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Rheinischer Merkur, Nr. 37. 11. September 2008

Die Nachfolger warten schon

Der Bonner Politologe Gerd Langguth über die Zukunft der Großen Koalition.

 

Rheinischer Merkur: Woran ist Kurt Beck gescheitert?

Gerd Langguth: Er dachte, die SPD von Mainz aus lenken zu können. Spätestens nach dem Rücktritt von Franz Müntefering als Arbeitsminister hätte er ins Bundeskabinett wechseln müssen. Zudem hat Beck einen Zickzackkurs gegenüber der Linken gefahren. Das war für die SPD auf Dauer nicht tragbar.

RM: Ist Becks designierter Nachfolger Franz Müntefering mehr als ein Übergangsvorsitzender?
Langguth: Nein, die Ypsilantis und Wowereits der SPD stehen innerlich längst bereit, Müntefering abzulösen.

 

RM: Welche Auswirkungen hat der Führungswechsel auf die SPD als Regierungspartei?
Langguth: Das Grundproblem bleibt bestehen: Die SPD ist sich nicht klar, ob sie Regierungs- oder Oppositionspartei sein will. Müntefering als der Konstrukteur der Großen Koalition wird allerdings stärker darauf achten, dass die Erfolge der Koalition gemeinsame Erfolge sind und nicht nur allein die der Kanzlerin.

 

RM: Mit ihm und Steinmeier nehmen die Schröderianer das Heft wieder fest in die Hand …
Langguth: … was aus Sicht des linken SPD-Flügels unerträglich ist. Ausgerechnet die Protagonisten, die für Hartz IV und die Rente mit 67 stehen, setzen sich an die Parteispitze. Die stärker gewordene Parteilinke ist nicht repräsentiert. Ich glaube an die Wahl von Müntefering erst, wenn sie gelaufen ist.

 

RM: Wird es für die Große Koalition also noch schwieriger zu regieren?
Langguth: Nicht mehr als bisher. Wahlkampf gehört bei Schwarz-Rot seit der ersten Minute dazu. Allerdings werden sich alle Augen auf Steinmeier richten, wie er den Spagat zwischen Außenminister und Wahlkämpfer aushält.

 

RM: Wie wird er agieren?
Langguth: Er dürfte nicht allzu tief in die Niederungen der Innenpolitik hinabsteigen wollen, sondern versuchen, seinen Beliebtheitsgrad durch die Rolle als Außenminister zu mehren.

 

RM: Im Kaukasus-Konflikt hat er sich bereits von der Kanzlerin abgesetzt. Werden solche Differenzen zunehmen?
Langguth: Merkel und Steinmeier sind sich persönlich in ihren außenpolitischen Grundüberzeugungen näher, als es die sozialdemokratische Parteiräson erlaubt. Für ihn ein Dilemma: Sollte sich herausstellen, dass der Außenminister in wichtigen Fragen zu sehr parteitaktisch eine andere Linie als die Kanzlerin verfolgt, würde er seinem eigenen Image schaden. Steinmeiers hoher Sympathiewert hängt von dem Konsens ab, der in der Außenpolitik mit der Regierungschefin besteht.

 

RM: Droht Steinmeier bei der Verlängerung des Afghanistan-Mandats mit der SPD-Linken zu kollidieren, die  Sinn des Einsatzes bezweifelt?
Langguth: Das wird ein schwieriger Balanceakt. Steinmeier wird gezwungen sein, in dieser Frage stärker seine Außenministerrolle zu spielen. Wenn er die Parteipolitik in den Vordergrund stellt, ist sein Ruf ramponiert.

 

RM: Verändert die Rückkehr von Franz Müntefering den Handlungsspielraum der Kanzlerin?
Langguth: Angela Merkel verband mit Franz Müntefering ein Verhältnis von wenngleich begrenzter Herzlichkeit. Daran kann sie positiv anknüpfen. Das Verhältnis zu Steinmeier war stets kühl, aber sachlich. Das ist keine schlechte Voraussetzung für ein Zweckbündnis, bei dem man sich zusammenraufen muss.

 

RM: Ist es unter der neuen SPD-Spitze wahrscheinlicher geworden, dass Schwarz-Rot über 2009 hinaus hält?
Langguth: In dem Moment, in dem die SPD die Koalition vor der Wahl verlässt, wäre das ein politischer Freitod. Hält Steinmeier Wort und geht nicht mit der Linken zusammen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Schwarz-Rot auch nach der Bundestagswahl 2009 weiterbesteht.
 

RM: Ein Horrorszenario für die SPD-Linke. Ist es denkbar, dass sie beim Parteitag zur Wahl Münteferings einen Gegenkandidaten aufbietet?

Langguth: Nach normalen Gesetzen politischer Logik in Deutschland nicht. Aber in der SPD gibt es so viel anarchische Reflexe – siehe seinerzeit den Putsch Lafontaines gegen Scharping –, dass ich alles für denkbar halte. Es ist aus Sicht der Linken jedenfalls eine Katastrophe, dass die Agenda-2010-Verfechter jetzt das SPD-Profil schärfen.

 

RM: Die FDP fordert sofortige Neuwahlen. Ein denkbares Szenario?
Langguth: Nein. Der Bundespräsident kann bei einer Großen Koalitio kaum den Nachweis bekommen, dass die Kanzlerin nicht weiterarbeiten kann, wo doch die wichtigsten Koalitionäre betonen, sie wollten bis 2009 durchhalten. Außerdem hat die SPD beim jetzigen Umfragestand überhaupt kein Interesse an Wahlen.

 

RM: Wie wirken sich die Ereignisse auf anstehende Landtagswahlen aus?
Langguth: Sie rufen in Erinnerung, dass die Linke und nicht die CDU der eigentliche Angstgegner der SPD ist. Für Bayern sehe ich kurzfristig keine Konsequenzen. Klar ist aber schon jetzt: Wird Andrea Ypsilanti mit den Stimmen der Linken zur hessischen Ministerpräsidentin gewählt, wird der gesamte Bundestagswahlkampf unter der Frage geführt: Wie hältst du, SPD, es mit den Ex-Kommunisten?

Das Gespräch führte Matthias Gierth.