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Rheinischer Merkur, 1. September 2010

 

ROLAND KOCH 
 
Der Unvollendete zieht sich zurück
 


Seine fachliche Kompetenz wird den Christdemokraten fehlen

 

VON GERD LANGGUTH
 


In der CDU geht der letzte bedeutende „Kohlianer“ von Bord. Bis in die Gegenwart repräsentierte Roland Koch noch die „alte Union“, war eine Art Bindeglied zwischen der heutigen Merkel-CDU und der Ära des „ewigen Kanzlers“. Das Bundeswehrorchester verabschiedete Koch mit der Nationalhymne, dem Hessenlied und einigen Stücken von Udo Jürgens, mit dem er befreundet ist. Dabei wäre Schuberts „Unvollendete“ die bessere Wahl gewesen, denn dass sich der 52-Jährige gänzlich aus der Politik zurückzieht, ist immer noch nicht wirklich vorstellbar.
 

Roland Koch trat als 14-Jähriger in die Junge Union ein und wurde schon in seinem Elternhaus mit Politik konfrontiert: Sein Vater war hessischer Justizminister. Nachdem Koch seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, setzte er sein politisches Engagement mit voller Kraft fort, studierte zugleich Rechtswissenschaften und wurde 1985 schließlich als Rechtsanwalt zugelassen. Zunächst war er kommunalpolitisch aktiv und lernte das politische Geschäft von der Pike auf. Von 1983 bis 1987 war er stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Union, 1998 wurde er Landesvorsitzender der CDU in Hessen – und schließlich am 7. April 1999 als Nachfolger Hans Eichels zum Ministerpräsidenten gewählt. Als stellvertretender Bundesvorsitzender seiner Partei spielte er immer wieder auf der bundespolitischen Bühne. Das soll’s also jetzt gewesen sein?
 

Alle rätseln, was er nun machen wird – und vielleicht wird man feststellen, dass es für einen ehemaligen Ministerpräsidenten nicht so einfach ist, eine neue, ihm angemessene Aufgabe außerhalb der Politik zu finden. Nicht jeder hat die Auswahlmöglichkeiten eines Ex-Kanzlers Schröder, der sich bei dem Ostseepipeline-Betreiber Nord Stream verdingt, beim Ringier-Verlag, im Beirat der französischen Bank Rothschild. Dass ausgerechnet Koch einmal von der Politik loslässt, war jedenfalls nicht zu erwarten. Oder doch? Für Koch, der mit ausgeprägtem Fleiß das Land der Hessen regierte, muss es ein Warnzeichen gewesen sein, dass er – zusammen mit der FDP – bei der letzten Landtagswahl nur knapp gewonnen hatte – obwohl seine SPD-Gegenkandidatin Andrea Ypsilanti eine Quasi-Koalition mit der postkommunistischen Linkspartei anstrebte und damit ihr Wahlversprechen gebrochen hatte. Koch wollte den Zeitpunkt seines Abschieds lieber selbst bestimmen, statt sich abwählen zu lassen.
 

Entgegen dem Bild, das in der Presse vielfach von ihm gezeichnet worden ist: Koch war zwar ein Gegner von Merkel – ihre Sozialisation und politischen Welten liegen weit auseinander –, doch nach der Entscheidung der Union, die Merkel zur Kanzlerschaft führte, war er ausgesprochen loyal ihr gegenüber. Dies zeigte sich auch während der jüngsten Bundesversammlung: Es dürfte seine Rede in der Unionsfraktion der Bundesversammlung gewesen sein, die manchen Delegierten, die sich bis dahin der Wahl Christian Wulffs verweigert hatten, einen Ruck gegeben hat. Im dritten Wahlgang erhielt Wulff nicht nur die einfache, sondern sogar die absolute Mehrheit. Ob die Kanzlerin ihm all das dankt?
 

Sicher wollte Koch nicht einfacher Bundesminister unter Merkel werden. Wichtig dürfte ihm seine innere Unabhängigkeit gewesen sein, denn im Zweifel hätte sich dieser „unvollendete“ Politiker wohl für den besseren Kanzler gehalten. Hätte Merkel ihm aber die Perspektive eines Finanzministers geboten, hätte Koch dann Nein sagen können?
 

Die internationale Finanzwelt ist seine wahre Leidenschaft. Kochs Reisen nach Wisconsin und Washington, wo er in fließendem Englisch einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen hat, unterstreichen seine Kompetenz. Er wäre nicht nur ein Budgetminister gewesen, sondern ein Finanzminister, der sich mit den internationalen Finanzströmen auskennt. Roland Koch beherrschte das Handwerk des Regierens. Zudem wusste er fair mit einem Koalitionspartner umzugehen. Aber er hat es versäumt, jüngere Politiker so an sich zu binden, dass sie bereits für Regierungsämter in Betracht kommen. Sein Nachfolger ist sogar sechs Jahre älter als er selbst.
 

Kochs Problem war, dass er allein durch seine argumentative Schneidigkeit polarisierte; manche Mitdiskutanten ließ er seine intellektuelle Überlegenheit spüren. Und bei der Aufklärung des CDU-Spendenskandals – das Finanzierungssystem hatte er nicht selbst geschaffen, sondern übernommen – setzte er nicht von Anfang an auf Ehrlichkeit, was er heute bereut.

Koch wird der Union fehlen, gerade wegen seiner fachlichen Kompetenz. Er weiß – besser als seine Parteivorsitzende –, wie die CDU-Mitglieder ticken. Elf Jahre war er Ministerpräsident: Politik sei nicht sein Leben, damit begründete er seinen Abgang. Diese Aussage wirkt nicht besonders überzeugend. Aber jetzt ist er erst einmal weg – und mit ihm eine weitere Flügelpersönlichkeit der Union.