert wurden. Immer mehr Intellektuelle erkannten, daß kollektive Vereinnahmung durch die politische Linke dem Wesen intellektuellen Denkens nicht entspricht. Diese kollektive Verortung erscheint heute obsolet.
Darüber hinaus leiden mit der Deutschen Einheit unterdessen viele Intellektuelle in Ost und West an dem Verlust einer antifaschistischen Tradition. Nicht die positiv zu umschreibende Annahme von Nation bildete das Grundgerüst ihres Denkens, sondern das abgrenzende Anti" zur deutschen Geschichte in Form eines Antifaschismus". Dies erklärt auch, daß viele mit der DDR weniger stark ins Gericht gingen. Wolf Lepenies beschrieb die Rolle von ostdeutschen Intellektuellen bezüglich der Situation im Wendejahr 1989 dann auch wie folgt: Intellektuelle hatten sich auf dem Felde ihrer ureigensten Kompetenz geirrt." Sie hätten die Bedeutung von Worten (Wir sind das Volk") mißverstanden. Der Mißerfolg der Intellektuellen in der DDR war weder das Pech von Amateur-Politikern noch der Fehlschluß von Möchtegern-Ökonomen. Er war das Desaster der interpretierenden Klasse." Bezogen auf die heutige Rolle der aus Ostdeutschland stammenden Intellektuellen geht der Historiker Hans-Ulrich Wehler sogar soweit, daß er eine unheilige" Allianz, welche die Neue Rechte mit einigen ostdeutschen Intellektuellen verbindet", deutlich beim Namen nennt: Heiner Müller, Stefan Heym, Christa Wolf, Hermann Kant, Stefan Hermlin, Christoph Hein, Volker Braun, um nur einige Prominente zu nennen, mühen sich heftig ab, ihren ursprünglich verinnerlichten Antikapitalismus in ein traditionsreiches antiwestliches Ressentiment zu transformieren, um die Suche nach dem heutigen Gral des wahren Sozialismus, der mit Honeckers Gulasch-Kommunismus und der Stalin-Herrschaft nichts zu tun haben soll, ungestört fortsetzen zu können."
In der Tat macht die staatliche Einheit die Interpretation der deutschen Nation - so verwirrend das zunächst klingen mag - eher schwieriger. Solange Deutschland geteilt und den beiden großen Machtblöcken zugeordnet war, erschien manchen Intellektuellen die Idee einer Kulturnation der Deutschen gerade wegen mancher Unverbindlichkeit attraktiv. Deutschlands Gestalt war nicht klar ziseliert und die politische Letztverantwortlichkeit den Deutschen genommen. Mithin wurde von vielen das utopische Moment eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Kommunismus intendiert. Solange Deutschland geteilt war, war insoweit die Welt vieler Intellektueller geordnet": Deutschland" konnte irgendwo zwischen Ost und West angesiedelt werden.
Gab es in der Vergangenheit für die geographische Bestimmung Deutschlands kein dauerhaft gültiges, geistiges und politisches Zentrum, sondern nur vorübergehende Mittelpunkte - im Gegensatz beispielsweise zu Frankreich -, so ist jetzt mit der deutschen Einheit des Jahres 1990 das theoretische Konstrukt einer deutschen Kulturnation überwunden. Irgendwelche territoriell-rechtlichen Ungeklärtheiten gibt es nicht mehr. Jacques Rupnik hat in seinem 1995 erschienenen Band Die Trennung der Nationen" (Le déchirement des nations") einen Nationstaat westlichen Typs von einem in Deutschland und weiter östlich verwirklichten Typus unterschieden. Demnach verstehen Frankreich und Großbritannien die Gesamtheit innerhalb seiner Grenzen lebenden Bürger als Nation - der westliche Nationalstaat. Deutschland und östliche Staaten würden dagegen Nation durch Abstammung und Sprache definieren. Rupnik weist in diesem Kontext auf die gefährlichen Entwicklungen hin, die eine solche Auffassung auslösen kann - so etwa in Jugoslawien. Es bleibt zu überlegen, ob Engländer und Franzosen - fragte man den Mann auf der Straße" - den Nationalstaat westlichen Typs für ihr Land tatsächlich so akzeptieren würden. Eines bleibt für Deutschland indes unbestritten: Mit der Wiedererlangung der völkerrechtlichen Souveränität muß das zur Staatsnation gewordene Deutschland in eigener Autonomie seiner größer gewordenen politischen Bedeutung wie Verantwortung gerecht werden - ohne daß bislang das europäische Haus fertiggestellt wurde. Der eigentliche Kern der europapolitischen Debatte in Deutschland ließe sich zuspitzen: Wenn die Verwirklichung einer europäischen politischen Union auf die lange Bank geschoben wird, dann steht Deutschland vor der vielleicht kompliziertesten Aufgabe seiner Geschichte, nämlich zu einem normalen" Nationalstaat werden zu müssen. Hierzu gehört geistige Führung, die nicht nur allein Politikern überlassen werden darf, Intellektuelle" wären also gefordert - gerade wenn es [angeblich auch] das Bedürfnis nach einer ethischen Diskussion gibt. Dennoch: Die intellektuell unterfütterte Diskussion ist wenig gefragt, obwohl der Bedarf an kollektiver Identität der Deutschen offenbar nicht ausreichend befriedigt ist und das Zusammenwachsen der Deutschen noch viel Zeit erfordert.
