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aus: Rheinischer Merkur Nr. 41, 13. Oktober 2005
Der Weg für Angela Merkel ins Kanzleramt ist frei. Welchen Stempel wird sie dem Amt aufdrücken?
Bei ihr wird das Herausragende sein, dass sie wegen ihrer gesamtdeutschen
Sozialisation die deutsche Einheit geradezu verkörpert. Weiterhin will sie
keine reine Generalistin sein. Denn sie hat die Tendenz, sich auch um die
Details der Politik zu kümmern. Das spielt insbesondere bei internationalen
Verhandlungen eine Rolle. Sie wird sich also nicht über den Tisch ziehen
lassen – wie seinerzeit auf EU-Ebene Gerhard Schröder beim Agrarkompromiss von
Jacques Chirac. Gleichzeitig könnte diese Eigenschaft jedoch auch zu Problemen
bei der Zusammenarbeit mit der SPD führen, die sich bekanntermaßen „auf
gleicher Augenhöhe“ mit der Union sieht.
Politisch setzt die CDU-Chefin stark auf das Primat der persönlichen
Freiheit, während die SPD eher in den Kategorien von Verteilungsgerechtigkeit
denkt. Wie soll das zusammengehen?
Das wird ganz schwer in einer Koalition, die ja eine Zwangsehe und keine
Liebesheirat ist. Es kann aber funktionieren, weil Angela Merkel keine
Ideologin, sondern eine sehr pragmatische Politikerin ist. Sie wurzelt nicht
sehr tief in christdemokratischem Gedankengut, das macht ihr Kompromisse
leichter.
Birgt das nicht die Gefahr, dass sie sich im Laufe ihrer Kanzlerschaft sehr
stark von ihrer Stammwählerschaft entfernt?
Ja, das war bereits ein großes Manko im Wahlkampf. Die klassische Klientel der
Union fühlte sich von ihr nicht genügend angesprochen. Die Wertefragen in
Bildung und Erziehung kamen beispielsweise zu kurz. Gerade in einer Großen
Koalition wird sie noch schwerer in der Lage sein, die „Seele der Union“ zu
repräsentieren.
Nach wie vor wird sie von vielen Spitzenpolitikern der CDU/CSU mehr
geduldet als geliebt. Welche Rolle wird das spielen?
Geliebt zu werden ist für einen Politiker schwer, aber sie wird respektiert.
Besonders für Merkel gilt:Sie wird nur so lange fest im Sattel sitzen, wie sie
Erfolg hat. Bleibt dieser aus, werden es Unions-Granden wagen, an ihrem Stuhl
zu sägen.
In Ihrer Biografie beschreiben Sie Angela Merkel als unfähig, emotionale
Bindungen entstehen zu lassen. Wie soll dann gerade sie ein
Vertrauensverhältnis zur SPD aufbauen?
Auf die Journalistenfrage, wie sie sich nach dem Durchbruch in den
Verhandlungen fühlt, hat Angela Merkel bloß geantwortet:„Bin guter Stimmung.“
Das ist ein Beispiel für ihre unterentwickelte Emotionalität. Im kleineren
Kreis, abseits der Medien und somit der Öffentlichkeit, ist sie allerdings
eher in der Lage, persönliche Bindungen aufzubauen. Außerdem ist sie als
gelernte Physikerin auf eine rationale Art und Weise verlässlich, wenn es um
die Einhaltung von Zusagen geht.
Stehen wir mit Angela Merkel vor einer Episode oder einer Epoche?
Sie besitzt die Fähigkeiten, aus ihrer Regierungszeit eine Epoche zu machen –
aber erst muss sie in vier Jahren wiedergewählt werden. Wenn sie erst einmal
die Aura einer Bundeskanzlerin annimmt, wird sie zusätzlich von einem
Amtsbonus profitieren können – dies war ja zuletzt auch bei Gerhard Schröder
der Fall, auch wenn ihm darüber hinaus sein ohne Zweifel größeres Charisma und
sein geschickterer Umgang mit den Medien zugute kamen. Ich befürchte
allerdings, dass wir trotz der drängenden Probleme nur eine Regierung
bekommen, die auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner agiert.
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