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Der Politologe Gerd Langguth erklärt, was die Kanzlerin nach dem 30. Juni ändern sollte.
Rheinischer Merkur: Welche Botschaft an Schwarz-Gelb
geht vom Verlauf der Bundesversammlung aus?
Gerd Langguth: Die Tatsache, dass ein dritter
Wahlgang benötigt wurde, zeigt, dass die Reihen in Union und FDP nicht mehr
geschlossen sind. Es ist ein Denkzettel an die Adresse von Angela Merkel,
Guido Westerwelle und Horst Seehofer und eine Kritik, dass die Entscheidung
für Christian Wulff als Kandidat innerparteilich nicht rückgekoppelt wurde.
Mit seiner Person haben die Ergebnisse des ersten und zweiten Wahlgangs kaum
etwas zu tun. Einige Delegierte haben die Bundespräsidentenwahl einfach als
Blitzableiter für innerparteiliche Spannungen in Union und FDP genutzt.
Langguth: Es war nicht zu erwarten, dass sich so
viel Unzufriedenheit in der Abstimmung Bahn bricht. Dass es im ersten Wahlgang
knapp wird, allerdings schon. Hinter der hohen Abweichlerzahl verbirgt sich
keine konzertierte Aktion. Es waren individuelle Entscheidungen einzelner
Delegierter, die jedoch auch dadurch zu erklären sind, dass Joachim Gauck
große Sympathien im Unionslager hatte.
Langguth: Es war eine Gemengelage aus beidem. Vor
den wichtigen Landtagswahlen des nächsten Jahres wollten einige Delegierte
Merkel einen Warnschuss verpassen. Wer die Schützen waren, wissen wir nicht.
Es gibt immer Leute, die sind mutig in Wahlkabinen, aber nicht außerhalb.
Langguth: Angela Merkel ist zäh. Sie wird sich nach
außen nicht verzagt zeigen. Aber wenn es ihr in einer so wichtigen
Personalfrage nicht gelingt, die Reihen zu schließen, ist es für sie ein
bedrohliches Zeichen. Sie muss sich jetzt einen mutigen Schachzug überlegen,
damit sie nach innen wie außen wieder handlungsfähig erscheint.
Langguth: Sie muss ihren gesamten Regierungsstil
überprüfen und endlich deutlich machen, was eigentlich das christlich-liberale
Projekt ist. Insbesondere die Glaubwürdigkeit in der Wirtschafts- und
Finanzpolitik muss sie deutlich erhöhen. In der Bevölkerung herrscht äußerst
große Verunsicherung über die Stabilität des Euro. Zu diesem Gefühl hat
maßgeblich beigetragen, dass die Zusammenarbeit zwischen Merkel und
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble alles andere als reibungslos
funktioniert hat. Außerdem muss die Kanzlerin auch der FDP gelegentlich einmal
einen Erfolg gönnen, denn auch die Freidemokraten müssen sich in der Koalition
wiederfinden.
Langguth: Es wird in der Tat schwierig für Merkel,
die Querschüsse aus München zu beenden. Dennoch muss es ihr gelingen, der CSU
klarzumachen, dass die dauernden Södereien das Gegenteil von Geschlossenheit
und Überzeugungskraft bewirken.
Langguth: Die Tatsache, dass sich einige Delegierte
aus welchen Motiven auch immer nur ihrem Gewissen unterworfen haben und die
Dinge nicht ganz reibungslos über die Bühne gingen, ist ein Zeichen dafür,
dass Politik nicht vollständig von parteipolitischen Interessen dominiert ist.
Demokratie bedeutet immer auch Kampf um Mehrheiten. Insofern sind die drei
Wahlgänge aus demokratietheoretischer Sicht überhaupt kein Problem.
Langguth: Jeder Bundespräsident spielt die Rolle
eines Ersatzmonarchen und wird sehr schnell von der Bürgern geliebt werden.
Auch Roman Herzog war ein äußerst beliebter Präsident, obwohl er erst im
dritten Wahlgang gewählt wurde.
Langguth: Auf jeden Fall. In Deutschland herrscht
zurzeit eine Anti-Parteien-Stimmung wie sie die Bundesrepublik noch nicht
erlebt hat. Von daher war es ein geschickter Schachzug von Rot-Grün, einen
Parteilosen ins Rennen zu schicken. Ich bin aber sehr gespannt, ob SPD und
Grüne immer noch einen überparteilichen Kandidaten aufstellen, wenn sie eines
Tages einmal die Mehrheit haben.
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