Dennoch hat die Lust zum intellektuellen Diskurs über die Rolle der Nation in einer Zeit, in der die deutsche Einheit vielfältige Folgen für Ökonomie und Sozialpolitik mit sich bringt - man denke nur an die jährlich sich steigernde dramatische Schuldenlast, die Sicherheit der Arbeitsplätze oder die Sicherheit der Renten - dramatisch nachgelassen. Anders ausgedrückt: Je besser es den (West-)Deutschen materiell ging, um so mehr wurde über postmaterielle" Fragen, wie beispielsweise die Rolle der Nation gestritten. Je schwieriger sich das Zusammenwachsen ökonomisch und sozial gestaltet, desto mehr wird pragmatisch" gehandelt. Manche erklären diesen alles überwölbenden Pragmatismus mit einem zunehmenden Ausstieg der Politik aus der alltäglichen Lebenswelt. Der Problemhorizont scheint klar: Immer weniger können die Intellektuellen ihrer bisherigen Rolle als Konstrukteure deutscher Einheit und Identität nachkommen - und dies, obwohl der Erklärungsbedarf steigt. Einerseits haben die Intellektuellen und Wissenschaftler die Rolle des Nationalen in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft unterschätzt und die Nationalstaaten in Folge der Auflösung der Blöcke" von Ost und West eine Renaissance erfahren. Andererseits befindet sich der Nationalstaat als solcher in der Krise, denn es steht außer Frage, daß fundamentale, politisch-existenzielle Fragen wie die Friedenssicherung und der Umweltschutz nicht mehr rein nationalstaatlich gelöst werden können.
Nation und Demokratie
All das bisher Gesagte zeigt auf, wie schwer es die Deutschen mit ihrer Nation haben - weniger vielleicht die Deutschen, als insbesondere die Intellektuellen, die Interpretierenden. Was ist nun heute - im sechsten Jahr der deutschen Einheit - unter Identität der Deutschen zu verstehen? Mit Identität beschreiben wir - worauf auch Werner Weidenfeld hinweist - zunächst jene Summe von Orientierungswissen, das grundlegender Bestandteil individueller Existenz ist. Bestimmungsfaktoren persönlicher Identität sind Erlebtes und Reflektiertes aus der Vergangenheit, Gegenwartseinflüsse, soziale und politische Einordnung, Selbstbild und Lebensumstände, sowie die gedankliche Vorwegnahme des zukünftigen Handelns. Auch kollektive Identität, ob man sie als bloßes Zusammengehörigkeitsgefühl oder als Nationalbewußtsein versteht, bedeutet in gewisser Weise Orientierung durch die Kategorien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Heute stehen die Deutschen vor der historischen Herausforderung, zu einer gemeinsamen Identität zu finden, ohne die die staatliche Einheit Fiktion bleiben müßte. Dabei geht es um nichts Geringeres als um die Verbindung von Nation und Demokratie in den Köpfen und Herzen der Menschen. Die starke Bindung des Nationbegriffs an die Demokratie verhindert seine ausschließlich ethnische Ausrichtung. Gleichzeitig bleibt der Nationalgedanke an den Europagedanken gebunden und damit immunisiert gegen anti-europäische Nationalstaatsinterpretationen. Doch braucht eine kollektive Identität das ebenso rationale wie emotionale Fundament eines Nationalbewußtseins: die Identifizierung mit einer freiheitlichen Verfassung, der Solidarität der Menschen untereinander und die Besinnung auf eine gemeinsame traditionsreiche Geschichte - nicht nur der Höhen, auch der beschämenden Tiefen. Kollektive Identität macht sicher und stärkt in Zeiten der Umbrüche, befähigt zu Perspektiven in der Besinnung auf Bewährtes, in der Erkenntnis um Überholtes und im Wissen um die Notwendigkeit der Innovation. Identität schafft - nicht zuletzt die psychologische - Sicherheit, sich neuen Aufgaben zu öffnen, und die Bereitschaft, einzusehen, daß nationale Abschottung längst zum Anachronismus geworden ist. Grenzen teilen die Deutschen nicht mehr, auch nicht die Europäer - aber sie schützen diese auch nicht mehr. Fast instinktiv suchen die Menschen in dieser Lage den Rückhalt der nationalen Gemeinschaft - auch in Zeiten des europäischen Binnenmarktes und des Maastricht-Vertrages. Die Verwurzelung in Heimat, Region und Europa sind vielen wichtig.
Die gewiß nicht einfach zu vollbringende Einheit der Deutschen sollte als historische Chance begrüßt werden. Aufgabe muß es sein, den demokratischen Rechtstaatsgedanken - der mehr ist als bloßer Verfassungspatriotismus" -, sinnvoll mit Werten und geschichtsbewußtem Nationalbewußtsein, das auch ein emotionales Bekenntnis mit diesem deutschen Staat einschließen kann, zu verbinden. Und so kann möglich werden, was Thomas Mann 1953 erhoffte: ein Deutschland als selbstbewußt dienendes Glied eines in Selbstbewußtsein geeinten Europa". Selbstbewußtsein läßt sich nur mit Blick auf die eigene Geschichte gewinnen. Geschichtliche Verantwortung für gemeinsame Geschichte in Deutschland ist freilich unteilbar- eine Gewißheit, mit der sich auch die Bürger der alten Länder heute konfrontiert sehen. Nationales Bewußtsein ist unabdingbar verknüpft mit Geschichtsbewußtsein, nämlich "Vergangenes zu wissen und es als Vergangenes zu wissen", schreibt Hättich - und hinzuzufügen ist: "und es als Gemeinsames zu begreifen." | |||||||||||||||||||||||||||||