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Rheinischer Merkur, 1. September 2010
Roland Koch trat als 14-Jähriger in die
Junge Union ein und wurde schon in seinem Elternhaus mit Politik konfrontiert:
Sein Vater war hessischer Justizminister. Nachdem Koch seinen Wehrdienst
abgeleistet hatte, setzte er sein politisches Engagement mit voller Kraft fort,
studierte zugleich Rechtswissenschaften und wurde 1985 schließlich als
Rechtsanwalt zugelassen. Zunächst war er kommunalpolitisch aktiv und lernte das
politische Geschäft von der Pike auf. Von 1983 bis 1987 war er stellvertretender
Bundesvorsitzender der Jungen Union, 1998 wurde er Landesvorsitzender der CDU in
Hessen – und schließlich am 7. April 1999 als Nachfolger Hans Eichels zum
Ministerpräsidenten gewählt. Als stellvertretender Bundesvorsitzender seiner
Partei spielte er immer wieder auf der bundespolitischen Bühne. Das soll’s also
jetzt gewesen sein? Alle rätseln, was er nun machen wird –
und vielleicht wird man feststellen, dass es für einen ehemaligen
Ministerpräsidenten nicht so einfach ist, eine neue, ihm angemessene Aufgabe
außerhalb der Politik zu finden. Nicht jeder hat die Auswahlmöglichkeiten eines
Ex-Kanzlers Schröder, der sich bei dem Ostseepipeline-Betreiber Nord Stream
verdingt, beim Ringier-Verlag, im Beirat der französischen Bank Rothschild. Dass
ausgerechnet Koch einmal von der Politik loslässt, war jedenfalls nicht zu
erwarten. Oder doch? Für Koch, der mit ausgeprägtem Fleiß das Land der Hessen
regierte, muss es ein Warnzeichen gewesen sein, dass er – zusammen mit der FDP –
bei der letzten Landtagswahl nur knapp gewonnen hatte – obwohl seine
SPD-Gegenkandidatin Andrea Ypsilanti eine Quasi-Koalition mit der
postkommunistischen Linkspartei anstrebte und damit ihr Wahlversprechen
gebrochen hatte. Koch wollte den Zeitpunkt seines Abschieds lieber selbst
bestimmen, statt sich abwählen zu lassen. Entgegen dem Bild, das in der Presse
vielfach von ihm gezeichnet worden ist: Koch war zwar ein Gegner von Merkel –
ihre Sozialisation und politischen Welten liegen weit auseinander –, doch nach
der Entscheidung der Union, die Merkel zur Kanzlerschaft führte, war er
ausgesprochen loyal ihr gegenüber. Dies zeigte sich auch während der jüngsten
Bundesversammlung: Es dürfte seine Rede in der Unionsfraktion der
Bundesversammlung gewesen sein, die manchen Delegierten, die sich bis dahin der
Wahl Christian Wulffs verweigert hatten, einen Ruck gegeben hat. Im dritten
Wahlgang erhielt Wulff nicht nur die einfache, sondern sogar die absolute
Mehrheit. Ob die Kanzlerin ihm all das dankt? Sicher wollte Koch nicht einfacher
Bundesminister unter Merkel werden. Wichtig dürfte ihm seine innere
Unabhängigkeit gewesen sein, denn im Zweifel hätte sich dieser „unvollendete“
Politiker wohl für den besseren Kanzler gehalten. Hätte Merkel ihm aber die
Perspektive eines Finanzministers geboten, hätte Koch dann Nein sagen können?
Die internationale Finanzwelt ist seine
wahre Leidenschaft. Kochs Reisen nach Wisconsin und Washington, wo er in
fließendem Englisch einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen hat,
unterstreichen seine Kompetenz. Er wäre nicht nur ein Budgetminister gewesen,
sondern ein Finanzminister, der sich mit den internationalen Finanzströmen
auskennt. Roland Koch beherrschte das Handwerk des Regierens. Zudem wusste er
fair mit einem Koalitionspartner umzugehen. Aber er hat es versäumt, jüngere
Politiker so an sich zu binden, dass sie bereits für Regierungsämter in Betracht
kommen. Sein Nachfolger ist sogar sechs Jahre älter als er selbst. Kochs Problem war, dass er allein durch seine argumentative Schneidigkeit polarisierte; manche Mitdiskutanten ließ er seine intellektuelle Überlegenheit spüren. Und bei der Aufklärung des CDU-Spendenskandals – das Finanzierungssystem hatte er nicht selbst geschaffen, sondern übernommen – setzte er nicht von Anfang an auf Ehrlichkeit, was er heute bereut.
Koch wird der Union fehlen, gerade wegen seiner fachlichen
Kompetenz. Er weiß – besser als seine Parteivorsitzende –, wie die
CDU-Mitglieder ticken. Elf Jahre war er Ministerpräsident: Politik sei nicht
sein Leben, damit begründete er seinen Abgang. Diese Aussage wirkt nicht
besonders überzeugend. Aber jetzt ist er erst einmal weg – und mit ihm eine
weitere Flügelpersönlichkeit der Union.
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