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aus: Rheinischer Merkur Nr. 28, 13. Juli 2006
STRALSUND / George W. Bush besucht Angela Merkels Heimat. Oder doch nicht? Die Kanzlerin kommt nämlich gar nicht aus Vorpommern Fisch in Alufolie statt Pfälzer Saumagen
GERD LANGGUTH
Welches typische Landesgericht wird sich Angela Merkel ausdenken, wenn der amerikanische Präsident in Kürze „ihren Wahlkreis“ – Stralsund und Rügen – besuchen wird? Wird sie ähnlich stilbildend wirken wie ihr Vor-Vorgänger Helmut Kohl, der gnadenlos ihm wichtige ausländische Potentaten dem Pfälzer „Saumagen“ auslieferte, auch wenn sie mehr der Haute Cousine vornehmer französischer Restaurants zuneigten? Mit der Einladung Bushs in ihren landschaftlich schönen Wahlkreis, auch in die historische Hansestadt, hat Merkel einmal mehr gezeigt, dass sie erfolgreiche Instrumente ihres einstigen Mentors Helmut Kohl abkupfert.
Er zeigte befreundeten Staatsmännern gerne seine Pfälzer Heimat. Bush lädt als besondere Geste auf seine texanische Ranch ein, Merkel will mit ihrer Einladung richtigerweise das Gesprächsklima mit Bush pflegen.
Vergleichbar ist diese Reise mit der Einladungspolitik Kohls schon – und doch gibt es einen Unterschied. Kohl lud in eine Landschaft ein, die ihm seit Kindesbeinen vertraut war, wo er geboren wurde, wo er seine Familie gründete, wo er lange Jahre erfolgreicher Ministerpräsident war. Der „Stralsund-Nordvorpommern-Rügen“ genannte „Wahlkreis 15“ ist nicht „die“ Heimat der ersten deutschen Bundeskanzlerin, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ihre „Wahlheimat“.
Denn die kreisfreie Hansestadt Stralsund, die Insel Rügen und der gesamte Landkreis Nordvorpommern mit der Stadt Grimmen als Sitz des Landratsamtes ist lediglich das Mandatsgebiet der direkt gewählten Abgeordneten Merkel. Ihre Heimat ist hingegen Templin und die Uckermark im angrenzenden Bundesland Brandenburg.
Genau dort strebte sie zu Beginn ihrer politischen Karriere nach einer „Hausmacht“, vergebens allerdings. Merkel kandidierte auf einem legendären Landesparteitag in Kyritz an der Knatter am 23. November 1991 für den CDU-Landesvorsitz – und verlor: übrigens ihre bisher einzige „echte“ politische Niederlage. Die damalige Bundesfamilienministerin blieb daraufhin Bundestagsabgeordnete in Vorpommern.
Auch wenn sie so etwas suggeriert: „Heimatgefühle“ wird Merkel also kaum zu vermitteln in der Lage sein, zumal sie sich mit Emotionalem nach wie vor – trotz ihrer Temperamentsausbrüche im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft – schwer tut. Sie wird aber für drei Tage die Scheinwerfer der Weltpolitik in eine Region lenken, der die Öffentlichkeit auch in Deutschland bislang wenig Beachtung schenkt, eine Gegend, in der übrigens die Arbeitslosigkeit beklemmend hoch ist. Der Besuch ist so etwas wie eine Dankesgeste, stellt doch diese Region die Basis für den einzigartigen politischen Senkrechtstart der in Hamburg geborenen Merkel dar.
Bei der Kandidatenaufstellung für die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen 1990 warf Merkel in letzter Sekunde zwei westdeutsche Kandidaten aus dem Rennen, die den Kampf zunächst unter sich ausgemacht zu haben schienen. Der Wahlakt war eigentlich schon abgeschlossen, doch wurden von Merkel-Unterstützer Günther Krause, damals CDU-Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern und später Bundesverkehrsminister, „Formfehler“ entdeckt. Merkel konnte dann noch etwa zehn Tage vor der neuen und entscheidenden Nominierungsversammlung ins Gespräch gebracht und unter den Delegierten bekannt gemacht werden.
Diese fand am 27. September 1990 im „Haus der Armee im Objekt der Militärtechnischen Schule“ der damals noch existierenden Nationalen Volksarmee (NVA) in Prora/Rügen statt. Wolfhard Molkentin aus Grimmen sorgte mit eiserner Hand dafür, dass die mit dem Bus angereisten CDU-Parteifreunde aus Grimmen erst abreisten, als sich Angela Merkel insbesondere gegen den eigentlichen Favoriten und Oldenburger Banker Hans-Günther Zemke mit seinen 45,9 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang mitternächtlich durchsetzte. Krause hatte seinerzeit Molkentin ermuntert, sich für Merkel einzusetzen.
Mittlerweile ist Molkentin Landrat, und so kann er, dem Merkel seine Wahl verdankt, den US-Präsidenten auf dem Landeplatz in Trinwillershagen begrüßen, wenn er dort mit dem Hubschrauber ankommt. Auch Harald Lastovka wird als Oberbürgermeister der Hansestadt Stralsund das besondere Vergnügen haben, den amerikanischen Präsidenten in seiner dann hochgradig gesicherten Stadt zu empfangen. Er gehört nicht nur zu den besonderen Unterstützern Merkels in ihrem Wahlkreis, sondern auch zu ihrem engeren Freundeskreis. Lediglich dem der SPD angehörenden Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringstorff, wird beim Eintreffen der „Air Force One“ zu später Abendstunde auf dem Rostocker Flughafen eine nur protokollarische Rolle zugedacht: Er begrüßt den hohen Gast und Präsidenten der einzig verbliebenen Weltmacht. Ob das auch sein besonders amerikakritischer Koalitionspartner PDS begrüßt?
Die wenig nostalgische „Angela“ hätte ihrem „George“ natürlich auch Templin und die Uckermark zeigen können. Das wäre zwar eine Reise in die Vergangenheit, aber auch in die eigentliche Heimat gewesen. Und was wird es statt Saumagen zu essen geben? Dem Journalisten Clemens-Christian Makosch vertraute sie 2001 für sein Kochbuch „Was Politiker so anrichten“ zwei nicht auf Mecklenburg-Vorpommern hindeutende Lieblingsgerichte an: „Fisch in Alufolie mit italienischem Battuto und Borschtsch – Russische Kohlsuppe mit Fleisch“.
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